Wie husten Sie denn?

Ohne Apotheke_r(3)

Ein Beitrag von nicole:

Damals war ich in einem Sprachaufenthalt (frisch nach der Matur) in London und hatte mir einen hartnäckigen Husten geholt, der mich auch nachts wach behielt. So suchte ich nach einer schlaflosen Nacht eine „richtige“ Apotheke, sprich für mich damals als Laie, eine mit grünem Kreuz und die nicht zur Kette „Boots“ gehörte. Dort ging ich sofort zur Theke und sagte der Bedienung, dass ich gerne einen Hustensirup hätte. Die Bedienung zeigte unmotiviert zur Seite auf das eine Regal und meinte: „Hier haben wir alles voll mit Hustensirup. Suchen Sie sich einen aus.“ Ich war völlig perplex, denn ich dachte woher ich wissen sollte, was für einen Sirup ich brauche?!

Aber ich gab nicht auf und fragte, ob sie mir dann einen empfehlen könne. Sie erkundigte sich darauf hin, was für einen Husten ich habe und ich dachte woher soll ich das wissen, ich war ja nicht beim Arzt! Emoji Ok, damals wusste ich noch nicht, dass es einen trockenen Husten gibt oder der mit Auswurf. Nach genauerer Nachfrage (doch noch) Ihrerseits bekam ich dann einen passenden Hustensirup (ich glaube für Reizhusten. Das weiss ich heute leider nicht mehr).

Heute bin ich selber Apothekerin und muss  immer insgeheim über mich lachen, wenn ich meine Kunden frage, was für einen Husten sie haben und sie mit dieser Frage nichts anfangen können. Ich erkläre immer gerne den Unterschied, weil ich wusste es ja früher auch nicht :-) Allerdings finde ich auch die Bedienung aus dieser Apotheke lustig. Mit der Antwort: Suchen Sie sich selber einen Sirup aus. Das ist mal eine Superberatung, denn die hat das wirklich ernst gemeint.
Übrigens dazumal wusste ich noch nicht, dass ich Pharmazie studieren würde.

Nach so Erlebnissen verstehe ich unseren Dozenten im Studium, der im 4. Jahr (damals nach dem Praktikum in der Apotheke) gemeint hat: „In England könntet Ihr jetzt in jede Apotheke stehen. Die würden Euch mit Handkuss nehmen.“ :-)

Husten ist nicht einfach – und es ist gut, wenn man so ein Erlebnis hatte – oder sich auch so gut einfühlen kann, dass man weiss, dass dem Gegenüber oft nicht klar ist, was genau wir wissen sollen / müssen, damit wir (zum Beispiel) einen geeigneten Hustensirup auswählen können. Was heisst schon „Produktiv“? Oder „Reizhusten“? Natürlich reizt es, sonst würde ich ja nicht husten!

Rezept nach Belieben?

rphusten

Was denkt eine Apothekerin, wenn sie dieses Rezept sieht?

Erster Überblick: Ah, ja. Da ist jemand erkältet. Schmerz-/Fiebermittel, Nasenspray, Hustensirup.

Algifor 100mg/5ml Sirup  6.5ml maximal alle 8 Stunden

Okay – es gibt nur einen Algifor Sirup, da den Inhalt so anzugeben ist unnötig redundant. Dafür weiss ich nicht wie viel das Kind wiegt und muss fragen, um zu schauen ob die Dosierung so in Ordnung ist (wäre nett, wenn die Ärzte das auf Rezepten für Kinder grundsätzlich draufschreiben würden) … oh: und ich sollte besser noch eine Dosierspritze dazu abgeben: wie will man sonst mit dem Doppellöffel (5ml und 10ml) 6.5ml abmessen?

Nasivin Nasentropfen 2-3 x täglich für maximal 7 Tage

Und hier dafür nicht angegeben welche Stärke (0.01, 0.025, 0.05?). Gut, das kann ich aus dem Geburtsdatum ableiten (Wo steht da eigentlich der Patient auf dem Rezept? Ah – hinten). Und bezahlt wird hier von der Krankenkasse nicht alles.

Hustensirup – nur bei nächtlicher Unruhe

Ookayy? Was darf’s denn sein? Es gibt ja mehr als einen Hustensirup – von jeder Art, der schleim-lösenden und dem husten-stillenden und immer noch ein paar Kombinationen. Ich schätze mal, es soll was hustendämpfendes sein (da nur für die Nacht), aber da ich nicht schätzen darf gibt das halt einen Anruf beim Arzt.

Ein einfaches Rezept, wirklich. Eigentlich nicht mal Sachen, für die man wirklich zum Arzt müsste.

Alte Schachteln …

Nie würde ich auf die Idee kommen, ältere Frauen so zu bezeichnen, aber da die hier es selber tun …

Jedenfalls: diese alten Schachteln erzählen etwas … und die dürften jederzeit zu mir in die Apotheke kommen und mir ihre Stuhl-News beibringen. Vorausgesetzt, sie machen das im gleichen Stil.

Danke an Martin für den Link!

Hustensirup-Hoch

Davon habe ich schon ein paar Mal geschrieben. Das letzte Mal hier: Hustensirup-Missbrauch.

Jetzt veröffentlicht 20Minuten einen Artikel: … und er ist für mich keine wirkliche Überraschung. Bei uns hat das Problem arg nachgelassen, seit ich beim Makatussin durchgegriffen habe, was die Abgabe (oder besser hier die Nicht-Abgabe) angeht. Gelegentlich versucht es mal wieder ein Jugendlicher am Freitag Abend, ob sich was geändert hat, aber das war es.

Dass auch andere Apotheken als nur wir das restriktiver handhaben, habe ich auch am Telefonanruf letztens gemerkt … ein ganz schlauer dachte wohl, er spart sich den Weg die verschiedenen Apotheken abzuklappern und fragt erst Mal telefonisch an, ob wir das an Lager haben.

Makatussin ist tatsächlich das am meisten missbrauchte Mittel hier … wahrscheinlich eben wegen solchen Drink-Rezepten wie im Artikel erwähnt. In Amerika war das der Promethazin with Codeine von der Firma Actavis – in Szenekreisen „Purple Drank“ genannt wegen seiner violetten Farbe. War, nicht ist – denn (ui) die Firma hat da reagiert und das jetzt tatsächlich ausser Handel genommen. So berichtet zum Beispiel the angry pharmacist in .

Nun, sie werden einen Ersatz dafür finden, den sie dann missbrauchen können. Eine gute Idee ist das auch bei Hustensäften nicht. Gerade die Kombination mit Alkohol dürfte zu Atemdämpfung und vermehrt Problemen im Zentralnervensystem (lies: Hirn) führen – Folgeschäden sind zu erwarten.

Das Ganze ist übrigens kein Problem nur von Amerika und der Schweiz – das gibt’s auch in Patong, Thailand. Ganz in der Nähe von wo ich gerade war. Da wurde Ende letztes Jahr eine , die ungewöhnlich viel Hustensirup an Jugendliche verkauft haben soll. Und tatsächlich: in der Apotheke fanden sich über 500 Flaschen Sirup und allein während der Überprüfung von etwa 90 Minuten wurde der etwa 10 x von Jugendlichen verlangt.

Ein echter Verkaufsrenner. Das sollte auch zeigen, dass der Apotheker, der da eine Abgabe verweigert, das nicht aus Bösartigkeit macht und ganz sicher nicht, weil er etwas davon hat (ganz sicher keine Einnahmen ….) sondern, weil er / sie ein Gewissen hat und ihm / ihr etwas an der Gesundheit des Kunden liegt.

Daran sollten die Leute, die hier „das geht den Apotheker doch gar nichts an“ und „der soll mir das einfach geben, das ist nur mein Problem“ schreien auch mal denken …

Ich habe etwas Mühe, das zu öffnen

„Ich habe etwas Mühe, das zu öffnen“ …. sagt die etwa 50jährige Frau in der Apotheke und gibt uns diese Packung Hustensirup Solmucalm (links):

Na, kein Wunder. *SO* macht man die auch nicht auf.

Und selbst wenn Sie sie so geöffnet hätte – das hätte ihr gar nichts gebracht.

Rechts daneben ist die Packung, wie sie aussehen sollte.

Was die Frau hätte machen sollen: den durchsichtigen Becher oben abnehmen. Den weissen Ring in der Mitte des „Deckels“ abziehen. Fest mit der Hand von oben auf den Deckel drücken, dann fällt das Wirkstoffpulver in den Grundlagensirup in der Flasche … und die Flasche ist offen.

Bei ihr fehlt der ganze obere Teil. Das Pulver hat sie wohl bei ihren Bemühungen schon verschüttet.

Das einzige was daran gut ist: die Frau hatte die Packung nicht von uns. Das wollte ich auch hoffen, denn meine Leute erklären, was man machen muss … und bieten an, das vor Abgabe zu öffnen.

Ist ja nicht so, als ob man damit etwas dummes machen könnte!

Die rüstige Frau um die 60 kommt in die Apotheke und verlangt von mir 2 Fläschchen Codeinhaltige Hustentropfen.

„Ist es für Sie selber?“ 

„Nein, ich soll das meiner Freundin mitbringen.“

Das kann so sein oder nicht. Ich glaube es jetzt mal. Sie selber sieht nicht wirklich so aus, als ob sie regelmässig das holen würde.

Pharmama: „Haben Sie eine Ahnung, was für eine Art Husten ihre Freundin hat?“

„Nein, sie hat mir nur gesagt ich soll ihr das mitbringen“

„Ich kann Ihnen ein Fläschchen geben. Es ist aber nur für trockenen Husten gedacht – könnten Sie das ihrer Freundin deutlich sagen?“

„Sie hat aber gesagt ich soll 2 Flaschen mitbringen.“

Ja, das hat sie sicher. Ich finde es immer wieder spannend, wenn man andere Leute vorschickt, um Medikamente zu holen – speziell, wenn die nicht wissen, für was die Mittel sind.

„Ich kann ihnen nur eine geben.“ Ich stelle ihr das Fläschchen auf die Theke.

„Aber warum? Ist ja nicht so, als ob man damit etwas dummes machen könnte!“

Sagt sie.

„Und ich könnte auch einfach in eine andere Apotheke gehen und es dort kaufen!“

Dass ich das von ihr hören muss!

Ich ziehe die Augenbraue hoch. Soll sie doch merken, was ich von der Aussage halte.

„Wir verkaufen nur eine Flasche pro Person, weil das gerne missbraucht wird – und weil man, wenn der Husten länger dauert, das auch mal vom Arzt anklären lassen soll. Es könnte ja auch eine Lungenetzündung geben und ähnliches.“

„Missbrauchen? Weshalb?“

Sie ist wirklich fast amüsant ahnungslos. Und ich stehe jetzt vor einem kleinen Dilemma. Wieviel soll ich ihr darüber erzählen?

„Ich soll ihnen erzählen, was passiert?“

„Ja?“

„Nun, dieses Mittel enthält Codein – ein Hustendämpfer. Ein Teil davon wird aber, wenn man es nimmt, im Körper umgewandelt in Morphium – das sagt ihnen etwas? …Dementsprechend macht es ein Hochgefühl – und Abhängig. Es ist nicht ungefährlich, es dämpft in den hohen Dosen nicht nur den Husten, sondern die Atmung selber.“

„Und da gibt es Leute, die das so trinken?!?“

„JA.“

„Oh. Das wusste ich nicht. Geben sie mir das eine Fläschchen – ich sage das meiner Freundin.“

Sie hat das tatsächlich begriffen. Cool.

Wobei ich ja noch interessiert wäre, wie das Gespräch mit der Freundin nachher gelaufen ist. Es besteht nämlich die Möglichkeit, dass die das Mittel missbraucht.