Wenn das Mittel gegen Durchfall selbst Durchfall macht …

Die Patientin kommt mit einem Rezept und legt mir gleichzeitig eine Packung Loperamid Mepha auf die Theke.

„Kann ich die bei Ihnen zurückgeben? Das sind die falschen …“

Ich schaue mir die Packung neugierig an. Eigentlich weiss ich ja schon die Antwort, die kann nur lauten: Nur zum entsorgen. Aber weshalb will sie die zurückgeben?

Sie sind von einer anderen Apotheke – sieht man an der Adresse auf den Dosierungsetiketten.

Das Rezept ist für genau diese Tabletten: 1 Packung Loperamid Mepha Tabletten. Es wurde als abgegeben gekennzeichnet – von der anderen Apotheke. Die Patientin ist bei einer Krankenkasse, bei der sie selber zahlen und die Rechnungen später einschicken muss, deshalb hat sie das Rezept wieder mitbekommen.

Die Patientin sieht, wie ich das Rezept und die Medikamente anschaue – sie erläutert: „Der Arzt hat die falschen aufgeschrieben. Ich brauche doch die ohne Lactose!“

Ja, jetzt erinnere ich mich –vor ein paar Tagen habe ich extra für sie nachgeschaut, ob im Imodium Lactose drin ist. In den Tabletten ist drin, in den lingual aber nicht. Die Patientin ist bekannt Lactoseintolerant – bei ihr geht auch so wenig nicht, wie in einer Tablette drin ist. Sie bekommt dann Darmkrämpfe und Durchfall … vom Mittel gegen Durchfall …

Sie hat damals eine Packung Imodium lingual gekauft … und ist danach zum Arzt gegangen um ein Rezept ausstellen zu lassen. Nur hat der hat ihr ein Rezept für die falschen ausgestellt: Auch das Generikum von Mepha hat Lactose drin, das steht hier in dem Fall sogar im Kompendium und in der Packungsbeilage:

Wirkstoff: Loperamidi hydrochloridum.

Hilfsstoffe: Acidum sorbicum (E 200), Lactosum, Excip. pro compr obducto.

(Eigentlich an sich schon erstaunlich, denn die Hilfsstoffe müssen in der Schweiz immer noch nicht angegeben werden).

Das Rezept hat sie dann in einer anderen Apotheke eingelöst und danach in der Packungsbeilage gelesen, dass das Lactose drin hat. Und jetzt will sie bei mir die Packungen zurückgeben, respektive ich soll es ihr gegen das richtige Medikament austauschen.

Uh – Kann ich nicht. Mal abgesehen davon, dass wir dieses Generikum nicht mal an Lager haben, nehme ich sicher nicht Medikamente von einer anderen Apotheke zum Umtauschen zurück.

Aber ich kann ihr (noch mal) das richtige – Imodium lingual – geben und auch auf dem Rezept vermerken. Eine Wiederholung sollte ja auch von der Krankenkasse übernommen werden. Den Rest muss sie selber mit der Apotheke ausmachen, bei der sie das bezogen hat.

Übrigens: die lingual Tabletten von Imodium. Inzwischen gibt es ja Generika von Imodium (siehe oben), und es gibt Generika „Lingual“ von den Motilium Lingual – aber es gibt immer noch keine „Lingual“ Generika von den Imodium. Lingual bedeutet: Schmelztabletten. Als ich letztens bei der Vertreterin einer Pharmafirma mal angefragt habe, weshalb nicht (die würden ja wirklich Sinn machen) kam dann die Antwort: Oh, wir würden gerne welche machen, aber da braucht man zum Vergleich die Unterlagen dafür von der ursprünglichen Firma … und die seien irgendwo verschollen / nicht auffindbar.

Schweiz. Das gibt’s.

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Suchanzeige: lactosefreies Medikament

Auf dem Rezept für einen eher komplizerten Patienten (er will immer das Original, respektive genau das Produkt, das der Arzt aufgeschrieben hat) steht:

1 OP Nebivolol Streuli 1-0-0 LX    (muss lactosefrei sein!)

Ja, alles klar. Wir haben Nebivolol hier – allerdings „nur“ das Original und 2 Generika- nicht das von Streuli.

Auch unbekannt: ob das von Streuli (oder ein anderes) wirklich Lactosefrei ist.

In der Schweiz habe ich nämlich das Problem, dass das als Hilfsstoff nicht angegeben sein muss. Das steht weder in der Packungsbeilage noch auf der Packung und auch nicht in der Fachinformation. Die einzige Möglichkeit die ich heute habe um das herauszufinden -seit sie die Seite, die das einmal gesammelt hat im Internet ersatzlos (aus rechtlichen Gründen?) geschlossen haben-  ist, das vom Hersteller zu erfahren. Entweder indem er das im Internet angibt (teils nur auf Seiten, die mittels Passwort zugänglich sind), Informationsbroschüren die der Vertreter mal in der Apotheke hinterlassen hat (ja, für jeden Hersteller einzeln) oder indem ich ihn anrufe.

Das mache ich dann auch (Ja, ich: momentan sind wir zu wenig und die anderen beschäftige ich vorne)

nebilet

Im Bild sieht man eine Liste der in der Schweiz erhältlichen Generika Übersichtlich, nicht? – das sind die Firmen, die ich anfrage. (Auch sichtbar: wie wenig die Preisdifferenz ist, einerseits zwischen Original und Generika: nicht mal 2 Franken in dem Fall, andererseits zwischen den Generika selber.)

Zuerst versuche ich es bei der Streuli – denn vielleicht weiss der Arzt da mehr als ich.

Aber: Fehlanzeige. Die haben Lactose drin.

Ich telefoniere weiter und erhalte nichts als negative Bescheide. Überall ist Lactose drin.

Es ist mühsam, aber ich versuche dem zumindest für mich etwas abzugewinnen, indem ich die verschiedenen Methoden der Firmen analysiere. Da gibt es die, die die Frage direkt beantworten können. Dann gibt es die, die einen erst mal zu ihrer medizinischen Abteilung weiterverbinden.

Während ich wieder mal in der Warteschlaufe sitze suche ich das bei der Axapharm zeitgleich im Internet – das ist eine super Firma, was die Information angeht (und das sage ich nicht nur, weil das praktisch die Generikafirma des Apothekervereins ist), da steht es nämlich. Für alle gut auffindbar, ohne dass ich erst 3 Sachen eingeben muss und mich einloggen oder so.

nebaxa

Aber auch das hat Lactose drin und ich nähere mich dem Ende der Liste. Nur noch eine Firma übrig: die Helvepharm.

Ich versuche es. Die gehört offenbar zu denen, die mich erst weiterverbinden müssen – blöderweise scheint die verantwortliche Person nicht da zu sein (inzwischen ist es auch bald 5 Uhr), also wirft es mich zur Zentrale zurück. Die verpricht mir es herauszufinden und zurück zu rufen.

Aber weil das die letzte ist glaube ich nicht mehr daran, dass das jetzt die eine sein soll, die kein Lactose drin hat.

Also rufe ich dem Arzt an – der nicht abnimmt – und hinterlasse auf dem Anrufbeantworter diese Nachricht:

„Ich rufe an wegen ihrem Rezept für Herrn … Sie haben aufgeschrieben Nbivolol Streuli und darf keine Lactose enthalten. Laut Streuli hat das aber Lactose drin. Ich habe versucht eines zu finden, das kein Lactose drin hat, aber alle Firmen haben das drin, Mepha, Sandoz, Axapharm, Spirig … Was wollen sie machen? Eines von diesen trotzdem nehmen oder den Wirkstoff wechseln? Bitte rufen Sie mich zurück unter …“

Kaum habe ich aufgehängt kommt ein Telefon rein – die Helvepharm!

„Sie haben bei uns abgefragt, ob das Nebivolol Lactose enthält. Es enthält keine Lactose.“

„Was?“ – Ich kann es kaum glauben.

„Ja, es ist lactosefrei.“

– super Reaktion übrigens. Dasselbe anders gesagt, damit die Info sicher ankommt.

„Das ist ja toll!“ sage ich. „Wussten Sie, dass Sie die einzigen sind?“

wusste sie auch nicht :-)

Und nur wenige Minuten später kommt auch schon das Telefon vom Arzt, dem ich nun die gute Nachricht mitteilen kann, dass ich doch noch eines gefunden habe.

Meint er: „Ah, gut, dann nehmen Sie das. Obwohl wahrscheinlich auch ein anderes gegangen wäre. Ich denke bei Herrn .. sitzt die Lactoseintoleranz vor allem im Kopf.“

Ja – deshalb besteht er auch immer auf den Originalen und so. Er gehört zu denen, wo sich festgefahrene Vorstellungen nicht mehr lösen lassen. Und ich bin fast überzeugt, dass bei seinen „Originalen“ auch welche drunter sind, die Lactose enthalten … aber wir wollen das jetzt nicht komplizieren.

Aber für die etwas über 7 Franken, die ich mit den Pauschalen einnehme auch für dieses günstige Medikament, haben wir wieder ziemlich gearbeitet. Das waren 7 mehrminütige Telefone an die Pharmafirmen und 2 mit dem Arzt, dann darf ich das bestellen und der Krankenkasse abrechnen (noch mehr Arbeit). Zum Glück braucht nicht alles einen derartigen Mehraufwand!

Im übrigen: auch die neusten Studien zeigen, dass sich auch mit ausgeprägter Lactoseintoleranz täglich fast 2 g ohne Symptome vertragen … und mehr hat es in den paar Tabletten sicher nicht drin. Ausserdem habe ich einmal gelernt, dass es gar nicht schlecht ist, wenn man nicht vollständig auf Lactose verzichtet … das Enzym kann auch etwas „trainiert“ werden, so dass es eigentlich schlimmer ist, wenn man ganz lactosefrei lebt und dann auch nur ein bisschen bekommt, als wenn man täglich „etwas“ Lactose zu sich nimmt.

Ich weiss aber, dass da draussen dazu ganz unterschiedliche Erfahrungen sind – und ich bemühe mich, wenn der Wunsch nach „Lactosefrei“ kommt, den auch zu erfüllen. Aber die Vorschriften hier betreffend Angaben bei den Medikamenten (und die Pharmafirmen selber) machen das nicht ganz einfach.

Ich bin ein Mutant !

Ich bin ein Mutant

…. wie wahrscheinlich die meisten meiner Leser hier auch. Hallo Mit-Mutanten!

Das hat mich etwas überrascht – oder besser: SO habe ich das noch gar nicht angeschaut.

Ich habe auch eine Superkraft. Ich bin in der Lage, noch im erwachsenen Alter Milch zu trinken – ohne mich danach in Krämpfen am Boden wälzen zu müssen!

Ihr denkt jetzt, das ist nichts spezielles? Dann fragt mal die Millionen Afrikaner und Asiaten, die das nicht können. Oder die Lactose-Intoleranten in eurer Bekanntschaft.

80-100% der Afrikaner, der Asiaten und der Südamerikaner können keine Milch trinken. Je südlicher, desto weniger können das. Bei den hellhäutigen – von Europäern abstammenden – liegt die Lactoseintoleranz bei etwa 20%, je weiter nördlich man geht, desto weniger Leute haben das.

Lactosepersistenz –

Tatsächlich ist unsere Gruppe Menschen die Ausnahme im Tierreich. Alle Tiere sind Lactoseintolerant und selbst die Säugetiere (zu denen wir ja gehören) verlieren die Fähigkeit Milch verdauen zu können nach dem Kindesalter.

Ich kann das (und ihr wohl auch), weil bei einem Mensch irgendwo im nördlichen Europa vor ein paar Tausend Jahren eine Mutation in einem Gen stattfand – so dass unser Körper auch weiterhin Lactase produziert. Das ist das Enzym, das man braucht um Lactose – den Milchzucker zu spalten.

Diese Mutation machte es uns möglich von der doch sehr nährreichen Milch zu profitieren – Calcium und Proteinquelle und leicht zu sich zu nehmen.

Wahrscheinlich war diese Mutation auch der Grund für die Entwicklung nicht nur unserer Milchwirtschaft (und von Käse, Yoghurt, Quark etc.) – sondern überhaupt der Stalltierhaltung. Das entwickelte sich wohl gemeinsam. Und der Mensch damit – heute vermutet man, dass wir auch wegen unserem Milchkonsum eine durchschnittlich grössere Körpergrösse haben als asiatische Menschen – die eben keine Milch trinken können.

Was passiert bei denen, die die Laktase verlieren? Ist das Enzym nicht da – oder zuwenig, gelangt ungespaltener Milchzucker bis in den Dickdarm, wo er von Darmbakterien verarbeitet wird: vergoren. Als Gärungsprodukte entstehen Gase: Methan und Wasserstoff und Milchsäure. Die Gase führen zu Blähungen und Krämpfen, die Milchsäure zieht Wasser in den Darm und macht Durchfall.

Im übrigen empfiehlt man heute Leute mit Lactoseintoleranz nicht total auf Milchprodukte zu verzichten. Immer wieder etwas Lactose – wie zum Beispiel die Milch im Kaffe ist sogar gut – das gewöhnt den Darm und die Darmbakterien daran, dann reagieren sie nicht so extrem.

..

Ich finde es noch interessant – so schaut man die Leute mit Lactoseintoleranz doch weniger als „krank“ an … und staunt gleichzeitig, dass das, was wir haben hier als „normal“ angesehen wird – und es woanders halt nicht ist.

Vielleicht wünscht sich mancher jetzt eine etwas spektakulärere Mutation … aber ich bin damit ganz zufrieden :-)

Milchallergie oder Milch-unverträglichkeit?

Ein Mann kommt in die Apotheke: „Ein Lacdigest bitte – für meine Milchallergie.“

… jetzt… eine Menge Leute nennen das so, aber Lacdigest benutzt man bei Lactasemangel, dem Enzym, das man zum Spalten des Milchzuckers braucht  und die äussert sich als sogenannte Lactoseunverträglichkeit. Man kann also den Milchzucker nicht richtig abbauen und das gibt dann Blähungen und Krämpfe.
Eine Milchallergie dagegen wäre eine richtige Allergie gegen die Proteine in der Milch, die kann sich ähnlich äussern, macht aber auch oft mehr Probleme wie Hautausschlag etc.

Pharmama: „Was passiert denn, wenn sie Milch zu sich nehmen?“

Mann: „Dann bekomme ich eine geschwollene Zunge.“

Hoppla.
Also eine richtige Allergie – da hilft das Lacdigest nichts.

Bei einer richtigen Allergie bildet der Körper Immunglobuline gegenden Verursacher (hier die Milchproteine) und das gibt dann Reaktionen wie Hautausschläge, Schwellungen im Atmungstrakt: Nase zu, Schnupfen, Niesen, Zuschwellen der Atemwege, Asthmaanfälle – aber auch Verdauungsbeschwerden: Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Krämpfe … im schlimmsten Fall: Kreislaufkollaps wegen Blutdruckabfall.

Pharmama: „Dann sollten Sie Milchprodukte komplett meiden und ein Mittel gegen Allergien nehmen. Das ist in dem Fall sicher besser.“

Problem: Milcheiweisse sind noch oft in Fertigprodukten versteckt.

2. Problem: Man kann übrigens durchaus auch beides gleichzeitig haben.

Aber wenn man keine Milchprodukte mehr nimmt -löst sich das wohl auch.

 

Ich. bin. sauer!

Wieso?

Es war bisher schon schwierig genug herauszufinden, ob ein Medikament Lactose enthält oder nicht. Jetzt …

In der Schweiz ist es (aus welchem Grund auch immer?!?) nicht Vorschrift, dass die Hilfsstoffe, die in Tabletten / Kapseln / Lösungen etc. drin sind angegeben sein müssen. Das im Gegensatz zu der EU und so ziemlich allen anderen Ländern.

Das bedeutet: Auf der Packung und in der Packungsbeilage steht bei den Medikamenten nur geheimnisvoll:

„Excipiens pro compresso“ oder „Excipiens ad Xml solutio“

… was nichts weiter bedeutet als: „Was es so braucht an Hilfsstoffen, um eine Tablette / Lösung zu machen“

Na Danke!

Da steht nicht drin, was das denn so Hilfsstoffe sind. Keine Info über Lactose oder Gluten-Gehalt. Auf unseren Lebensmitteln steht mehr drauf in Punkto „Allergikerinfo“.

Das einzige, was man auf der Packung noch sehen kann ist, ob es Alkohol drin hat.

Nun gut. Bisher gab es noch mühsam die Möglichkeit im Internet in einer Liste nachzuschauen, ob ein Medikament KEIN Lactose drin hat: Das war  – kein Grund mehr da nachzusehen, die Seite ist down.

Eine Suche auf der Hauptseite ergibt irgendwo diese kleine Notiz als Antwort:

Laktosefreie Medikamente:
Aus rechtlichen Gründen können wir die Liste mit den laktosefreien Medikamenten nicht mehr publizieren.

WiiIIIeEeSoOoooo?

Die einzige Quelle, die übersichtlich und zugänglich war ist weg.

Wenn jetzt jemand fragt, ob ein Medikament Lactose drin hat oder ob es eine lactosefreie Alternative gibt … das wird enorm schwierig. Im Prinzip bleibt mir nichts, als da den Firmen direkt anzurufen. Einzeln. Oder die Handzettel, die manche Firmen mit Überblick über ihre Medikamente verteilen zu sammeln. Auch nicht wirklich gut.

Kennt jemand sonst noch eine Variante?