Jaaahaaa?…

Samstag kurz nach mittag. Telefon.

Pharmamas Apotheke, Pharmama am Telefon.

Anrufer: “ …“ 

(…. bedeutet in diesem Fall mindestens 5, manchmal bis zu 10 Sekunden gar Nichts. Bitte im folgenden so lesen:)

Pharmama: „Hallo?“

männlicher Anrufer: „Jaaaah, Grüezi … ich habe Medikamente bei ihnen zum abholen.“

Okay, immerhin sind wir eine Apotheke, also nichts ungewöhnliches. Allerdings hört sich der Mann an, als hätte er zuviele Beruhigungsmittel oder Cannabis intus. Berner sind direkt schnell dagegen. (Sorry an die mitlesenden Berner)

Pharmama: „Wie heissen Sie denn?“

männlicher Anrufer: „… Vacuoli. …“

Ah. Das ist „Er“. Herr Vacuoli. Der Patient scheint immer noch mehr neben seinen Schuhen zu laufen als darin. Aber da ich die Bestelleingangkontrolle gemacht habe, bin ich informiert, ohne dass ich nachschauen muss. Ansonsten müsste ich jetzt fragen, ob er etwas bestellt hat, oder ein Dauerrezept für ihn hier ist, oder ob der Arzt etwas gefaxt haben soll …

Tatsächlich ist es wieder seine Spritze, die er bestellt hat. Ja, es ist schon wieder ein Monat rum. Auf der Positiven Seite: Er hat selber wieder daran gedacht!

Pharmama: „Ja, die Spritze ist bestellt worden und sie ist heute morgen angekommen.“

Herr Vacuoli: „…“

Ich warte, vielleicht kommt ja noch etwas.

Herr Vacuoli: „…“

Offenbar nicht. Na dann. Hat er mich verstanden?

Pharmama: „Sie ist bei uns zum abholen bereit. Wir haben heute offen bis 6 Uhr.“ (nicht, dass er danach versucht zu kommen).

Herr Vacuoli: „… Aaaah … Oookaay. …“

Und das war’s dann wieder. Lange Pause.

Pharmama: „Brauchen Sie sonst noch etwas?“

Herr Vacuoli: „… Nnnnneiiin …?“

Pharmama: „Dann bis später – oder bis Montag – da haben wir ab 8 Uhr offen.“

Herr Vacuoli: „…“

Pharmama: „Schönes Wochenende noch?“

Herr Vacuoli: „… Jaaaah. Auch. …“

Weil dann wirklich nichts mehr kam, habe ich aufgehängt.

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Was soll ich tun? Beratung am Telefon.

Am Samstag morgen bekomme ich ein Telefon von einer besorgten Mutter. So was ist immer am Samstag – dann ist der Arzt natürlich nicht erreichbar, was auch kleinere Probleme ziemlich verschärfen kann. Ihr Problem würde ich dabei nicht einmal als so klein einschätzen. Sie fragt mich, ob die Magenprobleme, Muskel- und Gelenkschmerzen von den Tabletten sein können, die ihr Sohn (im Schulalter) gestern genommen hat. Es handelt sich dabei um Methotrexat.

Das Medikament ist nicht ganz ohne – ein Chemotherapeutikum. Unter anderem ist es berüchtigt dafür, dass bei nicht korrekter Einnahme schon Todesfälle wegen Überdosierung aufgetreten sind. Ihr Sohn gehört zu denen, die das einmal wöchentlich nehmen müssen. Mehr hat er aber nicht genommen (gut!), tatsächlich war es das erste Mal, dass er sie nehmen musste.

Ich frage, ob er sonst noch etwas genommen hat oder was sie schon probiert haben. Nur das Folsäurepräparat, das man auch zum Auffangen gewisser Nebenwirkungen gibt (erst 24 Stunden nach der Einnahme des Methotrexates, um dessen Wirkung nicht zu beeinträchtigen) hat sie ihm inzwischen auch gegeben (gut).

Trotzdem klagt er über Beschwerden – und sie will von mir wissen, ob das von dem Medikament selber kommen könnte oder ob er vielleicht sonst krank wird. Es ist Erkältungs- und Noroviruszeit und es könnte auch das sein.

Ich frage sie noch ein bisschen aus. Anscheinend hatte er anfangs Woche eine Infusionstherapie. Was genau da verabreicht wurde, weiss sie jedoch nicht. Das finde ich jetzt etwas beunruhigend. Wenn das dasselbe Medikament war (das gelegentlich auch gespritzt wird) könnte es doch eine Überdosierung sein. Sie meint aber, dass derselbe Arzt das gemacht hat, der auch die Tabletten verschrieben hat und der hat gesagt, sie soll am Freitag beginnen.

In der Packungsbeilage stehen unter den Nebenwirkungen die beschriebenen Beschwerden. Und im Netz finden sich auch Fallbeschreibungen von Leuten, denen es ähnlich ging. Trotzdem gefällt mir das nicht wirklich.

Das Problem ist, dass die Nebenwirkungen zwar relativ häufig sind, sie aber auch den Symptomen der Überdosierung entsprechen. Ich weise sie auf die typischen Symptome hin, die bei Überdosierung auftreten: Kopfschmerzen, Übelkeit und auf Ulzera an der Mundschleimhaut (wie Aphten) soll sie achten. Falls das kommt, oder es nicht besser wird, soll sie zum Arzt. Bei Kindern bin ich lieber übervorsichtig.

Abends um halb 5 Uhr ruft die Mutter wieder an. Sie erzählt mir, dass ihr Sohn sehr abgeschlagen war und geschlafen hat bis kurz vorher. Jetzt ist er wach, erbricht aber.

Ich schicke sie ins Spital.

Das Wochenende über hirne ich, ob ich zu lange gewartet habe. Man will ja nicht übervorsichtig sein, die Beschwerden waren sehr allgemein, aber trotzdem … sowas beschäftigt einen doch sehr, auch wenn ich sonst nicht gerade jemand bin, der „Arbeit mit nach Hause nimmt“.

In der nächsten Woche rufe ich an, um nachzufragen.

Ein bisschen seltsam war das schon, denn einerseits bin ich zwar involviert in die Behandlung (immerhin hat er die Tabletten von uns und ich habe sie am Wochenende beraten), aber sie muss mir keine Auskunft geben. Ich hoffe trotzdem, dass sie es tut. Und natürlich, dass das nicht schlimm war …

Die Mutter erzählt mir bereitwillig, wie es gegangen ist. Der Arzt hat bestätigt, dass es die richtige Reaktion war, ins Spital zu gehen. Eine Überdosierung war es aber nicht – zum Glück. Es stellte sich dann als Beginn einer normalen Magen-Darm-Grippe heraus.

Unangenehm, aber bei weitem nicht so problematisch.

Er konnte dann eine Woche später mit dem Medikament normal weiterfahren .. und hatte auch keine solchen Nebenwirkungen mehr.

Puh.

Ironisches in der Apotheke

Von Sonja: Aus der Rubrik Ironie des Schicksals  (im Notdienst):

Anruf 22.00 Uhr, Mann : „Haben Sie fertige Cool-Packs?“

Apothekerin: „Nein. Nur Kalt-/Warm-Kompressen, die sie in den Kühlschrank legen müssen.“

Mann: „Oh. Ich bräuchte die Fertigen. Einen Kühlschrank haben wir gerade nicht zur Verfügung…. Aber ich bin am Bein verletzt und es schwillt schon an.“

Apothekerin: „Was ist denn passiert? Sind sie umgeknickt?“

Mann: „Nein… * druckst rum * ...mir ist der Kühlschrank auf den Fuß gefallen…“

(Autsch!)

Vorwirkende Nebenwirkung?

Freitag nachmittag. Telefon. Eine Frau ruft an. Die Pharmaassistentin nimmt ab.

Nach ein paar Minuten reicht sie sie mir mit den Worten: „Sie glaubt mir nicht, dass man für Novalgin ein Rezept braucht.“

„Pharmama am Telefon?“

Frau: „Ja – ich weiss nicht, ob ihre Kollegin ihnen erzählt hat, um was es geht … ich habe mir vor 2 Monaten den Arm gebrochen, dann war ich dafür im Spital, wo sie operieren mussten. Das ist jetzt gut, jedenfalls haben sie mich nach Hause geschickt, ich habe aber immer noch Schmerzen. Zuhause habe ich noch Novalgin gefunden, das habe ich vor ein paar Jahren einmal bekommen … das ist aber noch gut, also habe ich das genommen. Jetzt kommt das Wochenende und ich habe Angst, dass sie nicht reichen. Ihre Kollegin will mir aber keine geben.“

Das hat sie nicht gesagt, erst mal nur dass es rezeptpflichtig ist. Aber … Detail … wegen dem muss ich ja jetzt mit ihr reden.

Pharmama: „Okay. Sie haben das also vor ein paar Jahren schon gehabt und vertragen?“

Frau: „Ja.“

Pharmama: „Was haben sie Ihnen im Spital für Schmerzmittel gegeben?“

Frau: „Gegen Ende auch Novalgin, glaube ich.“

Pharmama: „Und Sie haben bei der Entlassung kein Ausgangsrezept dafür bekommen?“

Frau: „Nein, ich habe ihnen gesagt, ich habe noch etwas zu Hause und die Idee war, dass ich bald danach zum Arzt gehen würde, aber das habe ich noch nicht geschafft. Und jetzt ist er sowieso nicht da.“

Pharmama: „Okay, ich denke am besten mache ich ihnen einen Vorbezug für die Novalgin und sie nehmen nach dem Wochenende mit dem Arzt Kontakt auf, damit er ein Rezept dafür ausstellt.“

Frau: „Die Packung kostet nur etwas über 5 Franken! Weshalb braucht das ein Rezept?!“

Pharmama: „Ah, aber der Preis eines Medikamentes hat keinen Zusammenhang mit seiner Wirkung. Das Novalgin ist rezeptpflichtig, weil es eine seltene, aber schwerwiegende Nebenwirkung hat, auf die man achten muss. Agranulocytose. Das kann Blutbildveränderungen machen.“

Frau: „Oh, und wie äussert sich das?“

Pharmama: „In Hautproblemen und Übelkeit erst mal.“

Frau: „Oh. Ist mir vielleicht deshalb nicht so gut?“

Pharmama: „Seit wann ist ihnen nicht gut?“

Frau: „Seit heute morgen ist mir schwindelig und so.“

Pharmama: „Und seit wann nehmen Sie die Novalgin?“

Pharmama: „Seit heute mittag.“

(!) … ich brauche einen Moment, damit ich ruhig genug weiterreden kann. Nicht dass sie merkt, dass ich jetzt innerlich lache.

Pharmama: „Dann kommt das aber nicht vom Novalgin.“

Frau: „Nicht?“

Pharmama: „Nein, Nebenwirkungen treten erst auf, nachdem man das Medikament genommen hat.“

Frau: „Aha. Dann kann ich das also nehmen?“

Pharmama: „Ich denke ja. Ich mache ihnen also einen Vorbezug für eine kleine Packung und sie telefonieren am Montag mit dem Arzt und besorgen ein Rezept?“

Auf Arzt-Konfrontationskurs

Auf Arzt-Konfrontationskurs war letztens meine Kollegin.

Auf das Rezept hat der Arzt geschrieben: Voltaren Salbe.

Die Patientin ist aber unsicher, ob es das richtige ist. Sie war eigentlich nur beim Arzt das Rezept für ihr Dauermedikament abholen, hat sich aber am Wochenende mit dem Bügeleisen verbrannt: eine grosse, offene Wunde (ehemals Blase) auf dem Bauch. Sie hat den Arzt gefragt, ob er ihr dafür auch grad etwas aufschreiben kann – und er hat (laut ihr ohne auch nur einen Blick auf die Wunde zu werfen) Voltaren aufgeschrieben.

Das kann man nicht auf offene Wunden auftragen. Das steht deutlich in der Fachinfo: nicht auf offene Hautwunden oder sonstige offene Verletzungen auftragen. Diese Brandwunde hier war ausserdem ziemlich gross und sah auch noch aus als wäre sie gerade dabei sich zu infizieren. Meine Kollegin hat dann eigenständig Wundheilsalbe (Ialugen ) und Verbandsmaterial daraus gemacht und die Patientin instruiert und anschliessend ein neues Rezept verlangt.

Und das nächste Rezept war gleich noch so etwas. Anderer Arzt allerdings.

Die Patientin hat starke Schmerzen, so stark, dass sie kaum schlafen kann. Der Arzt verschreibt Irfen retard, 800 mg 2x täglich. Das (und alle Generika und weiteren Medikamente in der gleichen Form) ist seit Wochen nicht lieferbar. Der Grosshandel stellt uns für Anfang Nächsten Monat wieder welche in Aussicht.

Der übliche Ersatz (600mg Ibuprofen und öfter zu nehmen) hat bei der Patientin nichts gebracht weshalb man beim Arzt anruft, um nach einem anderen Ersatz zu fragen.

Das Telefon muss toll gewesen sein. (Nicht).

Apothekerin: „Guten Tag, ich rufe an für Frau … der sie Irfen retard 800 mg aufgeschrieben haben. Das und alle Generika davon sind noch eine Weile nicht lieferbar. Können wir etwas anderes dafür abgeben?“

Arzt: „Nehmen Sie Brufen retard 800mg“

Apothekerin: „Das ist ebenfalls nicht lieferbar. Wir bekommen nichts bis frühstens Anfang nächsten Monat.“

Arzt: „Dann muss sie halt warten.“

Apothekerin: „Warten Sie! (er hätte fast aufgehängt) Umm, Sie hat starke Schmerzen und nichts mehr zu Hause. Soll sie es nicht mit Tilur retard versuchen?“

Arzt: „Wenn Sie meinen. Okay.“

klick

Meine Apotheker-Kollegin war jedenfalls sichtlich unzufrieden mit der Leistung dieser Ärzte.

Disclaimer: Zum Glück sind das eher die Ausnahmen, die allermeisten Ärzte hier sind wirklich gut und kümmern sich auch. Selbst für die Ärzte war das … ungewöhnlich. Schlechter Tag? Schlechte Zeit?

Das ist mir zu kompliziert.

Telefon. Unser Lehrling (Le) nimmt ab. Sie ist noch nicht allzu lange dabei, also möge man ihr die nicht ganz optimale Gesprächsführung verzeihen.

Ein Mann (EiMa): „Guten Tag, könnten Sie mir ein Bronchovaxom bestellen?“

(Kleiner Einschub: das war noch bevor das hier rezeptfrei wurde. Ein Mittel um das Immunsystem auf ein paar gängige Erkältungsbakterien vorzubereiten. Es enthält Bakterienbestandteile – praktisch eine Schluckimpfung)

Le: „Ja– brauchen Sie eine kleine oder eine grosse Packung?“

EiMa: „Keine Ahnung, meine Freundin hat mir das empfohlen. Ich möchte eine Kur machen.“

Le: „Ich schaue mal nach, wie … oh. Das braucht ein Rezept.“

EiMa: „Ich habe keines … aber ich habe mit dem Arzt telefoniert. Er sagt, ich kann das nehmen und ich soll das in der Apotheke holen.“

Le: „Moment, ich muss rasch die Apothekerin fragen.“

Sie schildert mir das und ich erkläre ihr, dass ich bereit bin das ohne Rezept abzugeben, ich muss es einfach eingeben und eventuell beim abholen noch ein paar Sachen fragen. Ich erkläre ihr auch, wie man das nehmen muss, was sie an ihn weitergibt.

Le: „Sie sagt, ich kann ihnen das Bestellen. Also … normalerweise nimmt man das 3 Monate lang, jeweils an 10 Tagen im Monat, also wäre das für eine Kur 30 Kapseln – eine grosse Packung.“

EiMa: „Oh, sehr gut, die nehme ich.“

Le: „Ich bestelle es gerne für sie. Wie ist ihr Name genau?“

EiMa sagt es ihr.

Le: „Okay. Ich finde sie noch nicht im Computer. Wenn wir es abgeben, müssen wir das, weil es rezeptpflichtig ist unter ihrem Namen eingeben, die Apothekerin fragt sie dann noch ein paar Sachen. Bringen sie doch bitte die KK Karte mit.“

EiMa: „Aber ich zahle es bar!“

Le: „Ja, aber es ist einfacher so zum eingeben.“

EiMa: „Das ist mir zu kompliziert. Lassen wir das.“

Und hängt auf.

Bald danach wurde das Mittel übrigens rezeptfrei. Aber das war zu spät für diesen Herrn.