Ein Apotheker ist nicht Erfüllungsgehilfe des Arztes

ein Apotheker ist „nicht der Erfüllungsgehilfe des Arztes“, der sich auf seine ärztliche Therapiehoheit berufen könne. Arzt und Apotheker bildeten vielmehr eine „Behandlungsgemeinschaft“, woraus sich für den Apotheker eine formale und auch eine inhaltliche Prüfungspflicht ergibt, bevor ein Apotheker ärztlich verordnete Rezepte bedienen darf.

Ja – derartiges habe ich auch schon geschrieben – zuletzt in der Umfrage auf dem Blog, ob man bei einem Rezept mit Unklarheit in der Diagnose den Arzt anrufen und nachfragen sollte.

Obiges Zitat stammt übrigens aus einer aktuellen Urteilsverkündung aus einem deutschen Fall. Im langjährigen Gerichtsfall wurde ein Apotheker angeklagt und jetzt auch verurteilt

Ich finde den Fall etwas unglücklich und sympathisiere mit dem Apotheker, dem selbst das Gericht ein recht mildes Urteil auferlegt hat –

Verurteilt wurde er wegen unerlaubten Handelstreibens durch Abgabe von Betäubungsmitteln, Beihilfe zum unerlaubten Handel mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge sowie Abgabe verschreibungspflichtiger Medikamente ohne Rezept zu drei Jahren Haftstrafe. Er behält aber seine Berufsbewilligung und kann danach weiter arbeiten.

Das hört sich jetzt reichlich übel an, aber man sollte den Hintergrund der Geschichte mit einbeziehen:

Der Apotheker (übrigens in meinem Alter) hat vor etwa 15 Jahren die Apotheke seines Vaters übernommen (das muss dem Fall sehr bald nach dem Studium passiert sein). Im selben Haus ist eine Arztpraxis mit einer Genehmigung für die Substitutionsbehandlung von bis zu 100 Patienten. Der Arzt hat Betäubungsmittelrezepte ausgestellt – und der Apotheker hat sie beliefert. Auch nachdem ihm mit der Zeit auffallen musste, dass da einiges nicht stimmte: die Höchstmengen wurden ohne entsprechende Kennzeichnung überschritten, die vorgeschriebenen Einnahmehinweise für den Sichtbezug gab es nicht. Auf Privatrezepten wurden für Erwachsene (noch vor der Zulassung dafür) grosse Mengen Ritalin verordnet. Die Medikamente wurden direkt in die Praxis geliefert – die neben der Substitutionsbehandlung einen florierenden Schwarzmarkthandel für die Medikamente aufzog.

Während der polizeilichen Vernehmung hat der Apotheker übrigens ausgesagt, mehrfach den Kontakt zum Arzt gesucht zu haben, von diesem jedoch äußerst herrisch abgewiesen worden zu sein.

Offenbar war er dadurch derart eingeschüchtert, dass er dann einfach weiter die Rezepte belieferte – und das macht ihm das Gericht zum Vorwurf: er hätte den Arzt melden müssen … oder zumindest die Abgabe verweigern.

Zum Verhängnis wurde ihm bei dem Gerichtsfall aber noch etwas anderes: eine PTA in der Apotheker, deren Mann offenbar ein bekannter Drogenhändler war, bestellte und lieferte diesem kilogrammweise Lidocain. Die Mitarbeiterin will ihren Chef um Erlaubnis gebeten haben – mit Verweis auf einen angeblichen Schwager, der in Bosnien als Arzt arbeitet. Insgesamt gingen 350 kg Lidocain über den Ladentisch – die dann zum Strecken von Cocain verwendet wurden. Lidocain selber darf eigentlich verkauft werden, aber nicht, wenn das danach zum Herstellen (oder hier Strecken) von Drogen verwendet wird. Die Menge Lidocain ist denn auch den Behörden aufgefallen, die daraufhin die Apotheke überwachte und dem Apotheker wurde schliesslich zum Verhängnis, dass er in Ferienabwesenheit der PTA selber 20kg Lidocain bestellt und verkauft hat – zum Einkaufspreis.

Überhaupt … der Apotheker war alles andere als geschäftstüchtig: während der Arzt (gegen den ein separates Verfahren am laufen ist) einen luxuriösen Lebensstil führte, soll dieser die Medikamente nach vorläufigem Kenntnisstand nie bezahlt haben. Ein sechsstelliger Betrag wäre dann noch offen.

In der mündlichen Urteilsbegründung wurde festgestellt, die Initiative sei nicht von dem Apotheker ausgegangen und er habe auch keinen persönlichen Vorteil gehabt, sondern sogar „draufgezahlt“. Das Gericht gehe davon aus, dass keine Wiederholungsgefahr vorliegt und der Verurteilte bereits seit langem alle Gesetze und Vorschriften exakt einhält.

„Wert“ war es das ganze sicherlich nicht. Aber (um etwas positives darüber zu sagen) zumindest zeigt es, dass wir Apotheker unseren Beruf (und die damit verbundenen Kontroll-Aufgaben) wirklich ernst nehmen sollten und dafür einstehen, wenn uns bei einem Rezept etwas seltsam vorkommt. Wir sind eben nicht bloss die Erfüllungsgehilfen des Arztes … schön, dass das hier so deutlich gesagt wird.

Quellen:  und

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Änderungen in Sichtweite? Das neue Heilmittelgesetz

Es tut sich was in der Schweiz – ein neues Heilmittelgesetz ist im Tun. Vorstösse sind im Gang, die die Selbstdispenation der Ärzte einschränken könnte … zumindest in dem Sinne, dass den Patienten etwas deutlicher die Wahl gelassen wird, wo sie ihre Medikamente beziehen möchten.

Bisher ist es so gewesen, dass ein Arzt in einem Kanton, der die Selbstdispensation erlaubt, dem Patienten beim Besuch gleich die Medikamente in die Hand gedrückt hat. – Eigentlich müsste ich hier richtigerweise „Medikamente verkauft“ schreiben, denn das ist das was der Arzt da tut. Was dabei auch unter den Tisch fällt: es fehlt dadurch die Kontrolle der Medikamente durch eine zweite (dafür ausgebildete) Medizinalperson: die Apotheker. Und der Patient selber kann sich so nicht noch einmal überlegen, ob er die Medikamente wirklich nehmen will – *das* sehe ich in der Apotheke dann an den ganzen kaum angebrochenen Packungen Medikamente, die ich zum entsorgen bekomme.

Kaum ein Patient wagt es in so einem Fall, den Arzt um ein Rezept für die Medikamente zu bitten. Das sollte jetzt geändert werden, indem man den SD Ärzten vorschreiben wollte, für alle Medikamente erst mal ein Rezept auszustellen. Der Patient kann dann – mit dem Rezept in der Hand- entscheiden, wann und wo er die Medikamente beziehen will. Das war den Ärzten zuviel – der jetzige Entwurf ist schon so weit verwässert, dass der Patient entscheiden „darf“, ob er wirklich ein Rezept in Papierform will. :-(

Damit sind wir eigentlich immer noch bei der jetzigen Situation. Wie gesagt: die wenigsten getrauen sich ihrem Arzt gegenüber etwas zu sagen.

Dabei geht es (natürlich) um viel Geld. Gemäss IMS Health fallen 24.3 Prozent der Medikamentenkosten auf die SD-Ärzte. Das sind mehr als 1,23 Milliarden Franken pro Jahr. Wenn wir das jetzt noch in Verbindung setzen mit der nach der Ärzte, die in der Arztpraxis Medikamente verkaufen, rund 30 Prozent mehr Arzneimittelkosten pro Patient verursachen als Ärzte, die verschreiben … dann können wir uns ausrechnen, dass wir glatt 370 Millionen Franken pro Jahr einsparen könnten, wenn die Leute die Medikamente wieder in der Apotheke holen gingen. Und es wäre sicherer.

Auf der anderen Seite gibt es weiter Bestrebungen, den Apothekern mehr Kompetenzen im Bereich der Abgabe von rezeptpflichtigen Medikamenten zu geben. Auch dagegen wehren sich (begreiflich) die Ärzte.

Dazu möchte ich sagen, dass wir hier in der Schweiz schon mehr Kompetenzen in die Richtung haben als die Apotheker in Deutschland. Nicht nur dürfen wir Vorbezüge machen oder ausnahmsweise Wiederholungen auf Rezepten, wir dürfen schon „in begründeten Ausnahmefällen“ auch rezeptpflichtige Medikamente ohne Rezept abgeben … und machen das auch. Wichtig hier ist, dass der Apotheker das nur macht, wenn er sich sicher ist, damit keinen Schaden anzurichten – immerhin übernimmt der Apotheker in dem Fall die Verantwortung. Das heisst: der Apotheker muss vorher diverses abklären. Dafür braucht er das richtige Wissen – das wir aber in Weiterbildungen (auch von Ärzten) regelmässig erwerben. Die Grundlagen dafür gibt es hier schon lange. Im Zweifel wird der Patient auch immer an den Arzt weiter verwiesen.

Werden hier die Kompetenzen (vor allem im Sinne der möglicher Gesundheitsprobleme) erweitert, müssen natürlich auch die Apotheker vermehrt weitergebildet werden. Ich behaupte hier aber, dass kein Apotheker „einfach so“ rezeptpflichtige Medikamente abgibt, nur weil er das dann vermehrt darf. Immerhin kommt die Nachfrage dafür direkt vom Patienten. Der hat nun einfach mehr Auswahl, wo er seine Medikamente – ob rezeptpflichtig oder nicht – beziehen kann.

Wer mitreden will kann das hier: (linke Seite – am liebsten natürlich „Ja“ – für die Apotheker :-) )

Auch die Kompetenz von Drogerien soll ausgeweitet werden. Schon jetzt hat der Nationalrat dem Vorschlag des Bundesrats zugestimmt, dass Drogerien künftig alle nicht verschreibungspflichtigen Medikamente abgeben dürfen. Darunter fallen die Liste C – die apothekenpflichtigen Medikamente. Ich bin vor allem gespannt, was sie am Schluss soweit freigeben, dass das dann sogar im Detailhandel erhältlich sein wird. (Bitte nicht Aspirin und Co.!)

Im Versandhandel von Medikamenten (ein ewiger Streitpunkt in der CH da eigentlich verboten) soll es in Zukunft nicht mehr möglich sein, dass das Rezept vom Versandhandel „danach“ besorgt wird: es muss bei der Bestellung vorliegen. Ob da auch die Ausstellung eines Rezeptes während dem Bestellprozess verboten wird? (nötig hierzulande auch für freiverkäufliche Arzneimittel etc.) 

Und dann haben wir noch die Sache mit der Übernahme der Komplementärmedizin durch die Krankenkasse. Die finde ich allerdings sehr enttäuschend. 2012 wurde nach einer Volksabstimmung 5 alternative Heilmethoden in den Katalog der Grundversicherungen aufgenommen und von den Krankenkassen übernommen. (Nachzulesen auch bei mir) … Vorgabe war allerdings, dass das bis 2017 beschränkt ist und dass die verschiedenen Sparten bis Ende 2015 nachweisen, dass sie „wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich“ sind. Das können sie offenbar nicht (keine grosse Überraschung). Die Neuraltherapie ist inzwischen auch freiwillig von der Regelung zurückgetreten. Der Rest allerdings … soll jetzt nach Vorschlag des Gesundheitsministers Alain Berset den anderen vergüteten medizinischen Fachrichtungen gleichgestellt werden. Damit würden die Leistungen wie in den letzten Jahren grundsätzlich von der Krankenkasse vergütet.

Da bekommen also die anthroposophische Medizin, die Homöopathiedie Phytotherapie
und die traditionelle chinesische Medizin ohne Nachweis die Übernahme durch die Krankenkassen geschenkt. Hmmmmpf!

Wie bei anderen medizinischen Fachrichtungen sollen lediglich einzelne, umstrittene Leistungen überprüft werden. Wie dabei die Kriterien der Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit angewendet würden, muss laut dem EDI noch präzisiert werden. Die betroffenen Kreise werden eingeladen, dabei mitzuwirken.

Die Kosten für die Komplementärmedizin werden übrigens auf 50 Millionen Franken im Jahr geschätzt, weniger als ein Promille der gesamten Gesundheitskosten. Gut – für mich macht es das relativ einfach in der Apotheke – kann ich das auch via die Krankenkassen abrechnen. Aber der Wissenschaftler in mir findet das sehr (sehr!) unbefriedigend.

Die untergeschobene Abtreibungspille

Aus der Sparte: interessante Gerichtsfälle um die Apotheke hier einer aus den USA letztes Jahr:

In Florida wurde eine Apotheke verklagt, weil sie einem Mann geholfen haben soll, seiner Freundin eine Abtreibungspille unterzuschieben.

Remee Lee (26) hatte seit etwa 7 Jahren eine on/off Beziehung mit John Andrew Welden (28), einem Medizin-Studenten, als sie von ihm schwanger wurde. Sie war damit glücklich – er … nicht.

Also ersann er einen ziemlich fiesen Plan, um dem gegenzuwirken.

Weil Remee keine Krankenversicherung hatte, brachte er sie dazu, zu seinem Vater, der Gynäkologe ist, in Behandlung zu gehen. Dann überzeugte er sie, dass sie eine bakterielle Infektion habe und dafür ein Rezept ausgestellt bekommen hat.

Tatsächlich hat er das Rezept selber mittels einem gestohlenem Rezeptblatt vom Vater gefälscht. Aber nicht für ein Antibiotikum, sondern für Cytotec (Misoprostol). Ein Mittel, das gegen Magen- und Darmgeschwüre verwendet wird … aber auch in der Gynäkologie: zur Weheneinleitung, bei Blutungskomplikationen nach der Geburt und (sein Ziel) für Schwangerschaftsabbrüche.

Von den Tabletten entfernte er sorgfältig jede identifizierende Markierung, bevor er sie wieder in die Tablettendose füllte … die sind in Amerika ja lose drin.

Jetzt brauchte er nur noch eine Etikette für die Tablettendose, auf der nicht draufstand, was es wirklich ist.

Anfangs hiess es noch, er habe jemanden innerhalb der Apotheke gehabt, der ihn darin wissentlich unterstützt habe. Tatsächlich aber ist er wohl hingegangen und hat einem Apothekenmitarbeiter erklärt, er komme von der Praxis seines Vaters (für den er auch arbeitete), dessen Etikettendrucker sei defekt und er brauche deshalbe eine Etikette für … Amoxicillin, auf den Patientennamen Remee Lee.

Seine Freundin nahm die Tabletten und erlitt zwei Tage darauf eine Fehlgeburt – in der 6. Schwangerschaftswoche.

Weil Lee misstrauisch war, kam das mit dem Tablettentausch dann heraus. Aber sie verklagte neben ihrem Freund (der sich schuldig bekannte) auch gleich noch die Apotheke. Die hätte ihre Sorgfaltspflicht verletzt und die Rezept-Fälschung nicht erkannt. Und dann hätte jemand internes Andrew Welden geholfen und dabei gewusst, was er/sie tat.

Welden hat sich schuldig bekannt und verschwindet jetzt wohl für einige Jahre hinter Gittern – und ich hoffe, dass er auch danach nicht mehr im medizinischen Bereich tätig sein wird. Was mit der Anklage gegen die Apotheke passiert ist, habe ich nicht gefunden. Ich hoffe, das wurde fallengelassen.

Quellen: ,   und mehr.

Nicht mit mir.

Auf dem Rezept hat der Arzt aufgeschrieben „Kompressionsstrümpfe Kl II“

Nur dass die Patientin uns mit dem Rezept  einen alten Strumpf unter die Nase hält und sagt: „Ich hätte gerne genau diesen! Der passt mir gut.“

Oookay … aber: der Strumpf stellt sich bei näherer Betrachtung als Klasse 1 Strumpf heraus.

Das bedeutet:

„Ich kann Ihnen auch diesen Strumpf bestellen, aber: Der Arzt hat ihnen eine stärkere Kompression verschrieben … das sollte man eigentlich beachten.“

Frau: „Der Arzt hat den Strumpf nur verschrieben, weil ich ihm das so gesagt habe. Und ich will diesen Strumpf hier!“

Pharmama: „Gut, dann haben wir nur noch ein kleines Problem – Strümpfe der Kompressionsklasse 1 werden von der Krankenkasse nicht übernommen. Wenn Sie also diesen hier wollen, werden Sie ihn selber zahlen müssen.“

Frau: „Aber ich habe ein Rezept dafür!“

Pharmama: „Die Krankenkassen müssen etwas nicht zwingend übernehmen, nur weil es auf einem Rezept steht. Und … Sie haben ein Rezept für einen Strumpf der Kompressionsklasse 2.“

Frau: „Aber diesen Strumpf hier habe ich auch so bekommen. … Sie können ja der Kasse einen Strumpf der Kompressionsklasse 2 verrechnen, wenn die das bezahlen und mir diesen hier abgeben.“

Pharmama: „Sie … wollen also, dass ich für Sie die Krankenkasse betrüge? … Nein, antworten sie nicht. Das mache ich nicht.“

Frau: „Aber das ging schon einmal so.“

Pharmama „Aber ich mach das nicht.“

Frau: „Und jetzt?“

Pharmama „Entweder ich messe ihnen einen Kompressionklasse 2 Strumpf an – so wie der Arzt das wohl auch gedacht hat – und gebe den ab – den kann ich der Kasse verrechnen …. Oder ich bestelle ihnen diesen Strumpf der Klasse 1 hier – und sie bezahlen ihn selber.“

Sie hat dann ihren Strumpf bestellt und bezahlt.

Nein, das fangen wir gar nicht erst an. Wenn man das macht, kommt sie das nächste Mal nicht nur mit „das ging doch auch schon so“ … und verlangt das nächstem irgendein Nahrungsergänzungsmittel statt den Tabletten auf Rezept, oder – noch besser – gleich Kosmetika. Das gibt’s. Hab ich schon von Mitarbeitern in Apotheken in der südlichen Schweiz gehört. Speziell natürlich von denen, die derart Praktiken gleich eingestellt haben – von den anderen hört man das kaum.

Über Sorgfaltspflicht und Fahrlässigkeit in der Apotheke

In Deutschland hat ein Arzt einem Baby mit Down Syndrom, das am Herz operiert werden sollte ein herzstärkendes Medikament verordnet.

Versehentlich hat er aber die Dosierung 8fach zu hoch aufgeschrieben.

Der Apotheker erkannte den Fehler nicht und gab die Arznei mit dieser Dosierung ab. (Ich nehme an, es handelt sich dabei um eine Rezeptur, die er extra anfertigen musste – auch wir stellen gelegentlich Kapseln für Babies mit Herzfehlern her).

Das Baby erlitt in Folge einen Herzstillstand und musste reanimiert werden. Es erlitt eine Hirnschädigung, einen Darmschaden und eine Entwicklungsverzögerung. Die Eltern forderten darauf vom Arzt und dem Apotheker Schadenersatz und Schmerzensgeld in Höhe von mindestens 200’000 Euro.

Das Gericht in Deutschland gab der Klage statt und Arzt und Apotheker wurden verurteilt – die Höhe des Schmerzensgeldes wurde aber nicht festgelegt.

In den Medien – wie zum Beispiel im Gesundheitsportal  nachzulesen – stand dann, dass „auch der Apotheker für nicht erkannte Fehler, die ein Arzt beim Ausfüllen eines Rezeptes gemacht hat haftet“.

Also sind die Apotheker verpflichtet, ein Rezept genaustens zu prüfen und haftbar für aus fehlbarer Abgaben resultierender Folgen.

Das ist so.

Ich habe zwar in der Schweiz keinen Gerichtsfall dazu gefunden, aber bei uns dürfte es analog laufen. Die rechtlichen Voraussetzungen dafür sind gegeben.

So steht  schon im 3. Artikel: Sorgfaltspflicht

Art 3. Sorgfaltspflicht: Wer mit Heilmitteln umgeht, muss dabei alle Massnahmen treffen, die nach dem Stand von Wissenschaft und Technik erforderlich sind, damit die Gesundheit von Mensch und Tier nicht gefährdet wird.

Art. 26: Grundsatz für Verschreibung und Abgabe

1 Bei der Verschreibung und der Abgabe von Arzneimitteln müssen die anerkannten Regeln der medizinischen und pharmazeutischen Wissenschaften beachtet werden.

Die Dosierung eines Medikamentes – speziell wenn man es nicht kennt nicht nachzuschauen und zu überprüfen wäre garantiert eine Verletzung der Sorgfaltspflicht.

Und wenn das Folgen hat / man deswegen angeklagt wird, dann wird das auch bestraft.

Wie steht im HMG Art. 86 Vergehen

1 Sofern keine schwerere strafbare Handlung nach dem Strafgesetzbuch oder dem Betäubungsmittelgesetz vorliegt, wird mit Gefängnis oder mit Busse bis zu 200’000 Franken bestraft, wer die Gesundheit von Menschen gefährdet, indem er oder sie vorsätzlich:
Sorgfaltspflichten im Umgang mit Heilmitteln verletzt;
….
3 Wer fahrlässig handelt, wird mit Gefängnis bis zu sechs Monaten oder mit Busse
bis zu 100 000 Franken bestraft.

So- das ist das.

Was mich noch interessierte ist der Ausdruck Fahrlässig – ich meine, es ist klar was vorsätzlich ist (mit Absicht), aber was genau bedeutet Fahrlässig?

Fahrlässigkeit ist definiert als Verletzung der gebotenen Sorgfalt (objektive Seite) und verlangt Urteilsfähigkeit des Schädigers (subjektive Seite).

Der Apotheker der in Deutschland zusammen mit dem Arzt verurteilt wurde hat also fahrlässig seine Sorgfaltspflicht verletzt.

Er kann die Verantwortung dafür nicht an den Arzt abschieben. Selbst wenn ihm die Diagnose nicht bekannt war hätte er bemerken müssen (Kontrolle!), dass die Dosierung stark ausserhalb des Normbereiches für das Alter ist.

Und das Alter hätte er bemerken müssen, da vor Abgabe eines Medikamentes auf Rezept der Patient identifiziert werden muss.

Sorgfalt ist wichtig. In der Apotheke wie beim Arzt – wir halten die Gesundheit von vielen Menschen in unseren Händen, nur indem wir etwas abgeben. Wir sind eben mehr als nur „Schubladenzieher“ – und das spiegelt auch die Gesetzgebung.

Bewilligung zur Berufsausübung – nach dem Studium nicht zu erlangen?

Gedankenknick bringt ja gerne den aktuellen Wahnsinn des deutschen Gesundheitssystems in Bezug auf die Apotheken. Jetzt erreichte mich etwas, das zeigt, dass es auch bei uns so geht.

Angenommen, ich bin Apothekerin und ich möchte in einer Apotheke arbeiten. Nicht sie leiten, nur arbeiten.
Dann brauche ich dafür eine Bewilligung vom Kanton in dem ich arbeiten will. Denn immerhin habe ich eine Menge Verantwortung zu tragen – da müssen also Voraussetzungen erfüllt sein. Die Verwalterin der Apotheke hat noch ein paar Bedingungen mehr zu erfüllen – sie rechnet ja schlussendlich mit den Krankenkassen ab – und ist auch dafür Verantwortlich, dass nur fähiges Personal angestellt wird und dieses entsprechend arbeitet.

Für diese Berufsbewilligung jedenfalls brauche ich verschiedenes:

  • Das eidgenössische Apothekerdiplom (respektive eine Kopie davon) oder das ausländische Diplom die Anerkennungsbestätigung von ausländischen Diplomen durch das Bundesamt für Gesundheit in Bern.
  • Ein Auszug aus dem schweizerischen Strafregister – Original, nicht älter als 3 (manchmal auch 6) Monate oder den Strafregisterauszug/Führungszeugnis des Herkunfstlandes wenn ich innerhalb der letzten 12 Monate (manchmal bis 5 Jahre) zugezogen bin.

Obiges verlangen so ziemlich alle Kantone. Dazu kann noch kommen:

  • Eine Wohnsitzbescheinigung der Wohngemeinde (Original, nicht älter als 3 Monate) oder eine Kopie der Aufenthaltsbewilligung
  • Nachweis bisheriger Weiterbildungen (wie die FPH) oder Doktorate
  • Berufsausübungsbewilligung anderer Kantone falls vorhanden
  • und falls man schon in einem anderen Kanton gearbeitet hat: eine Bestätigung der unbescholtenen Berufsausübung (Unbedenklichkeitserklärung) durch die Aufsicht derjenigen Kantone
  • Eine ärztliche Bescheinigung der physischen und psychischen Eignung der Berufsausübung im Original
  • Der Nachweis einer genügenden Berufshaftpflichtversicherung

Aber: Nur im Kanton Basel Stadt wird seit einer (idiotischen) Gesetzesänderung Anfang letztes Jahr (?) verlangt, dass auch die Apothekerin, die als Stellvertretung arbeitet, vorher schon 2 Jahre zu 100% in einer Apotheke gearbeitet hat. Ansonsten darf sie nicht allein als Apothekerin in einer Apotheke stehen. Diese Bedingung musste bisher nur die Verwalterin erfüllen.

Äh, WAS ????
Hände hoch: wieviele von euch Apothekern – speziell schweizer Apothekern hat (nach dem Praktikumsjahr und der Einarbeitungszeit) schon gleichzeitig mit einem anderen Apotheker gearbeitet? Und ich meine nicht die Überschneidungszeit am Mittag, wenn man abtauscht, sondern: tagelang.
Ich behaupte mal, das ist die absolute Minderheit. Das hat einen Grund: als kleine Apotheke (Quartier, Dorf etc.) kann man sich nicht mehr als 1 Apothekerin gleichzeitig leisten. Das geht höchstens in Bahnhof-Apotheken oder sehr grossen Zenter-Apotheken mit entsprechend Umsatz und Einkommen.

Diese neue Regelung in Basel-stadt bedeutet (kurz gesagt), dass Apothekerinnen frisch vom Studium in Basel keine Arbeit mehr finden.

Sie müssen auf einen anderen Kanton ausweichen – dort 2 Jahre arbeiten – dann können sie auf Basel arbeiten kommen. Wenn sie dann noch wollen.
Das bedeutet aber auch, dass Apotheken, die in Basel neue Angestellte suchen, kaum jemanden finden. Sie dürfen zwingend nur noch solche nehmen, die schon über 2 Jahre irgendwo gearbeitet haben – und wir haben in der Schweiz schon eher einen Mangel an Apothekern. Was man merkt, wenn man mal jemanden suchen muss.

Ich persönlich arbeite noch gerne mit jungen Apothekern – die kann man noch formen nach eigenen Zielsetzungen. Da hat man auch noch nicht so ein Problem mit Ferien (Schulferien bei Müttern) etc. Und mir persönlich ist jemand junges (auch wenn noch etwas unerfahrenes) fast lieber, solange sie vernünftig und vorsichtig ist, als jemand älteres, die das Gefühl hat, sie weiss schon alles und kann gar nichts falsch machen.

Was passiert, wenn andere Kantone das auch einführen?
Der Offizin-Apothekerberuf wird (noch) unattraktiver und weniger wählen das als Beruf. Das gibt ein Nachwuchsproblem. Noch weniger Auswahl bei der Angestelltensuche. Noch mehr finanzielle Probleme bei den übriggebliebenen Apotheken – weil die Personalkosten in die Höhe schnellen. Oder der Anfangslohn für die Apotheker in den ersten Jahren müsste stark sinken – auch das macht den Beruf noch weniger attraktiv. Ausserdem löst das in den ersten Jahren nicht das Problem, dass ja immer eine andere Apothekerin mit genug Arbeitszeit anwesend sein muss – und nach den 2 Jahren: ginge das dann nur mit dem geringeren Lohn weiter, oder müsste die junge Apothekerin dann auch die Stelle wechseln?

Autsch! Wer hat diese Gesetzesänderung denn erlassen? Und weshalb hat da der Apothekerverein in Basel nicht vorher interveniert und versucht das zu verhindern? Oder der schweizerische Apothekerverein? Ich hoffe, da läuft etwas. So kann man die Apotheken nämlich auch kaputt machen.

Nachtrag 2016: anscheinend hat man es geschafft und diese Vorschriften wieder aufgehoben. Vernünftig.