Mengenabgabe, LOA und die Versandapotheke

Besten Dank für die Gegendarstellung, die ich von der Zur Rose bekommen habe. Sehr interessant. Wer es noch nicht gelesen hat, sollte das unbedingt nachholen im Post gestern.

Trotzdem wirft das bei mir neue Fragen auf: Ich möchte gerne erläutern welche und auch mit Quellen belegen warum (das kann ich nämlich auch, nicht nur meine Meinung oder die einer anderen Apotheke kundtun). Ich bin mir auch bewusst, dass bei manchem eine Antwort hier wegen des Patientengeheimnisses nicht möglich ist.

Zum Medikament Triatec 10mg findet man im (Fachinformation) und Packungsbeilage dies:

Falls der therapeutische Erfolg nach einer Behandlung mit 10 mg (höchst zulässige Tagesdosis) ungenügend ist, wird eine Kombination mit einem anderen
Antihypertensivum, z.B. einem Diuretikum oder Kalziumantagonisten, empfohlen.

= 10mg pro Tag ist die Maximaldosierung.

Zur wiederholten Abgabe von Medikamenten: (Krankenkassenverband)

Bringt der Arzt zum Arzneimittel auf dem Rezept einen allgemeinen Repetitionsvermerk an, so ist eine wiederholte Abgabe nach Massgabe der verordneten Tagesdosis oder der Normaldosierung während 6 Monaten oder bis zum nächsten Arztbesuch bzw. max. 1 Jahr erlaubt.

Legt der Arzt für das Dauerrezept eine Gültigkeitsdauer fest, so darf diese zwölf Monate nicht überschreiten.

= Die Apotheke darf ein Medikament auf Rezept also für maximal ein Jahr wiederholen.

und in der : (Vertrag zwischen den Krankenkassen und den Apotheken)

5.1 Bei Beginn einer Dauertherapie mit einem neuen Medikament gibt der zugelassene Apotheker in der Regel zunächst eine kleine Packung ab. Für die Fortsetzung der Therapie ist jene Packungsgrösse zu wählen, die für den Versicherer am wirtschaftlichsten ist. Auch bei Dauermedikation darf die pro Mal abgegebene Menge in der Regel den Bedarf für eine dreimonatige Therapiedauer nicht übersteigen.

= Die Apotheke darf also pro Mal nur maximal einen Dreimonatsbedarf abgeben.

Der Patient darf eine Abgabe für mehr als den 3-Monatsbedarf anfordern … das macht zum Beispiel Sinn, wenn jemand für länger ins Ausland geht (aber weshalb kommen dann alle ungeöffnet nach 6 Monaten „retour“?).

Der Arzt darf eine höhere Dosierung als in der Packungsbeilage / Fachinfo beschrieben aufschreiben, wenn er denkt, dass das dem Patienten hilft. Was er da macht ist ein „Heilversuch“, er handelt im Rahmen seiner Therapiefreiheit und trägt die volle Verantwortung.

laut : (Institut für Kontrolle und Zulassung von Arzneimitteln)

 

Unter „Off Label Use“ eines Arzneimittels versteht man die Anwendung eines zugelassenen verwendungsfertigen Arzneimittels ausserhalb des in der Zulassung genehmigten Gebrauchs, z. B. bezüglich Indikationen, Anwendungsmöglichkeiten, Dosierung, Art der Anwendung oder die Anwendung selbst auf bestimmte Patientengruppen. Der Off Label Use ist als Heilversuch zu werten

= Verschreibt der Arzt eine andere (hier offenbar massiv höhere) als die in der Fachinformation beschriebene Dosierung, ist das eine Off-label Anwendung.

  • Das müsste eigentlich bei Rezepterhalt durch die Apotheke bemerkt werden und beim Arzt abgeklärt werden, ob die hohe, ungewöhnliche Dosierung wirklich so gedacht ist. Ausserdem muss der Patient – eigentlich schon durch den Arzt – darüber aufgeklärt werden.

Nun wird’s spannend. (Bundesamt für Gesundheitswesen) schreibt:

Die obligatorische Krankenpflegeversicherung bezahlt die Arzneimittel, die ärztlich verordnet sind, im Rahmen der zugelassenen Indikationen/Anwendungen gemäss Packungsbeilage verwendet werden und in der Liste der vergütungspflichtigen Spezialitäten (Spezialitätenliste SL) aufgeführt sind.

Arzneimittel der SL werden nicht von der Grundversicherung übernommen, wenn sie ausserhalb der zugelassenen Indikation (=off label use) oder ausserhalb der festgelegten Limitationen (=off-limitation-ise) angewendet werden.

Es gibt Ausnahmen, wo das im Einzelfall trotzdem übernommen wird (hauptsächlich, wenn Alternativen fehlen, oder das Voraussetzung für eine spätere Behandlung ist, die übernommen wird. Dann klärt der Vertrauensarzt die Übernahme ab.

Dazu schreibt die BAG in der KVV (Krankenversicherungverordnung)

4a. Abschnitt: Vergütung von Arzneimitteln im Einzelfall Art. 71a
2 Der Versicherer bestimmt nach Absprache mit der Zulassungsinhaberin die Höhe der Vergütung. Der zu vergütende Preis muss unter dem Höchstpreis der Spezialitätenliste liegen.

Also zusammengefasst: nach dem, was in der Gegendarstellung steht: Es wurde eine höhere Dosierung verschrieben als in der Fachinformation steht (= Off-label use). Für eine pharmazeutische Kontrolle müsste da beim Arzt nachgefragt worden sein, da ungewöhnlich … und der Arzt und Patient auf die Folgen aufmerksam gemacht worden sein: Off-label und möglicherweise keine Übernahme durch die Krankenkasse. Anhand von dieser ungewöhnlich hohen Dosierung wurde dann (trotzdem) ein ganzer Jahresbedarf auf Wunsch des Patienten abgegeben – in zwei Portionen.

Das ist in meinen Augen immer noch eine zu hohe Menge … vor allem, wenn dann alle Packungen ungeöffnet zurück kommen.

Aber vielleicht gelten die Bestimmungen der LOA nicht für die Versandapotheke und sie haben eigene Verträge und Vorschriften, die von unseren, öffentlichen abweichen? Dann ist es egal, wie viel sie aufs Mal abgeben und vielleicht sind auch Dauerrezepte mehr als ein Jahr gültig? Das würde mich mal interessieren.

Und auch, wieso hier kein Generikum abgegeben wurde – wir dürfen Generika in Absprache mit dem Patienten in der Apotheke ersetzen. Ich könnte mir vorstellen, dass das etwas schwieriger ist, wenn der Arzt das Rezept direkt übermittelt … Wird da konsequent der Patient kontaktiert und nachgefragt? Oder geht man davon aus, dass er sich schon meldet, wenn er das will … immerhin sollte der Arzt ja beim Verschreiben eines Originals bei dem ein hoher Preisunterschied zum Generikum besteht (wie hier übrigens der Fall ist) darauf hinweisen, dass der Patient dafür 20% Selbstbehalt bezahlen muss und es günstigere Varianten gäbe?

Und zu guter letzt: „Zur Rose zahlt für Verschreibungen keine Provision an Ärzte.“

Jaaha – das war aber nicht immer so: Aus der : vom Juli 2014:

Die Versandapotheke «Zur Rose» wollte sich ursprünglich vom Kanton Zürich bestätigen lassen, dass es rechtens ist, Ärzte für die Unterstützung des eigenen Versandhandels zu bezahlen. Vergeblich: Sämtliche Instanzen erkannten in dem Vorgehen eine Umgehung des Selbstdispensationsverbots und bezeichneten das von der «Zur Rose» praktizierte Modell mit direkter Abgeltung des Arztes als rechtswidrig.

Und mich würde wirklich interessieren, wie die Konditionen denn heute so sind …

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Mengenabgabekontrolle durch die Versandapotheke: Nicht vorhanden.

Dieses Bild und Erklärung wurde mir von einer anderen Apotheke zugeschickt:

EntsorgungMediszurRose2018

Das sind einmal 4 Packungen Triatec 10mg, abgegeben von der Versandapotheke zur Rose an einen Patienten im November 2017. Und einmal 3 Packungen Triatec 10mg, abgegeben an denselben Patienten im Dezember 2017. Alle ungebraucht – in den Medikamentenretouren, die eine Apotheke zurückbekommen hat.

Sie schreiben dazu:

Im Anhang mal wieder ein Bild von Medikamenten, die uns von einer uns ansonsten praktisch unbekannten Patientin zur Entsorgung vorbeigebracht wurden. Das schockierende ist, dass offensichtlich keinerlei Kontrolle der Bezüge stattfindet, die ersten 4 Packungen sind alle vom 1.11.17, alles Packungen mit 100 Stück und alle unbenutzt. Am 19.12.17 wurden dann wieder 3 Packungen geliefert.

Da fragt man sich schon inwieweit überhaupt eine Kontrolle stattfindet oder ob es nicht nur um möglichst hohen Umsatz geht. Die Maximaldosis laut Kompendium liegt bei allen Indikationen bei 10mg pro Tag.

Offensichtlich nimmt die Patientin ihre Medikamente nicht einmal ein, somit ist auch fraglich ob sie die Medikamente überhaupt selber bestellt hat oder ob nicht der Arzt einfach elektronisch «verschreibt» um seine Provision zu bekommen und die Patientin bekommt halt wieder einmal ein Päckchen, die Krankenkasse zahlt ja. Und wenn sie in der Praxis steht, bekommt sie gerade auch noch ein paar Packungen mit…

Das ist für mich jetzt keine Überraschung. Ich sehe Ähnliches fast täglich bei unseren Medikamentenretouren – es ist einfach ein krasser und hiermit dokumentierter Fall. Ich kann versichern, dass wir bei uns in der Apotheke auch bei solchen (nicht missbrauchsgefährdeten) Medikamenten eine Mengenkontrolle machen – mal abgesehen davon, dass es meist keinen Sinn macht, so viele Medikamentenpackungen aufs Mal abzugeben – wenn da etwas wechselt in der Dosierung, kann man das auch nicht zurücknehmen. Schon die erste Abgabe wäre ein Über-Ein-Jahres-Bedarf! Eine Packung kostet an die 50 Franken … hier werden gerade 350 Franken entsorgt. Interessiert das die Krankenkasse gar nicht? Oder sind die mehr daran interessiert die CHF 7.20 an Pauschale zu sparen, die die Apotheke bei der Abgabe verdient und auf die die Versandapotheke „verzichtet“? Ah ja – und das ist ein Original bei dem es günstigere Generika gäbe, wo ziemlich problemlos gewechselt werden kann. Die Apotheke vor Ort macht sich die Mühe das zusammen mit dem Patienten anzuschauen und auszutauschen … das gehört bei uns auch zu der Arbeit, die mit den 7.20 abgegolten wird. Aber irgendwo muss bei der Versandapotheke das Geld ja auch hereinkommen.

Offenbar so, wie man sieht.

UPDATE: Von Zur Rose habe ich folgende Gegendarstellung erhalten

„Der Medikamentenversand unterliegt hohen regulatorischen Anforderungen. Die pharmazeutische Kontrolle ist dabei bei Zur Rose jederzeit vollumfänglich gewährleistet.

Im konkreten Fall hat Zur Rose gemäss der Verschreibung des Arztes und auf ausdrücklichen Wunsch der Patientin einen Jahresbedarf an Triatec 10 mg versendet. Die von Zur Rose versendete Menge des Medikamentes entspricht genau dem vom Arzt verordneten Jahresbedarf.

Die Aussage, dass der Arzt das Medikament verschreibt, „um seine Provision zu bekommen“, ist vollkommen unzutreffend. Zur Rose zahlt für Verschreibungen keine Provision an Ärzte.

Die hohe Entsorgungsmenge ist leider kein Einzelfall. Wir erleben ähnliche Fälle mit Medikamentenbezügen bei stationären Apotheken, die Zur Rose zur Entsorgung überlassen werden. Gehen bei Zur Rose abgelaufene Medikamente ein, nimmt das Unternehmen seine Verantwortung wahr und lässt diese fachgerecht entsorgen.

Des Weiteren bietet Zur Rose den Patienten an, dass verordnete Originalpräparate durch Generika ersetzt werden. Wird vom Arzt nicht ausdrücklich das Originalpräparat verordnet und willigt der Patient hierzu ein, bieten wir diese Leistung dem Patienten kostenfrei an. Im Gegensatz zu vielen anderen Apotheken wird von Zur Rose für diese Dienstleistung kein zusätzlicher Betrag von den Krankenkassen eingefordert.“

Die deutschen Apotheken in Not

Anschauen, teilen und … mitmachen. Die deutschen Apotheken brauchen auch Deine Hilfe. Petition unterschreiben auf:

Danke an Ann Kossendey-Koch für die Stimmaufnahme (das kann sie wirklich gut!). Sie ist deutsche Apothekerin … hat inzwischen aber ihre eigene Apotheke aufgeben müssen und konzentriert sich auf Familie und persönliche Beratung.

Gemacht habe ich das mit dem online-Programm: powtoon.com. Ich finde, es ist ganz gut geworden … was meint ihr?

Aufruf zur Petitions-Teilnahme

Ein Aufruf an meine Leser – nicht nur die in Deutschland. Bitte unterstützt die Vor-Ort Apotheke indem ihr teilnehmt und sie teilt.

Christian Redman, ein engagierter deutscher Apotheker, hat sie erstellt aus diesen Gründen:

Seit der Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs zur Gültigkeit der Arzneimittelpreisverordnung für rezeptpflichtige Arzneimittel befindet sich die deutsche Apothekerschaft in existenziellen Nöten – so dass in der Folge die gesamte deutsche Gesundheitsversorgung durch Apotheken vor Ort gefährdet sein wird.

Die einzige Option, die sichere, redundante und qualitativ hochwertige Versorgung der Patientenschaft in all ihren Belangen (Individualrezepturen, Nacht- und Notdienste insbesondere an Sonn- und Feiertagen, Spezialversorgungen wie die palliative Versorgung) aufrechtzuerhalten, zu sichern und damit dem gesetzlich verankerten Versorgungsauftrag nachzukommen, stellt ein Versandverbot rezeptpflichtiger Arzneimittel dar sowie die Durchsetzung der Gültigkeit der Arzneimittelpreisverordnung auch für ausländische Versender.

Dies wird weitgehend als konform zum Europarecht gesehen – und muss zeitnah von der deutschen Regierung erarbeitet und beschlossen werden. Apotheker und ihre Teams, zumeist Frauen und insgesamt ca 150.000 Beschäftigte warten nun darauf, dass die Große Koalition diesen Punkt des Koalitionsvertrags aufgreift und mit der Umsetzung beginnt.

Aus diesem Grund fordern wir:

  • das klare Bekenntnis des amtierenden Bundesgesundheitsministers Jens Spahn zum Koalitionsvertrag
  • die zeitnahe Umsetzung des Versandhandelsverbots unter Ausschöpfung aller (europa-)juristischen Möglichkeiten.

Bitte unterstützen Sie ihre Apotheke vor Ort und helfen Sie mit, dass die schnelle Versorgung und eine gute Beratung durch das Versandverbote nachhaltig bestehen bleiben.

Wer mehr zum unsäglichen EUGH Urteil und seinen Folgen lesen will, kann das hier.

Weshalb unterstütze ich das als Schweizer Apothekerin? Einerseits, weil mir mein Beruf sehr am Herzen liegt – und Apotheken gibt es in so ziemlich allen Ländern. Deutschland als Nachbarland mit gleicher Sprache und ähnlichem Gesundheitssystem wird bei uns gern als Vergleich herangezogen … allerdings läuft da seit einigen Jahren ziemlich viel schief – den Krankenkassen wird (in meinen Augen) zu viel Einfluss gegeben und mit dem Zauberwort „sparen“ und Einfluss durch internationale Grossfirmen Gesetze und Vorgaben durchgebracht, die im Endeffekt auch für die Patienten einfach nur schlecht sind. Das mit den ausländischen Versandfirmen und den Rabatten ist nur der letzte (und ziemlich verheerende) Schlag. Wer denkt, dass das ja EU ist und das nie zu uns kommt … liegt falsch. Das hat Auswirkungen. Wehret den Anfängen – sage ich da nur. Unterschreibt die Petition.

So stehts um die Deutschen Apotheken – lest die Apothekerblogs!

„Wir sollten alle viel mehr bloggen“ meinte letzthin ein Deutscher Apotheker auf Facebook. Recht hat er! – das ist nämlich eine gute Möglichkeit ein bisschen mehr Leute auf die Situation der Apotheken in Deutschland aufmerksam zu machen. Die stellt sich zunehmend als prekär heraus … und die meisten Leute wissen davon nichts, respektive haben keine Ahnung, was das in Zukunft für Auswirkungen haben wird. Direkt auf die Patienten in Deutschland.

So ein Blog ist eine gute Möglichkeit, das zu tun und vielleicht ein paar zu erreichen. Wenn ich hier aus der Schweiz darüber blogge, ist das (gezwungenermassen) immer mit einem gewissen Abstand, aus der (naja fast) neutralen Beobachterposition.

Hier ist ein Blog von einem betroffenen Apotheker. Er bloggt als über Aktuelles – vor allem eben: die Gegenwärtige Situation und die Zukunft der deutschen Apotheke. Schaut mal vorbei!

landapotheke

Gedankenknick scheint den Aufruf übrigens auch gehört zu haben und hat (nach längerer Zeit) wieder einen Blogpost veröffentlicht unter .

gedankenknick

Und nicht vergessen sollte ich – die regelmässig in Erinnerung rufen, was die Apotheke denn so leistet. Besonders lesenswert der letzte Blogpost: Von Apotheker und Wurstverkauf.

MrPille2

Im übrigen: Die gute Nachricht, dass das RX-Versandverbot tatsächlich auf der „To-Do-Liste“ der Politik steht, sollte nicht dazu verleiten, da nachzulassen. DocMo und Co hat viel Geld für Werbung und Beeinflussung zu Verfügung, die die kleinen Apotheken nicht haben – und die Zeit arbeitet für sie. Es ist immer schwer, etwas, das eingeführt wurde wieder rückgängig zu machen und je länger es das gibt … Also, liebe Deutschen Apotheker: bloggt, lobbyiert, setzt Euch für Eure Patienten ein und für Eure Leistung. Und liebe Leser (Patienten oder nicht): informiert Euch, was da läuft und lasst Euch nicht zu sehr von der „Karotte“ der persönlichen Ersparnis davon ablenken, dass ihr da für Grosskonzerne im Ausland, die nicht wirklich nur Euer Bestes im Auge haben „vor den Karren gespannt“ werdet.

Geben Sie mir die Nadeln

Minimalbesetzung am Samstag morgen, da mache ich so alles, was in der Apotheke anfällt. Also neben den Rezepten noch die Blutzuckermessung und die Kompressionsstrümpfe anmessen und die Wunden von Leuten versorgen und natürlich Beraten zu medizinischen Problemen. All das – aber nach 2 Stunden darf ich dann feststellen, dass ich zwar viel gemacht habe – das aber wenig in die Kasse bringt. Währenddessen hat die Drogistin eine Kosmetikberatung und macht in 10 Minuten so viel Umsatz wie ich in 2 Stunden nicht. Ich kann nicht sagen ‚gar nichts‘, denn wir verlangen etwas für das Blutzucker messen und auch für die Wundversorgung (sofern es sich nicht um einen akuten Fall handelt). Aber die Stützstrümpfe gehen über das Rezept, da bekomme ich wenig und dann war da noch die Diabetes-Beratung.

… Das war interessanterweise nicht die Person, bei der ich den Blutzucker gemessen habe, der war tatsächlich bestens. Aber als ich an den Stützstrümpfen bin kommt Sabine – „Ich habe da eine Frau, die Nadeln für den Lantus Pen will.“

„Ja – und?“

„Was soll ich ihr geben?“

„Hat sie kein Rezept oder weiss welche?“

„Nein, sie soll sie für den Mann holen.“

„Okay – das muss ich anschauen. Da muss sie jetzt halt einen Moment warten.“

Als ich ein paar Minuten später zu ihr komme, zeigt sie mir ein Blatt – aus der Beschreibung des Lantus Solostar Pen kopiert und deutet auf die Spitze: „Mein Mann braucht diese Nadeln.“

„Okay“ – „Hat er eine bestimmte Marke? Welche Länge?“

Heute sind die meisten Nadeln, die wir haben mit so ziemlich allen Pens kompatibel. Aber es gibt immer noch Präferenzen, wenn jemand mit welchen angefangen hat, bleibt er häufig auch aus Gewohnheit dabei. In der Beschreibung des Pens sind keine spezifischen angegeben.

„Ich weiss nicht. Er hat einfach keine mehr und braucht jetzt neue. Er hat mir das hier mitgegeben, damit ich ihm die richtigen bringe.“

Ich versuche ihr zu erklären, dass ich zumindest die Länge wissen sollte. Da sie da auch keine Ahnung hat, beschliesse ich ihm anzurufen.

„Pharmamas Apotheke, Pharmama, Guten Tag Herr … ihre Frau steht gerade bei mir in der Apotheke wegen den Nadeln … jetzt wissen wir aber nicht genau, welche.

„Ah, genau. Warten Sie einen Moment, ich hole die Packung …
Da ist sie ja. Also … da steht … Accu Check Guide …“

„Oh, ich dachte Sie brauchen Nadeln für den Pen, nicht die zum Messen?“

„Jaa – richtig, das ist die falsche Packung. Moment, ich hole die richtige aus dem Kühlschrank, anscheinend soll man das ja dort aufbewahren …“

(…? dazu gleich mehr)

„Da habe ich ihn. Also da steht auf der Verpackung Lantus …“

Er lässt sich nicht bremsen, also lasse ich ihn ausreden, auch wenn mir diese Info wirklich nicht mehr hilft.

Pharmama: „Ja, der Pen. Und dafür brauchen sie jetzt Nadeln?“

„Genau.“

„Welche Nadeln hatten Sie denn?“

„Na, diejenigen, die vorne auf dieses Gerät kommen.“

„Ja, schon klar. Ich meine: welche Marke? Und: welche Länge?“

„Sie sind etwa anderthalb Zentimeter hoch.“

Das … dürfte auf die Nadel samt Halterung zutreffen, hilft mir aber nicht weiter.

„Okay, haben sie denn die alte Verpackung noch, wo Sie schauen könnten, was da drauf steht?“

„Nein, ich habe heute die letzte gebraucht.“

„Oder vielleicht ein Rezept mit einer Angabe?“

„Nein, wissen Sie, die ersten Nadeln hat mir der Arzt mitgegeben und die Lantus habe ich seither von der Zur Rose Apotheke bekommen …“

Argh. Versandapotheke.

„Okay. Ich versuche herauszufinden, welche Länge sie brauchen. Wissen Sie da gibt es unterschiedliche Nadellängen, von 4 mm bis 12 mm.“

„Tut mir leid, das weiss ich nicht.“

Ich überlege. Wenn ich seiner Frau einfach irgendwelche in einer mittleren Länge verkaufe und es sind nicht die, die er bis jetzt hatte, habe ich sie spätestens Montag wieder in der Apotheke, wenn sie die geöffnete Packung umtauschen wollen. Aber ich habe von einer Firma ein paar Musterpackungen mit verschiedenen Nadellängen hier, wo je ein paar drin sind.

„Dann machen wir es vielleicht so: Ich gebe Ihrer Frau ein paar Musterpackungen mit, damit Sie etwas haben über das Wochenende und Sie klären am Montag mit dem Arzt ab, welche Nadellänge sie brauchen. Darf ich fragen, wie gross und wie schwer sie sind?“

Die Nadellänge ist für dicke Leute länger als für sehr schlanke. Er ist Normalgewichtig, also gebe ich ihr die 6mm und 8mm mit.

Aber vorher noch das:

„Und die Lantus – die müssen sie nur bis zur ersten Anwendung im Kühlschrank aufbewahren. Also: den Pen, den sie im Gebrauch haben, den sollten sie bei Raumtemperatur aufbewahren. Und natürlich die Nadeln bei jedem Mal Spritzen wechseln.“

Ich bin mir nämlich auch nicht ganz sicher, ob er das bis jetzt gemacht hat. Immerhin scheint er immer noch die erste Packung vom Arzt selber gebraucht zu haben und … nicht wirklich korrekt instruiert worden zu sein, wenn das mit dem Kühlschrank so ist.

Die Frau war damit glücklich und ist gegangen.

Auch hier: Arbeitszeit: mindestens 15 Minuten, Einnahmen: Null Franken.

Dafür: Arbeit gut gemacht, eine Lösung gefunden, Patient augerüstet über das Wochenende, instruiert – was ja alles im Endeffekt seiner Gesundheit zu gute kommt … und der Kasse keine Folgeschäden produziert.

Ob sie allerdings wiederkommen ist fraglich, da wohl der Arzt via zur Rose die neue Packung Nadeln schicken wird.

Nachtrag Montag: Sie war wieder da und hat von den 6mm bestellt. Das Rezept sollte vom Arzt gefaxt werden.

Nachtrag Mittwoch: kein Fax vom Arzt bisher … aber abgeholt wurde es.

Nachtrag 2 Wochen später: immer noch kein Rezept vom Arzt.

Leider wie erwartet.