(un-)regelmässige Abgabe

Methadon-Patienten sind häufig … speziell, das kann jede Apotheke bestätigen, die sie hat. Wie überall gibt es auch hier die unterschiedlichsten Typen: vom geschäftigen Businessman im Anzug, der seine Methadon-Flaschen direkt in den Aktenkoffer versorgt und dem man es nie anmerken würde, was er nimmt und der seine Dosen regelmässig und zuverlässig abholt, bis zum abgerissenen Handwerker, der häufiger einmal mit irgendwelchen Erklärungen und Entschuldigungen kommt, weshalb er eine Extradosis braucht und bei dem es irgendwie nie richtig zu klappen scheint. Es ist ja auch etwas komplizerter, da man dafür ein Betäubungsmittel-Rezept braucht, das maximal 3 Monate gültig ist und Ausnahmen (wie seine Extradosen) machen wir in dem Fall wirklich aussschliesslich via Arzt.

Man sollte denken, dass er das nach demnächst 2 Jahren die er bei uns einmal wöchentlich vorbeikommt auch weiss und entsprechend handelt, respektive vorsorgt, aber …. Nein.

Vor 2 Wochen haben wir ihm mitgeteilt, dass sein Rezept nur noch bis am (Datum vom letzten Freitag) gültig ist und wir nur bis dann sein Methadon abgeben dürfen – er soll sich doch bitte wieder mit dem Arzt in Verbindung setzen wegen einem neuen Rezept dafür.

Man wiederhole dasselbe 1 Woche vorher mit mehr Druck: das ist die letzte Abgabe, ausser …

Diesen Freitag mittag steht er da und will sein Methadon. Kein Rezept dabei. Kein Rezept wurde eingeschickt. Der Arzt ist erst am Montag wieder in der Praxis.

Es folgt das klassische Gespräch (Sie wussten das seit 2 Wochen und hatten Zeit, es ist Ihre Aufgabe etc etc … Aber ich brauch’ das. Jetzt! Sonst Jammer, Heul …) – und die Abgabe von 3 Notfalldosen (Sa/So/Mo) auf das Versprechen, dass er vom Arzt das Rezept gleich am Montag bestellt und die uns informieren.

Montag abend 6 Uhr steht er erwartungsgemäss wieder hier und … immer noch haben wir keinen Bescheid vom Arzt bekommen. Worauf er mir in der Apotheke fast ausflippt, weil „Ich habe das Rezept heute morgen beim Arzt bestellt und sie hat mir gesagt, sie schicken es gleich!“

Also nimmt er das Telefon in die Hand und ruft beim Arzt an – es ist nur noch die Praxisassistentin da, die von ihm zur Schnecke gemacht wird.

Ich nehme ihm dann das Telefon ab und frage, was das Problem ist.

„Ja, der Arzt hat ein Rezept ausgestellt – ich habe das heute mittag auf die Post gebracht, da man Betäubungsmittel-Rezepte ja nicht faxen darf.“

(Nein: man darf sie schon faxen, aber ich brauche das Original).

Pharmama: „Okay – ein Fax wäre hier trotzdem gut gewesen, denn dann hätte ich jetzt schon den Bescheid, dass es okay und das Rezept unterwegs ist. Für wie lange hat er das Rezept denn ausgestellt?“

Praxisassistentin „Das weiss ich nicht. Der Patient muss auch wieder in die Praxis kommen – er hat am Mittwoch einen Termin.“

Pharmama: „Könnten sie mir sagen, ob das schon ein neues Dauerrezept ist, oder nur für die Abgabe bis am Mittwoch?“

Praxisassistentin: „Das tut mir leid, das kann ich nicht. Und der Arzt ist schon wieder nicht mehr hier.“

Also … bekommt der Patient seine Methadon für heute und morgen und muss danach halt noch einmal kommen wenn ich das neue Rezept hier habe und schauen kann.

Aufwändig. Und unnötig aufwändig. Und wenn es nicht fast jedes Mal so ein Theater wäre auch kaum erwähnenswert.

(Und ich „freue“ mich schon auf das nächste Mal, spätestens in 3 Monaten, wenn das gleiche Spiel wieder von vorne losgeht …)

Man denkt, damit haben wir es – zumindest für dieses Mal. Aber: nein.

Telefon an dem Mittwoch abend. Von der Arztpraxis: Der Patient hat seinen Termin nicht wahrgenommen. Damit gilt das Rezept (das inzwischen hier ist und tatsächlich für weitere 3 Monate ausgestellt war) nur für 2 Wochen. Bis dann MUSS der Patient beim Arzt aufschlagen und der uns das „Okay“ für die weitere Abgabe geben. Wir dürfen das gerne auch dem Patienten ausrichten – der für sie nicht erreichbar war.

Ja – dafür habe ich ihn natürlich am selben Abend in der Apotheke und darf ihm das erklären.

Man kann sich vorstellen, dass er nicht sehr erfreut war – aber mal ehrlich: das hat er sich von Vorne bis hinten selber zuzuschreiben.

Mehr lesen:

Kleine Ausredensammlung zum Methadon

In der Schweiz gibt es Apotheken welche (gegen Rezept und Verordnung) Methadon an Patienten ausgeben. Methadon ist ja das Ersatzmittel für diverse Opiate wie: Heroin,  …. Das Ziel dieser Substitutionstherapie ist, dem Patient trotz seiner Sucht ein geregeltes Leben zu ermöglichen. Er braucht nicht mehr hinter dem Stoff herzujagen, kann einer normalen Arbeit nachgehen. Das zweite Ziel wäre ihn dann irgendwann vom Stoff wegzubekommen, das Methadon abzubauen bis er gar nichts mehr braucht. – bisher habe ich das aber zugegebenermassen bei kaum einem gesehen. Es ist auch sehr schwierig eine Sucht loszuwerden und Methadon macht anscheinend üblere Entzugserscheinungen als Heroin.

Jedenfalls gibt es bei der Methadon-Abgabe verschiedene Möglichkeiten: Das geht – je nach Zuverlässigkeit des Patienten- von: „Muss jeden Tag in die Apotheke kommen und seine Portion unter Aufsicht trinken“ bis zu: „Bekommt einmal wöchentlich seine Wochenportionen mitgegeben.“

Man gibt das Methadon in kleinen Fläschchen ab, verdünnt mit Wasser und versetzt mit entweder Orangensaft oder Sirup. Dies nicht um des besseren Geschmackes willen, sondern weil man verhindern will, dass es gespritzt wird. Manche lassen sich aber auch davon nicht abhalten. (Brrrr).

Wer einmal in einer Apotheke, die Methadon abgibt gearbeitet hat, dem werden die folgenden Aussagen sicher bekannt vorkommen:

„Als ich das Fläschchen aufgemacht habe, habe ich alles verschüttet.“

„Meine Putzfrau hat die Fläschchen weggeworfen.“

„Sie haben mir nicht die richtige Menge Fläschchen mitgegeben.“

„Der Arzt hat gesagt ich kann auch mehr nehmen, wenn ich will.“

„Mir sind x Fläschchen kaputtgegangen, als die Tasche herunterfiel.“

„Jemand hat mein Fläschchen geklaut, während ich im Tram schlief.“

„Meine Fläschchen wurden mir aus dem Auto gestohlen.“

„Der Hund von meiner Schwester ist gestorben. Kann ich die Dosis für morgen auch gleich mitnehmen, damit ich an die Beerdigung kann?“

„Ich habe meiner Kollegin 2 Fläschchen gegeben, als es ihr schlecht ging…“

Wer noch mehr kennt, darf sie mir gern in den Kommentaren bringen!

Das Problem: Je mehr man sich auf derartiges einlässt und eine Ausnahme macht, desto mehr solche Ausreden wird man zu hören bekommen. Da hilft nur: Hart bleiben und gleich am Anfang darauf hinweisen, dass Ausnahmen nur über den Arzt gemacht werden, egal was passiert.