Auf Arzt-Konfrontationskurs

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Auf Arzt-Konfrontationskurs war letztens meine Kollegin.

Auf das Rezept hat der Arzt geschrieben: Voltaren Salbe.

Die Patientin ist aber unsicher, ob es das richtige ist. Sie war eigentlich nur beim Arzt das Rezept für ihr Dauermedikament abholen, hat sich aber am Wochenende mit dem Bügeleisen verbrannt: eine grosse, offene Wunde (ehemals Blase) auf dem Bauch. Sie hat den Arzt gefragt, ob er ihr dafür auch grad etwas aufschreiben kann – und er hat (laut ihr ohne auch nur einen Blick auf die Wunde zu werfen) Voltaren aufgeschrieben.

Das kann man nicht auf offene Wunden auftragen. Das steht deutlich in der Fachinfo: nicht auf offene Hautwunden oder sonstige offene Verletzungen auftragen. Diese Brandwunde hier war ausserdem ziemlich gross und sah auch noch aus als wäre sie gerade dabei sich zu infizieren. Meine Kollegin hat dann eigenständig Wundheilsalbe (Ialugen ) und Verbandsmaterial daraus gemacht und die Patientin instruiert und anschliessend ein neues Rezept verlangt.

Und das nächste Rezept war gleich noch so etwas. Anderer Arzt allerdings.

Die Patientin hat starke Schmerzen, so stark, dass sie kaum schlafen kann. Der Arzt verschreibt Irfen retard, 800 mg 2x täglich. Das (und alle Generika und weiteren Medikamente in der gleichen Form) ist seit Wochen nicht lieferbar. Der Grosshandel stellt uns für Anfang Nächsten Monat wieder welche in Aussicht.

Der übliche Ersatz (600mg Ibuprofen und öfter zu nehmen) hat bei der Patientin nichts gebracht weshalb man beim Arzt anruft, um nach einem anderen Ersatz zu fragen.

Das Telefon muss toll gewesen sein. (Nicht).

Apothekerin: „Guten Tag, ich rufe an für Frau … der sie Irfen retard 800 mg aufgeschrieben haben. Das und alle Generika davon sind noch eine Weile nicht lieferbar. Können wir etwas anderes dafür abgeben?“

Arzt: „Nehmen Sie Brufen retard 800mg“

Apothekerin: „Das ist ebenfalls nicht lieferbar. Wir bekommen nichts bis frühstens Anfang nächsten Monat.“

Arzt: „Dann muss sie halt warten.“

Apothekerin: „Warten Sie! (er hätte fast aufgehängt) Umm, Sie hat starke Schmerzen und nichts mehr zu Hause. Soll sie es nicht mit Tilur retard versuchen?“

Arzt: „Wenn Sie meinen. Okay.“

klick

Meine Apotheker-Kollegin war jedenfalls sichtlich unzufrieden mit der Leistung dieser Ärzte.

Disclaimer: Zum Glück sind das eher die Ausnahmen, die allermeisten Ärzte hier sind wirklich gut und kümmern sich auch. Selbst für die Ärzte war das … ungewöhnlich. Schlechter Tag? Schlechte Zeit?

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Vom wilden (füg‘ ein Tier ein) gebissen.

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Heute war der Tag der Tierbisse. Normalerweise habe ich das ein, zwei Mal im Jahr, dass ich damit zu tun habe, aber heute hat sich die Reihe der Drei voll erfüllt.

Nummer 1:  Frau, in den 20ern: „Wie lange muss ich nach der Tollwutimpfung warten, bis ich wieder Sport treiben kann?“

Das ist … interessant. Ein bisschen Nachfragen bringt folgendes heraus: Sie wurde in den Ferien von einem Affen gebissen … worauf man ja dann gerade 24 Stunden Zeit hat, sich um die Tollwutimpfung zu kümmern, wenn man die nicht vorher schon gemacht hat. 24 Stunden … danach ist es meist zu spät. Tollwut, wenn man sie eingefangen hat, endet auch heute noch tödlich – man kann sich also die Odysee vorstellen, die man nach einem Biss vor sich hat: meist in einem Land, wo die Gesundheitsversorgung eher suboptimal ist, nach einer Klinik zu suchen, die den Tollwutimpfstoff auch wirklich an Lager hat, respektive den rechtzeitig besorgen kann.

Danach ist es mit einer Impfung auch nicht getan, man impft an den Tagen 0, 3, 7, 14, 30 … so auch bei ihr. Inzwischen ist sie aus den Ferien zurück und hat gerade die letzte Impfdosis hinter sich, aber es wurde ihr gesagt, dass sie danach kein Sport treiben soll – nur nicht für wie lange. Ich musste nachschauen. In der Packungsbeilage steht davon gar nichts. Im Internet findet man Empfehlungen, dass man für eine Woche danach auf Sport verzichten soll, weil für den Körper die Impfung eher anstrengend sei. So ganz sehe ich das nicht ein, aber – wenn sie sichergehen will: 1 Woche also.

Nummer 2: Wild aussehender Mann, der schon häufiger mit (amüsant-)bizarren Anfragen für Sachen gekommen ist, weil er ziemlich ausgefallene Hobbies hat – der wäre einen eigenen Blogpost wert. Offenbar arbeitet er auch in einem Aquarium. Denn heute zeigt er mir seinen verbundenen, noch ziemlich blutigen Daumen und will Verbandsmaterial, weil er „von einer Muräne gebissen“ worden ist.

Originalzitat: „Dafür hat sie heute nichts mehr zum Abendessen bekommen … man beisst nicht die Hand, die einen füttert.“

Mit ihm habe ich noch eine Weile diskutiert, da ich der Meinung bin, dass er zumindest die Tetanus-Impfung noch machen sollte, wenn er schon nicht weiss, wann die letzte war und er mit Tieren arbeitet.

Nummer 3: Zu Hause im Internet stosse ich noch auf :

orcabiss

Darin sieht man eine Liste von Fallnummern – die brauchen in den USA offenbar die Ärzte zum Abrechnen mit den Krankenkassen (ähnlich wie bei uns die Tarmed?)

… und da gibt es unglaublich bizarre darunter, wie die hier: durch Orca gebissen, Erstkontakt.

Orca ist ein Killerwal. Ich stelle mir vor, dass das nicht ganz einfach ist: erstens gebissen zu werden und zweitens so wenig, dass sich das noch lohnt, das zu behandeln … Und: würde es da nicht reichen: Tierbiss zu schreiben?

Tierbisse sind übrigens nicht ganz ungefährlich. Auch ein normaler Katzenbiss oder Hundebiss gehört zum Arzt, da das fast sicher Antibiotika braucht: gerade Katzen haben sehr spitze Zähne, wodurch Bakterien (anaerobe, also solche, die keinen Sauerstoff brauchen und oft hässlich sind) bis tief ins Gewebe kommen und sich dort vermehren. Und Menschenbisse sind nicht viel besser. Nur so.

schmerzhafte Wundversorgung

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Eigentlich ist die erste Versorgung einer (kleinen) Wunde kein Problem.

  1. reinigen
  2. desinfizieren
  3. verbinden

Ich mach’ das in der Apotheke noch gelegentlich. Vor allem zur Erstversorgung.

Aber vor ein paar Tagen hatte ich einen echt schwierigen Fall. Nicht, weil die Wunde extrem schlimm gewesen wäre – eine Schürfung am Ellbogen nach einem Velo-Unfall. Aber die Erstversorgung die die Frau selber gemacht hat …

Sie kam in dem Moment in die Apotheke, wo ich gerade mit der Kollegin am abtauschen war, die mich am Mittag vertritt. Aber kein Problem … dauert ja nur ein paar Minuten.

Dachte ich.

Als ich ihr wirklich zu gut klebendes Pflaster entfernt habe, sah ich mich mit einer etwa 5x5cm grossen Fläche konfrontiert, die natürlich offen rot, Sekret absondernd aber dazwischen auch noch schwarz gepunktet und grossflächig weiss verklebt war.

„Oh“ – sage ich

„Ist das schlimm?“ Fragt mich die Frau. „Wenn es schlimm ist, gehe ich zum Arzt.“

Ich schaue mir die Wunde von nahem an.

„Was genau haben Sie damit gemacht?“

„Wie gesagt, ich bin heute morgen umgefallen auf die Strasse.“

(Das erklärt das Schwarz: da ist immer noch Dreck drin)

„Dann bin ich nach Hause und habe versucht es zu säubern.“

(Nicht wirklich erfolgreich)

„Dann habe ich Salbe draufgestrichen.“

„Was für welche?“

Misstrauisch beäuge ich das weisse Geschmier.

„Oxyplastin.“

„Autsch – das ist eine Zinkpaste, die man sonst für gerötete Babypopos nimmt. NICHT für offene Stellen.“

Frau verteidigend: „Das ist alles, was ich zu Hause hatte!“

„Ja – da ist noch Dreck drauf. Und Zinkpaste. Das wird schwierig zum säubern – das muss alles weg, bevor ich das verbinden kann. Das wird weh-tun.“

Das hat es dann auch. Sie wollte trotzdem, dass ich das mache und nicht der Arzt.

Ich mache dann das, was sie hätte machen können: Wunde gründlich säubern mit Wasser und etwas Seife (die Seife nur wegen der fettigen Zinkpaste … und selbst damit ging das Zeug kaum weg).

Desinfizieren mit flüssigem Desinfektionsmittel oder Gel– fettige Salben sind grundsätzlich nicht optimal für auf Wunden, selbst wenn sie desinfizierend sind.

Abdecken mit möglichst nicht auf der Wunde klebendem Verband der bei Schürfwunden optimalerweise noch das Sekret aufnimmt und dann sauber zumachen.

Sie hat ziemlich lautstark gelitten bis ich nach 20 Minuten (!) endlich fertig war. Normalerweise dauert das etwa 5 Minuten und ist nicht so schmerzhaft …… aber es war nötig.

Ich hab sie dann wieder nach Hause geschickt mit der Auflage das Pflaster alle 2 Tage zu wechseln und die Wunde zu beobachten. Tetanusimpfung hatte sie die letzte vor etwa 10 Jahren, also ist das auch ok.

Der Blick meiner Kollegin als ich mit ihr aus dem Beratungsraum wieder rauskam war … seltsam. Ich schätze mal, man hat sie auch draussen gehört …

Ich brauche noch eines!

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Der ältere Mann kommt in die Apotheke gehumpelt direkt zu meiner Pharmaassistentin Donna: Wo ist die Frau, die mich heute morgen am Knie verarztet hat? Das Pflaster hat nur 2 Stunden gehalten – ich brauche ein neues!“

Ja, am Knie ist schwierig, aber mal abgesehen davon hat ihn meine Kollegin wohl gratis verarztet und irgendwie … finde ich das jetzt frech.

Donna wohl auch: „Ich kann die Apothekerin holen, dass sie sie noch einmal verarztet, aber … das erste Mal ist gratis, wenn wir das wiederholt machen, dann kostet das etwas.“

Mann: „Ach was! Ich brauche doch nur ein neues Pflaster drauf!“

Zack hat meine Pharmaassistentin eine Packung in der Hand und meint dazu: „Das ist kein Problem, die kosten nur 2.70.- und sie kriegen grad 5 Stück.“

Mann: „Ja … Nein … dann halt nicht!“

Und stampft wieder raus.

Frech.

Nachgefragt bei der Kollegin, die ihn am Morgen hatte: da kam er mit einer Schürfwunde am Knie, die schon mehrere Tage alt ist. Wollte auch nichts kaufen, aber dass sie ihm ein Pflaster drauf-pappt. Sie hätte das sonst anders verbunden, aber er bestand auf Pflaster. Am Knie. Kein Wunder hält das nicht.

Unten am Rücken

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Die Pharmaassistentin schickt mich ins Beratungszimmer, weil ich mir die Wunde eines älteren Patienten auf dessen Rücken anschauen soll. Bisher sei er ins Spital gegangen das verbinden zu lassen, ob wir das nicht auch gelegentlich machen können?

Hmmm – wir sind nicht die Spitex und auch wenn ich manche Erstversorgung gratis mache – wenn wir das regelmässig machen sollen, muss ich dafür etwas verlangen.

Und dann muss ich erst mal schauen, ob das überhaupt etwas ist, das ich hier machen kann. So chronische Wunden sind oft komplizierter und brauchen etwas mehr.

Ich gehe in den Beratungsraum, wo der Patient wartet. Er ist ein freundlicher älterer Herr, bisher nicht wirklich aufgefallen in der Apotheke.

Pharmama: „Wo ist die Wunde?“

älterer Patient: „Unten am Rücken.“

Er dreht sich um und fängt an seine Hosen vorne aufzumachen um sie … dann hinten herunterzuziehen?

Pharmama:.„Ah – Moment! WIE weit unten?“ Bremse ich ihn.

älterer Patient: „Ja, so – am Ausgang.“

Pharmama: „Am Ausgang? Sie meinen am After? Zwischen den Pobacken?“

älterer Patient: „Ja.“

Pharmama: „Ah – da kann ich nichts machen. Das ist wirklich etwas, was sie von einer Krankenschwester wechseln lassen sollten. Das ist teils Schleimhaut und der Ort … das ist nicht so einfach zu verbinden. Tut mir leid.“

Er ist wirklich enttäuscht, versteht es aber.

Und ich muss ein Wort mit der Pharmaassistentin reden, damit sie das nächste Mal vorher etwas genauer fragt WO.

Rundumversorgt

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Mit Freude darf ich heute einen Gastbeitrag von Dr. Friederike Bischof präsentieren. Sie ist Ärztin und später Referentin im Gesundheitssystem, vielseitig engagiert und interessiert und hat auch schon selber Bücher geschrieben – besucht sie auf ihrer Website: . Die Geschichte hat sie mir auf einen Aufruf (schon eine Zeitlang her) geschickt – und sie ist einfach zu gut, sie Euch vorzuenthalten.

Ich betreute eine Anfang siebzigjährige Patientin mit diabetischem Ulcus plantaris in der Klinik. (Das ist eine offene, schlecht heilende Wunde an der Fußsohle, häufig wegen Durchblutungsstörungen nach schlecht oder nicht behandeltem hohen Blutzucker). Das ist eine ziemlich langwierige Angelegenheit. Die Patientin wollte unbedingt entlassen werden, die Familie versprach, sich zu kümmern und die Oma zu pflegen. Sie bekam also eine entsprechende Schuhversorgung mit Entlastung und strenge Anweisungen, der Hausarzt wusste Bescheid, jede Woche sollte eine Wundkontrolle in der Klinikambulanz durchgeführt werden. Die Schwiegertochter – eine Krankenschwester in der Familienpause – konnte und wollte den Verbandwechsel übernehmen und sich um die  Insulintherapie kümmern. Zunächst lief alles gut und vollkommen nach Plan – bei den wöchentlichen Kontrollen in der Ambulanz heilte die Wunde schön zu, der Blutzucker war super eingestellt. Aber als das Ulcus plantaris ganz abgeheilt und die Behandlung somit beendet war, wurde die Patientin wenige Tage später notfallmäßig mit einer großen Läsion an derselben Stelle wieder auf meiner Station eingeliefert.

Was war passiert?

Die Oma wohnte allein, jedoch nur ein paar Straßen weiter vom Sohn entfernt. Zu der Familie des Sohnes gehörten noch zwei Kinder im schulpflichtigen Alter. Die Familie hatte die poststationäre Betreuung wirklich vorbildlich organisiert. Die Schwiegertochter brachte morgens die Kinder in die Schule, fuhr zu der Patientin, half ihr beim Aufstehen und Waschen, verband die Wunde neu, maß den Blutzucker, setzte die Insulinspritze, richtete die Tabletten, machte das Frühstück (natürlich diabetikergerecht), las ihr aus der Zeitung vor, versorgte den Haushalt, ging einkaufen, machte alles gründlich sauber, wusch die Wäsche, bügelte und kochte das Mittagessen. Die Kinder kamen aus der Schule direkt zur Oma, wo die Familie dann gemeinsam zu Mittag aß. Dann half die Schwiegertochter der Patientin, sich über Mittag hinzulegen, machte schnell den Abwasch und fuhr heim, um sich um ihren eigenen Haushalt zu kümmern.

Der Sohn hatte extra schon um 6 Uhr früh angefangen zu arbeiten, so dass er ab 15:00 Uhr die Betreuung der Mutter übernehmen konnte. Er fuhr direkt von der Arbeit zu ihr hin, half ihr nach dem Mittagsschlaf aufstehen und kutschierte sie anschließend herum: in die Ambulanz, zum Hausarzt, in die Apotheke, zur Krankengymnastik und zum Kaffeekränzchen mit ihren Freundinnen, diese waren natürlich begeistert über den braven Sohn, der sich so um seine alte Mutter kümmerte. Dann brachte er seine Mutter zu sich nach Hause, wo sie sich mit den Kindern beschäftigte, die Schwiegertochter kontrollierte wieder den Blutzucker, setzte die Insulinspritze, hatte die Abend-Tabletten bereit, und die Familie aß gemeinsam zu Abend. Nach der Gute-Nacht-Geschichte, die die Oma vorlesen durfte, sahen die Erwachsenen zusammen fern. Muss ich extra erwähnen, dass natürlich die Oma das Programm bestimmte? Zwischen 22 und 23 Uhr brachte der Sohn seine Mutter nach Hause und ins Bett und sorgte dafür, dass sie alles hatte, was sie über Nacht brauchte.

Eine perfekte Rundum-Versorgung also. Für die Patientin war dieses Arrangement natürlich der Himmel auf Erden – früher hatten weder der Sohn noch die restliche Familie viel Zeit für sie gehabt, es reichte grade mal zum obligatorischen Sonntagsbesuch. Ansonsten war die Familie mit sich selbst beschäftigt und die Oma außen vor. Als dann die Wunde zugeheilt und damit das Ende dieser Idylle absehbar war … nahm die Patientin ihre Nagelschere und schnitt das Loch wieder auf. Wegen der diabetischen Polyneuropathie (Nervenschäden) verspürte sie ja keinerlei Schmerzen.

Da sieht man es wieder – die beste medizinische Versorgung hat keinen Erfolg, wenn der Patient nicht mitmacht. Und manchmal hat der Patient (aus seiner Sicht) wirklich gute Gründe, die medizinische Behandlung zu sabotieren.

Das Problem der mangelnden Compliance ist so alt wie die Medizin selber. Schon Hippokrates soll gesagt haben: „Der Arzt muss sich immer bewusst sein, dass Patienten oft lügen, wenn man sie fragt, welche Medizin sie schon genommen haben.“

So … schockierend die Handlung der Patientin ist, so menschlich verständlich ist das auch. Wenn auch nicht wirklich nett ihren Kindern gegenüber …

Wundpflege

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(Rerun vom 16. Dez 2009)

Ein Mann (ungepflegt) kommt in die Apotheke und fragt nach Verbandmaterial, weil er sich verletzt hat.

Ich habe kein Problem damit, jemanden zu verarzten und verlange auch nichts dafür, aber als er nachher unser Verbandsmaterial mitnehmen will, lehne ich ab. Das Material für die weitere Wundpflege muss er kaufen – das ist nicht viel: Desinfektionsmittel oder Wundsalbe und Gazebinde kommt auf etwa 8 Franken.

„Dann gehe ich halt in den Notfall!“

und Abgang.

  • Na klar, die machen es ja „gratis“, nicht?

Wenn so Sachen einreissen, wundere ich mich nicht, dass das Gesundheitssystem Probleme hat.

Dank in Naturalien

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Bitte und gern geschehen, lieber Kunde, den ich letzte Woche verarztet habe. Das gehört bei mir zum Job.

Danke (trotzdem) für die Weihnachtsgutzis (!) die Sie danach als Dankeschön gebracht haben … leider musste ich die entsorgen, da abgelaufen. Gefreut habe ich mich auch so für den Dank.

Wie entsteht ein offenes Bein?

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„Grrr…“ denke ich, als ich diese ältere Kundin wiedersehe. Das ist zugegeben nicht meine normale Reaktion auf Kunden. Aber diese spezielle Kundin … sie hat mich am letzten Montag oder Dienstag nach Verbandszeug für ihre Wunde gefragt.
Um sie mir zu zeigen hat sie sich hingesetzt, die Schuhe abgezogen, die Socken etwas runtergekrempelt und das Pflaster, das sie drübergepappt hat abgezogen.
Die Wunde war etwa 20-Rappenstückgross, rund und süferte. Die Stelle ist typisch für problematische Wunden: so genannt ‚offenes Bein‘

Pharmama: „Wie lange haben sie die schon?“

Frau: „Ein paar Tage.“

Pharmama: „Okay. Sie müssen diese Wunde sehr gut pflegen, damit sie nicht chronisch wird.“

Ich habe ihr eine gute Wundsalbe und Verband empfohlen – aber sie wollte das dann nicht, weil zu teuer.
Was auch immer ich ihr gezeigt habe, war in irgendeiner Form nicht richtig: Material, Preis – ausserdem das Pflaster zu klein …

Pharmama: „Das hat schon die richtige Grösse, so gross ist die offene Stelle auch nicht“ – und das wäre noch ein günstigeres gewesen …

Frau: „Nein, das reicht sicher nicht … wissen sie was? Ich lasse mir vom Arzt etwas aufschreiben, der findet sicher das richtige.“

Dafür „durfte“ ich ihr die Wunde am Bein verbinden mit unserem Material – das brauche ich eigentlich vor allem für akute Sachen gedacht, aber – je nun. Ich denke, ich verlange heute bei ihr auch nichts dafür, wenn der Preis das Problem ist.
Ich habe das gereinigt, Desinfiziert, so gut ich konnte, nicht-klebende Gaze draufgemacht und alles mit Mepore abgedeckt.

Pharmama: „Sie müssen das gut pflegen – sonst gibt das ein offenes Bein. Es sieht jetzt schon nicht sehr gut aus. Sie brauchen Verbandsmaterial und sie müssen den Verband regelmässig wechseln – so alle 1, 2 Tage.“

„Ja, ja“ – sagt sie „Ich gehe heute Mittag noch zum Arzt, der kann mir dann ja Sachen aufschreiben dafür.“

Nun gut. Aber …Sie kam nicht mehr – bis jetzt.

Jetzt ist Samstag. 5 Tage nach Ihrem letzten Besuch.

Steht vor mir und fragt: „Ich kann erst am Montag zum Arzt, könnten Sie mir nochmal den Verband wechseln, ich gebe ihnen auch etwas dafür?“

Was macht man nicht alles.
Ein Blick auf ihr Bein … das ist noch derselbe Verband den ich drauf gemacht habe!

Pharmama: „Ich habe doch gesagt, Sie müssen das regelmässig wechseln und drauf acht geben? Das ist ja immer noch der Verband, den ich drauf gemacht habe?!“

Mal sehen, wie es drunter aussieht …. bäääh.
Erwartungsgemäss unschön. Die Wunde hat wieder gesüfert, klebriges Sekret bedeckt die Unterseite der Gaze … und es riecht. Wobei ich nicht weiss, ob das jetzt von der Wunde oder von den Socken kommt. Sind das auch immer noch dieselben Socken? Fast kommt es mir so vor.

Frau: „Das sieht doch schon viel besser aus, nicht?“

Pharmama: „Nein, das tut es nicht. Und es sieht so aus, als sei die Wunde noch etwas grösser geworden.“

Frau: „Ach nein, das ist schon gut so…“

Pharmama: „Das ist nicht gut so. Und jetzt müssen sie damit unbedingt zum Arzt. Ich hoffe, sie gehen auch wirklich am Montag!“

Für die 2 Franken, die sie mir für den Verbandwechsel gegeben hat, hätte sie zumindest schon Pflaster zum Wechseln bekommen. Nur dass das jetzt nicht mehr ausreicht. So wie es jetzt aussieht, wird sie Spezialmaterial brauchen. Das war am falschen Ende gespart.

Weshalb ich Leute zum Arzt schicke

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„Entfernen sie auch Sprissen*?“ Fragt mich der Mann in Arbeitsoverall (Mechaniker?), der seinen eingebundenen Finger hochhält.

Pharmama: „Wenn ich kann. … Schauen wir uns das mal an.“

Ich bringe ihn in den Beratungsraum und bereite meine Instrumente vor, der Mann nimmt sein Pflaster vom Zeigefinger.

Es sieht nicht sehr spektakulär aus – blutet kaum, man sieht wo der Holzsprissen neben dem Nagelende im Finger steckt. Bis mir auffällt, dass er unten – in der Nähe des Gelenkes auch eine offene Stelle hat.

Ich drehe den Finger nach rechts und links.

Pharmama: „Äh, ist es möglich, dass der Sprissen glatt durchgeht?“

Mann: „Könnte sein. Da war ziemlich viel Kraft dahinter.“

In der Tat. Der Sprissen ist etwas über 1 cm lang, nadeldick und geht durch.

Leider ist er von unten nicht zu fassen ohne ziemlich zu graben und von oben … kann ich ziehen, was ich will, er rührt sich nicht.

Einmal zum Arzt, bitte!

Ja, wegen einem Sprissen.

* Splitter – für meine deutschen Leser