Von Medizinstudenten in der Apotheke

Der Lehrling kommt fragen, weil der Medizinstudent wissen will, ob er bei uns auch rezeptpflichtige Sachen ohne Rezept beziehen können – wie Ärzte.

Pharmama (kurz angebunden, da ziemlich busy): „In welchem Jahr?“

Lehrling: „Im Dritten.“

Pharmama: „Dann behandeln wir das wie eine Abgabe ohne Rezept – das heisst, sie haben keinen grundsätzlichen Anspruch drauf, aber wenn es vernünftig ist, dann geben wir es ab.“

Und bevor sie mit der Antwort zum Medizinstudent verschwindet:

„Was will er denn?“

Sie fragt.

Dormicum ist die Antwort. Ein rezeptpflichtiges, starkes Schlafmittel.

Pharmama: „Nö. Wenn er das will, muss er es sich verschreiben lassen.

Wenn ihm das nicht passt, kannst Du ihm noch sagen, dass ich das bei einer Abgabe ohne Rezept den Gesundheitsbehörden mitteilen muss, weil das unter das Betäubungsmittelgesetz fällt.“

Er wollte dann doch nicht – nur fragen, ob …

Im 3. Jahr … da hat man auch noch nicht wirklich viel Ahnung von Medikamenten und mit Grund keinen Anspruch darauf rezeptpflichtiges zu beziehen – das muss er dann unserer Erfahrung überlassen. Dasselbe gilt übrigens für Studenten der Pharmazie und auch für fertige Apotheker, die in anderen Apotheken etwas wollen: das muss Sinn machen, ein „Recht“ auf Bezug gibt’s nicht.

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Serendipity in der Medikamentenentwicklung

Es hat mich ein bisschen gepackt am ersten Mai … und da da Wetter so mies war, habe ich mich etwas am Computer beschäftigt. Das wollte ich schon lange mal bringen.

Mehr nachlesen über die einzelnen Mittel kann man auch in meiner Blogreihe hier: Woher kommen unsere Medikamente?

Eine super-kurze Geschichte der Medizin

dargestellt vom :  super-simplifiziert, provokativ – aber … hat was.

Von mir übersetzt und (leicht) adaptiert:

2000 v. Chr. „Hier, iss diese Wurzel“

1000 v. Chr. „Dieses Wurzelfressen ist heidnisch. Sag lieber dieses Gebet!“

20 n. Chr. „Beten ist gut, aber Du musst es in meinem Namen tun um zu unserem Vater durchzukommen!“

1850 „Dieses Beten ist doch nur abergläubischer Unsinn. Hier, nimm diesen Trank.“

1940 „Dieser Trank ist doch Quacksalberei, hier, schluck diese Pille.“

1950 „Diese Pille ist unwirksam, nimm dieses Antibiotikum 4 x täglich.“

1970 „Bakterien sind doch gar nicht so ein Problem, Viren sind unser Feind Nummer 1! Lass Dich impfen, aber … besser Du nimmst auch unsere Tabletten!“

1990 „Tabletten 4 x täglich? Wie rückständig. Nimm diese hier: 1x täglich.“

1999 „Die Kosten für diese Einmal-täglich-Tablette sind exorbitant – Hier, nimm besser dieses günstige Generikum, das ist dasselbe“

2000 „Diese generische Einmal-täglich Tablette ist nicht mehr gut genug. Unsere neue XR-Tablette ist jetzt Standard-Therapie. Und man muss sie nur einmal täglich nehmen!“

2000 „Dieses XR Antibiotikum macht alle Bakterien in deinem Darm kaputt – hier, nimm diese Bakterien-Kapseln 4 x täglich.“

2001 „Diese Impfungen funktionieren zwar … aber unsere Daten zeigen, dass sie definitiv Autismus und anderes hässliches verursachen.“

2001 „Nein, machen sie nicht. Die Daten wurden verfälscht.“

2003 „Bakterien sind jetzt resistent gegen dieses Einmal-täglich Antibiotikum, wir sind am Arsch.“

2011 „Oh, ja – wir haben ja ein Immunsystem. Darum funktionieren die Impfungen ja auch. Trinken wir doch einfach das Hahnenwasser und sind still.“

Da ist alles drin: Pflanzentherapie – Schamanismus – Religion – Pharmakologie – Antibiotika – Impfungen – Galenik – Generika – Patentrechte – Probiotika – Impfstreit – Resistenzentwicklung – …

Das Menschenmögliche

Einer der Gründe für die hohen Kosten des heutigen Gesundheitssystems sind – paradoxerweise – die medizinischen Fortschritte. Wir können heute sehr viel tun, um einen Menschen am Leben zu erhalten.

Die Frage ist nur: sollten wir es auch?

Das ist ein sehr heisses Thema, um das sich nicht nur Mediziner und Ökonomen streiten. Man hat Ethikkommissionen eingesetzt um wenigstens ein paar Richtlinien zu finden, aber im Endeffekt (kein absichtlicher Witz) sind wir es, die das entscheiden.

Im Spital wird man beim Eintritt evaluiert und bekommt einen Status. Der bestimmt, ob man im Falle des Falles wieder belebt wird.  Der Status ist abhängig vom Alter, Lebensqualität und Allgemeinzustand. Man hat auch selbst die Möglichkeit mitzubestimmen, indem man zum Beispiel ein Patiententestament macht, in dem man ausdrücklich auf lebensverlängernde Massnahmen verzichtet.

Am Schluss entscheiden aber der Arzt und die nahen Verwandten.

Und hier mein Appell:

Ich habe es in meiner eigenen Familie schon mitbekommen, wie man seinen lieben Verwandten nicht „gehen lassen“ konnte und dann nur um seinetwillen (nicht um den Willen des Todkranken) diese noch gequält hat mit medizinischen Behandlungen weit über den Punkt hinaus, der sinnvoll und menschlich gewesen wäre.

Beispiel: Wenn jemand aus einem Altersheim, mit Alzheimer im fortgeschrittenen Stadium, der schon lange Bettlägerig ist, wegen einem Hirnschlag inkontinent, nur noch via Magensonde ernährt werden kann … wenn dieser jetzt noch ins Spital kommt wegen einer akuten Lungenentzündung …

Dann gibt es mehrere Dinge die man tun kann. Man gibt logischerweise Sauerstoff und hängt ihn an den Tropf um wieder Flüssigkeit zuzuführen. Antibiotika gegen die Lungenentzündung, eventuell Morphium, falls er Schmerzen hat.

Und dann sollte es genug sein. Ich finde, man soll einen Menschen in Ruhe und Würde sterben lassen, wenn es denn Zeit ist.

Und nicht noch, wenn das Herz dann versagt ihn mit Medikamenten voll pumpen und schocken. Und ihn an das Beatmungsgerät hängen und möglicherweise noch einen Herzschrittmacher. Natürlich lebt er dann noch länger. Aber ist ihm dann geholfen?

Kaum. Trotzdem gibt es so viele Fälle, wo die Familie nicht zulässt, dass er seinen Weg geht. Natürlich ist der Tod eines Menschen traurig für alle, aber jemanden leiden zu lassen (denn leben ist das wohl nicht mehr) nur damit man sich selbst besser fühlt …. und der Moment der kommen wird herausgezögert wird …. das finde ich nicht fair.

In manchen Fällen ist es jedoch nicht so einfach eine Grenze zu ziehen.

Was ist mit dem Baby mit schwerstem Herzfehler das nur mit mehreren komplizierten und langandauernden Operationen überleben wird und die ersten paar Jahre mehr im Krankenhaus, als zu Hause sein wird?

Es kann vielleicht einmal ein fast normales Leben führen. Wieviel Schmerz wollen die Eltern ihm Zumuten? Oder sagt man: das gehört halt zum Leben dazu?

Wann sagt man bei einem Motorradunfallopfer mit schwersten Hirnverletzungen und schliesslich Hirntod: jetzt ist genug? Den Körper können wir noch Jahrzehnte am Leben erhalten, deshalb kommt die Person aber nicht mehr zurück.

Solche Entscheidungen sind sehr schwierig – und oft sind es die Verwandten, die eigenen Kinder, der Ehepartner, die sie treffen müssen.

Darum: wenn Du eine Meinung dazu hast, sag es deinen Liebsten. Vorher. Irgendwann könnte es zu spät sein.

Den Dingen ihren Lauf lassen

Gestern gefunden:

Voltaire:

„Das Geheimnis der Medizin besteht darin,

den Patienten abzulenken,

während die Natur sich selbst hilft.“

Nachdem ich gestern arbeitshalber nicht dazu gekommen bin, darauf zu reagieren, dann halt jetzt:

Sooo falsch ist das Zitat sicher nicht.

Für das 18. Jahrhundert, wo man noch nicht gerade einen guten Einblick in die Vorgänge im Körper hatte, geschweige denn wirksame Medikamente sicher sehr zutreffend.  Man denke nur daran, dass Aspirin (eines der ältesten Medikamente) dieses Jahr gerade 111 Jahre alt geworden ist.

Und man sagt auch heute noch: eine Erkältung dauert unbehandelt 1 Woche. Eine medikamentös behandelte Erkältung dauert 7 Tage .

Es gibt immer noch eine Menge Krankheiten, bei denen wir nicht viel mehr tun können als die Symptome lindern und abwarten, bis es vorbei ist. Eben, zuschauen, wie die Natur ihren Lauf nimmt. Und den Patienten dabei ein bisschen zu unterhalten.

Bei anderen Krankheiten wäre nichts tun jedoch eine ausgesprochen schlechte Idee. Nehmen wir doch einmal Diabetes: der hohe Blutzucker wird auf die Dauer die Gefässe im ganzen Körper verstopfen und zu Blindheit, Nierenversagen und dem Verlust von Gliedmassen führen.

Dann denke ich bei jedem Zahnarztbesuch daran, wie gut es ist, dass wir heute wirksame Medikamente haben: ohne Lidocain-Spritze wäre die Wurzelbehandlung, der ich mich vor ein paar Jahren unterziehen musste wirklich kaum auszuhalten gewesen. Ja, ich bin ein Weichei was das angeht.

In dem Sinne: ein Danke an die Pharmakologie – und nicht nur, weil das mein Beruf ist.