Am Rande(nsaft)

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Am Ende eines laaangen Arbeitstages hatte ich noch diese Kundin:

Kundin (eine Frau jüngeren Alters): „Ich hätte da noch eine Frage. – Was ist in Rote Beete Saft drin?“

Pharmama: „Äh … Rote Beete?“

Kundin: „Ja – was ist das und wofür?“

Pharmama: „Das ist ein Gemüse … ich nehme an, das pressen sie für Saft einfach aus?“

Kundin: „Ah. Und was ist da drin?“

Pharmama: „In Rote Beete?“

Kundin: „Ja – ist da viel Vitamin D drin oder Eisen?“

Pharmama: „Ah, das muss ich nachschauen gehen.“

Ehrlich – keine Ahnung. Für sowas gibt es google und Co.

Also komme ich mit dem Ausdruck aus dem Internet zurück, worauf steht, was da so durchschnittlich enthalten ist.

Pharmama: „Also: Rote Beete – und dementsprechend der Saft daraus enthält relativ viel Kalium und Eisen, dazu B-Vitamine und Folsäure und Flavonoide (das ist das, was die Beete rot macht) – aber Null Vitamin D.“

Kundin: „Kein Vitamin D?“

Pharmama: „Nein. Weshalb fragen Sie denn?“

Kundin: „Nun, meine Freundin hat mir das empfohlen. Wissen Sie, ich bin immer so müde. Gibt es da nichts, das ich nehmen könnte?“

Pharmama: „Nun, es kommt darauf an, weshalb sie müde sind. Möglich ist das schon wegen Vitamin D- oder Eisenmangel. Ernähren Sie sich denn ausgewogen?“

Sie wedelt mit der Hand ab.

Pharmama: „Nun, Vitamin D können Sie versuchen zu nehmen. Das ist allgemein gut – ob das Eisen niedrig ist, dafür würde sich vielleicht ein Bluttest beim Arzt lohnen, wenn das damit nicht besser wird.“

Kundin: „Aber Randensaft hat kein Vitamin D drin?“

Pharmama: „Nein, aber ich habe Tropfen mit Vitamin D, die Sie nehmen könnten …“

Kundin: „Weshalb empfiehlt mir meine Freundin dann Rote Beete-saft?“

Pharmama: „Keine Ahnung.“

Kundin: „Aber Sie haben das?“

Pharmama: „Ja – hier.“ (Zeige ihr die Flasche von Biotta)

Kundin: „Da steht drauf Randensaft.“

Pharmama: „Das ist Rote Beete.“

Kundin: „Ah. Haben sie denn noch irgend einen anderen Saft, den ich nehmen könnte?“

Wohlgemerkt, wir stehen vor dem Regal mit allen Biotta Säften

Pharmama: „Ja – all das hier. Bei Müdigkeit wäre vielleicht der Vita 7 etwas für Sie oder auch Powerberry? Das hat diverse Vitamine und Mineralstoffe, aber auch kein Vitamin D – das ist ein fettlösliches Vitamin, das ist eher nicht in Frucht- und Gemüsesäften.“

Kundin: „Hmm … ich nehme den Rote Beete Saft. Sie sind sicher, dass das Randensaft ist?“

Pharmama: „Ziemlich.“

Sie kauft ihn dann.

Die Empfehlung der Freundlin steht offensichtlich höher als die der Apothekerin, aber das kennen wir ja schon.

Genug für heute!

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Wie die Zeit vergeht …

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ticktack

Medikamente kann man nicht retournieren in die Apotheke, wenn sie einmal draussen gewesen sind ist auch unsicher, wie sie in der Zwischenzeit aufbewahrt wurden, die kann ich dann häufig nicht mehr weiter brauchen sondern nur noch entsorgen. Bei Kosmetikprodukten sieht es etwas anders aus. Die grossen Firmen mit den wohltönenden Frauennamen nehmen noch Retouren – verlangen aber bei Kundenretouren zum Beispiel wegen Allergie oder derartigem inzwischen ein ganzes A4 Formular mit allen möglichen Angaben zu Kunde und Produkt und Problem, ansonsten bekommt man als Drogerie/Parfümerie/Apotheke auch dafür gar nichts mehr.

Wir sind trotzdem sehr grosszügig, was so Kosmetik- und Körperpflege-Produkte angeht, aber … das hier war dann doch ein bisschen zuviel:

Im späten Abendverkauf kommt einer unserer Stammkunden herein; Herr Tid. Inzwischen bin ich mit Donna alleine, aber da er sowieso meist ein medizinisches Problem hat, respektive mit Rezepten vorbeikommt, nehme ich ihn.

Mit dabei hat er einen grossen Papiersack, den er neben sich auf die Theke stellt und mir folgendes erzählt:

Herr Tid: „Letzten oder vielleicht auch vorletzten Sommer habe ich dies hier gekauft …“

er zieht eine Packung Veet Easyspray aus der Tüte.

„Und die sprühen nicht richtig, sie sind defekt … kann man da irgendetwas machen? Die sind noch ungebraucht, die meisten.“

Pharmama: „Hmm … Mal sehen …“

Letzten oder vorletzten Sommer ist doch etwas her – aber wenn sie defekt sind … vielleicht kann ich schauen an was es liegt (gelegentlich ist die Düse nur verstopft und lässt sich mit warmem Wasser wieder zum sprühen bewegen, oder sonst muss ich bei der Firma anfragen, vielleicht sind die auch nach der Zeit kulant und tauschen das aus, da defekt …

Ich schaue den Spray an und was mir zuerst auffällt ist, dass der deutlich gebraucht wurde: Produktspuren um die Düse.

Pharmama: „Okay, der hier ist ja gebraucht, vielleicht kann ich mit etwas …“

Er zieht mir den Spray aus der Hand, greift in den Sack und zieht 2 ungebrauchte (oberer Teil auch noch eingepackt in Folie) heraus.

Herr Tid: „Die sind noch alle ungebraucht! Ich habe noch mehr im Auto.“

Das stimmt, so wie sie aussehen. Nur … als ich sie umdrehe, fällt mein Blick auf das Verfalldatum. Wir haben Mitte 2017. Der eine Spray ist Ende 2016 abgelaufen, der andere 2015.

Pharmama: „Oh, die haben sie von uns? Die sind beide abgelaufen, da kann es gut sein, dass die nicht mehr so gut sprühen wollen.“

Ich meine … ich will ihm nichts unterstellen, es kann vorkommen, dass wir Produkte mit knappem Verfall auch an Lager haben. Andererseits … irgendwie kommen mir die Sprays nicht sehr bekannt vor.

Ich lese den Strichcode im Warensystem ein.

Es kommt gar nichts.

Seltsam.

Ich tippe es von Hand ein.

Veet Easyirgendwas kommt, aber kein Spray.

Ich suche schrittweise, da ich weiss, das unser System Produkte, die ausser Handel sind aus der direkten Ansicht löscht. Und finde …

Pharmama: „Oh. Ja. Die sind tatsächlich ausser Handel. Sie werden nicht mehr hergestellt seit … 2010.“

Er steht jetzt etwas peinlich berührt da, aber bei mir siegt die Neugier und ich schaue noch, wann die bestellt wurden.

„Und bestellt wurden 10 davon im Sommer 2009.“

Kleine Pause.

„Ja, das ist doch etwas zu lange her. Sie sind abgelaufen und werden auch nicht mehr hergestellt, die tauscht mir auch die Firma sicher nicht mehr um.“

Herr Tid: „Dann kann ich sie nicht zurückgeben?“

Pharmama: „Doch. Ich werfe sie für Sie weg, wenn Sie möchten. Umtauschen geht da leider nicht, auch wenn sie nicht verwendet wurden.“

Er packt seine Sprays wieder ein, verabschiedet sich und geht mit seinem Sack voller abgelaufener, wahrscheinlich nicht mehr funktionierender Haarentfernungssprays.

Donna arbeitet derweil im Kosmetikbereich weiter. Ich gehe zu ihr und frage sie, ob sie das mitbekommen hat. Hat sie gar nicht, also erzähle ich es ihr. Erstaunlicherweise erinnert sie sich: „Das war der eine Sommer, in dem er so viel gekauft hat. Das ist schon 8 Jahre her? Ui.“

Ja, wie die Zeit vergeht…

von farbigen Tierchen

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Manchmal staune ich ja, was es so alles gibt …. manchmal aber nicht aus „das hat schon immer gefehlt!“- Gründen. In meinen Augen definitiv keine Marktlücke ist dieses Produkt (Sorry):

lausdetektor

Das macht genau (und nur) das, was drauf steht: 100% gefärbte Nissen in 2 Minuten

Das macht die Läuse oder deren Eier nicht kaputt, es färbt nur die Eier der Läuse an den Haaren rot. Läuse und Eier (ob voll oder leer) sind auch danach noch da. Die Idee ist, dass man die jetzt bunten Nissen besser sieht und dann wohl besser entfernen kann.

Wer in der Familie schon einmal Läuse hatte, weiss vielleicht, dass der empfohlene Nachweis dafür so funktioniert: Haare feucht machen (ev. mit Conditioner behandeln) und mit einem Läusekamm durchkämmen. Nasse Läuse bewegen sich nicht mehr und bleiben im Conditioner hängen, mit dem Auskämmen kann man sie einerseits sehen (sonst sind sie sehr flink und ausserdem farblich den Haaren angepasst: blonde Kinder haben auch „blonde“ Läuse) und andererseits gleich entfernen. Wenn man auch nur eine Laus so auf dem Kopf findet, muss man eine richtige Lausbehandlung durchführen. Am besten testet man gleich die Familienmitglieder dann auch und behandelt betroffene gleichzeitig mit.

Weil man die Nissen nur sehr schwer entfernen kann – die kleben gut an den Haaren – und die Nissen sehr robust sind gegen Lausmittel, könnten nach ca. 10 Tagen daraus neue Läuse schlüpfen. Deshalb ist es wichtig, dass man nach der Zeit eine zweite Lausbehandlung durchführt. Danach ist es mit dem Spuk meist vorbei. Die Lausbehandlung heute sind vor allem Mittel, die die Läuse mit einer Schicht öligen Lösung „ersticken“, aber keine Insektizide mehr, deshalb ist das gesundheitlich unproblematisch und geht auch inzwischen sehr schnell: 15 Minuten drauf lassen reicht bei den neuen.

Das Mittel oben ersetzt keine Lausbehandlung (die erste und die zweite nicht). Ich sehe den Einsatz auf die Mütter beschränkt, die gerne den Kindern durchs Haar gusseln und sicher sein wollen, dass auch wirklich keine „Reste“ zurück bleiben … und falls doch, leuchten die Punkte hübsch rot :-).

Die Läuse werden übrigens nicht angefärbt. Schade. Das wäre es doch gewesen: Jagd auf knallrote kleine Tierchen im Haar machen. So könnte man die Läuse nämlich auch entfernen: gründlichst mehrere Tage hintereinander das feuchte Haar durchkämmen und sie rausnehmen.

Schlechte Lagerhaltung?

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Kunde, der ein spezielles Produkt will:

„Warum haben sie das nicht an Lager? Ich habe es vor 3 Jahren hier gekauft!“

Letztens hatte ich noch einen besseren Fall: Und dieses Produkt musste ich fotografisch festhalten. Das war eine Extrabestellung, nachdem der Kunde sich sehr darüber erregt hat, dass wir ein derart klassisches und bekanntes Produkt nicht an Lager haben. Geht ja gar nicht! :

haarblut

Nun, ein „Klassiker“ ist das ziemlich sicher. Dem Design nach könnte es das Mittel seit Anfang letzten Jahrhunderts geben. Heute gehört das aber auch eher nicht zu den Sachen, die wir an Lager halten. Das erste Mal in 15 Jahren ist irgendwie zu wenig Nachfrage.

Immerhin können wir das noch bestellen – und das wie anderes ziemlich rasch. Und wir machen das auch – im Gegensatz zum Kaufhaus.

Zeug für die Zähne

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Kundenwunsch: „Haben sie das Zeug um die Zähne einzukleben?“

Interessant, wenn der Kunde dann NICHT die Haftcreme meint, sondern wirklich Zahnkleber oder so, wenn ein Zahn ausgefallen ist.

Ummm … mir ist nicht bekannt, dass es das hier gibt. Vielleicht mal den Zahnarzt fragen?

Und überhaupt: Zahn ausgefallen? Einfach so? Das ist mir nur aus Alpträumen bekannt …

Meine Berufsbekleidung

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sponsored-postWenn man Arbeitskleidung hört, denkt man eher an den Handwerker mit den Stahlkappenschuhen als an die Apotheke, aber tatsächlich haben wir das auch: unsere Arbeitskleidung ist der weisse Schurz. … Okay, manche Apotheken nehmen auch andere Einheitskleidung, beliebt sind anscheinend farbige Polohemden mit Aufdruck oder Stickerei … aber für mich wird es der weisse Schurz bleiben. – Und wenn man der Umfrage glauben kann, die ich vor einiger Zeit auf dem Blog gemacht habe, für die Mehrheit hier auch.

Ausser dem Wiedererkennungseffekt und dass man erkennt, wer überhaupt in der Apotheke/Drogerie arbeitet, kennzeichnet der weisse Schurz mich als Apotheker analog dem Arzt als Medizinalperson. Es ist tatsächlich so, dass ich mit dem anziehen des Schurzes am Morgen auch in meine „Rolle“ als Apothekerin schlüpfe. Ich würde das arg vermissen und mich wahrscheinlich sogar fast „nackt“ fühlen, wenn ich ihn in der Apotheke nicht an hätte. Natürlich … wir werden schon im Studium daran gewöhnt einen zu tragen – auch wenn es da hauptsächlich wegen der Laborarbeit ist.

Während die Apotheker bei uns Kasacks oder praktisch die Laborschürzen weitertragen, hatten die Drogisten lieber diese seitlich offenen Überwürfe an. Und auch wenn das Weiss bei weitem nicht allen steht – es ist nicht nur Statussymbol, es hat auch den Vorteil, dass es so manche Modesünde sonst überdecken kann. Nicht jede/r Mitarbeiter/in hat den Stil gepachtet. Ich schliesse mich da selber auch nicht aus.

Aber es gibt heute sehr schöne und elegante weisse Schürzen. Die hier finde ich zum Beispiel gut:

kasackellen

(Das ist der )

Er ist ziemlich traditionell und erfüllt alle Anforderungen, die ich an so einen Schurz habe: Weiss, dass er einen nicht aussehen lässt, wie ein Sack, dass er Taschen hat (für den obligatorischen Kugelschreiber, die ganzen Notizzettel und um die Rezepte kurzfristig wegzustecken), dass er waschbar ist bei 60°C und für den Sommer in Kurzarm.

Die Beschaffung des Schurzes war immer … interessant. In der Stadt, wo ich Pharmazie studierte gab es so ziemlich genau einen Kleider-Laden, der sie vertrieb. Man sollte denken, dass bei der Nachfrage durch die ganzen Studenten doch eine gewisse Auswahl vorhanden sein müsste. Tatsächlich fanden sich die Laborschürzen zusammen mit den anderen Berufsbekleidungen (lies: viele bunte Putzfrauenschürzen und grobe, verstärkte Arbeitskleidung und Coveralls für Handwerker) in einem eigenen, etwas abgelegenen Raum. Es gab gerade mal drei Modelle zur Wahl. Alle langärmelig, einfach mit verschiedenen Kragen. Die haben über die Jahre eigentlich nur gewechselt, wenn eines davon nicht mehr hergestellt wurde. Erst nach meinem Abschluss machte ein weiterer Laden auf, der sich auf Berufsbekleidung spezialisiert hat. Heute bestellen das die meisten, die ich kenne ihre Schürzen online … Zum Beispiel hier   … (die haben auch die Polohemden und anderen Shirts).

Und wie haltet ihr das so? Schurz oder Kasack oder Polohemd oder verzichtet ihr auf einheitliche Arbeitskleidung?

Über den Beruf Apotheker in DACH – Teil 3: Wer verkauft sonst noch Medikamente?

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UnterschiedeDACHApotheke

Reden wir mal über die „Konkurrenz“. Medikamente sind die Spezialität und das Wissensgebiet der Apotheke, sie sind nicht normale Konsumgüter. Trotzdem wird damit gehandelt – nicht nur in der Apotheke. Wer verkauft sonst noch Medikamente?

CH: Die Ärzte. In der Schweiz ist es teils erlaubt, dass die Ärzte selber die Medikamente verkaufen. Uneingeschränkte Selbstdispensation gilt in 14 Kantonen (AI, AR, BL, GL, SG, SZ, TG, LU, NW, OW, UR, ZG, ZH, SO). In 3 Kantonen herrscht ein Mischsystem: da dürfen es gewisse Ärzte eine Hausapotheke haben, wenn keine Apotheke in der Nähe ist (BE, GR, SH). In 9 Kantonen ist die ärztliche Medikamentenabgabe verboten: AG, BS, GE, FR, JU, NE, VD, VS, TI – wobei selbst da Ausnahmeregelungen existieren. Das ist übrigens in Europa und auch anderswo die Norm: es entspricht einer Gewaltentrennung: „Wer verschreibt, verkauft nicht.“

Versandhandel mit Medikamenten ist eigentlich verboten, es existieren allerdings spezielle Versandapotheken mit Erlaubnis. Einschränkung: es braucht bei jeder Abgabe ein Rezept, auch für OTC Arzneimittel und das Rezept muss von einem Arzt ausgestellt sein, der den Patienten persönlich gesehen hat.

Drogerien dürfen in abgelegen Gebieten ohne Apotheke einen Teil der Liste C Arzneimittel verkaufen – dafür braucht es eine Erlaubnis.

 

D: Es gibt keine Selbstdispensation in Deutschland, den Ärzten ist es verboten selber Medikamente zu verkaufen oder abzugeben.

Der Versandhandel ist erlaubt, für rezeptpflichtiges (mit Rezept) und OTC (ohne Rezept). Apotheken, die Versandhandel betreiben, brauchen dafür eine Zulassung.

Drogerien gibt es als solche nicht mehr, nur noch Drogeriemärkte. Diese dürfen keine Medikamente verkaufen, aber Arzneiprodukte ohne Zulassung … und davon gibt es immer mehr.

 

Ö: Bestimmte Ärzte in Österreich dürfen dispensieren: meist in kleinen Gemeinden mit Vorschrift, dass die nächste Apotheke weiter weg ist als 4 km.

Versandhandel ist erlaubt für Apotheken, aber nur für OTC (ohne Rezept).

In den Drogerien sind die laut Abgrenzungsverordnung freiverkäuflichen Arzneimittel erhältlich.

Über den Beruf Apotheker in DACH – Teil 2: Was darf eine Apotheke verkaufen?

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UnterschiedeDACHApotheke

Was darf eine Apotheke verkaufen? Wie sind Arzneimittel eingeteilt?

Nach dem interessanten Start geht es weiter: Was verkauft eine Apotheke eigentlich? Was darf sie, was nicht? Und wie werden Arzneimittel / Medikamente eingeteilt?

CH: In der Schweiz verkauft die Apotheke Medikamente, Chemikalien und Drogerieartikel und Kosmetik, aber auch Dekorationsartikel und weiteres. Immer häufiger ist die Kombination einer Apotheke mit einer Drogerie / Parfümerie. Vorschriften gibt es da keine spezifischen, auch wenn sich die Apotheken im Normalfall an Produkte und Dienstleistungen rund um die Gesundheit halten. Manche Apotheken bieten Ohrlochstechen oder Kosmetikbehandlungen an.

Medikamente und Heilmittel sind in der Schweiz in Kategorien eingeteilt. Liste A und B: rezeptpflichtig, wobei A verschärft rezeptpflichtig ist und nur einmal auf das Rezept abgegeben werden darf. Liste C: in Apotheken erhältlich, Liste D: auch in Drogerien erhältlich. Liste E: überall. Für die rezeptpflichtigen Medikamente gibt es Ausnahmen, dass die Apotheke das in dokumentierten Einzelfällen auch ohne Rezept abgeben darf. Dazu später mehr.

D: Die Apotheke in Deutschland darf nur Medikamente und Heilmittel und etwas Kosmetika verkaufen, jedoch nichts „Sortimentsfremdes“. Im Notdienst ist sogar nur die Abgabe von Arzneimitteln und Hilfsmitteln erlaubt. In der Apothekenbetriebsordnung werden die sogenannten apothekenüblichen Waren aufgezählt, dazu gehören Medizinprodukte, Mittel und Gegenstände und Informationsträger, die der Gesundheit von Menschen und Tieren unmittelbar dienen oder diese fördern, Mittel zur Körperpflege, Chemikalien, Reagenzien, Schädlingsbekämpfungs- und Pflanzenschutzmittel …etc.

Eingeteilt werden die Medikamente in: Rezeptpflichtig, Apothekenpflichtig und freiverkäufliche Arzneimittel, wobei die letzteren meist keinen grossen Einfluss auf die Gesundheit haben. Die Drogeriemärkte verkaufen vor allem Kosmetika und derartiges sowie einige freiverkäufliche Arzneimittel. Dies ohne jegliche Gesundheitsberatung: Den Drogisten als Ausbildung zum Gesundheitsberuf gibt es in Deutschland praktisch nicht mehr.

Ö: In Österreich gibt es rezeptpflichtige Medikamente in Apotheken, aber auch OTC Medikamente dürfen nur in der Apotheke verkauft werden.  Eine Apotheke darf auch andere Gesundheitsprodukte verkaufen – eigentlich alles, was mit „Gesundheit“ zu tun hat, also auch Bücher, Schuhe etc. und auch als Paketannahmestelle oder derartiges dienen. Manche Apotheken bieten Kosmetikstudios an – teils in extra Räumlichkeiten.

Was rezeptpflichtig ist oder OTC steht in der Abgrenzungsverordnung. Wenige Arzneimittel (Tees) dürfen auch von Drogerien oder Drogeriemärkten verkauft werden, aber nicht in Selbstbedienung und nur von ausgebildeten Drogisten.

Die Artikelreihe entstand auf Idee und mit Unterstützung von – Danke dafür!

Wie letztes Mal: Ich freue mich über jeglichen ergänzenden und auch erläuternden Kommentar!

Auffallende Kundenwünsche

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chemgesetz

Die neuste Anfrage von Herrn Timber vor Fasnacht. Ihr erinnert Euch noch an Herrn Timber? Das ist der Herr mit den lustigen Anfragen bezüglich Chemikalien und Co. Von weitem betrachtet mag das tatsächlich suspekt erscheinen … aber so wie ich ihn kennengelernt habe, hat er einfach interessante Hobbies und ist nicht ein Fall für eine Meldung an die Fedpol.

Was? Ihr habt das noch nicht mitbekommen? In der Schweiz wurden die Apotheken nun offiziell dazu aufgerufen, . Terrorismusprävention und so.

Nun … ich weiss ja nicht, wie es bei Euch ist, aber bei uns verkaufen wir nicht mehr sehr viele Chemikalien an Privatpersonen. Und vor allem keine grösseren Mengen. Ich bin sicher, das hängt damit zusammen, dass es vieles jetzt nicht mehr wie früher nur in der Drogerie und Apotheke, sondern auch im Supermarkt gibt (Brennsprit, Ablaufreiniger, WC Reiniger, Nagellackentferner) oder im Gartenzenter (Düngemittel) oder im Internet. Es kommen nicht mehr viele bei uns Chemikalien kaufen. Grössere Mengen schon gar nicht. Da fällt so praktisch jeder auf. Aber auffallen heisst nicht unbedingt verdächtig. Das haben sie zumindest hierzulande erkannt, weshalb die Meldung auch freiwillig ist. Das finde ich noch gut – denn … wir kennen unsere Kunden. Herr Timber war sicher sehr auffallend mit seinem Wunsch nach mehreren Litern Wasserstoffperoxid … hatte aber auch eine gute Erklärung für seinen Wunsch und gar nichts dagegen, dass ich mir (auch damals schon) seine Daten habe geben lassen.

Diesmal will er aber keine Chemikalien – das hat er anscheinend schon.

Er streckt mir ein kleines Metallröhrchen von etwa 1,5 cm Länge hin und erklärt mir, dass das etwas zum „Rauch machen“ ist bei der Modelleisenbahn. Man füllt Rauchmittel ein und mit ein bisschen Strom raucht das dann … aber leider nur für etwa 5 Minuten.

Herr Timber: „Ich brauche irgendetwas damit das ein paar Stunden raucht. Ich habe gedacht, wenn ich so ein Infusionsbesteck und eine Flasche daran hänge, geht das vielleicht. Bekomme ich so etwas von ihnen?“

Zur Info: Natriumchloridlösung mit Infusionsbesteck ist eigentlich rezeptpflichtig. Liegt an der Anwendungsart, nicht an dem was drin ist. Aber … hier wendet er es ja nicht intravenös an …

Ja, er hat von mir die NaCl Flasche mit Infusionsbesteck bekommen. Und eine Nadel, damit das mit dem Metallröhrchen verbunden werden konnte.

Anscheinend hat es geklappt, denn als nächstes brauchte er noch eine grosse Spritze zum nachfüllen der Flasche.

Ich sag ja: Interessante Hobbies.

das Discounter-Gesundheitssystem?

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Danke an die Einsender, die mich aufmerksam gemacht haben. Auch wenn das sensationell aufgemacht ist, selber ist da realistischer. Es geht darum, dass die Migros und die Zur Rose kooperieren und nächstes Jahr zusammen (erst mal eine?) Apotheke in einem Kaufhaus in Bern integrieren. Auch wenn das jetzt aufgebauscht wird und manche schon wieder jubeln, dass dann die bösen hohen Apotheken-Preise fallen … die Zur Rose ist nicht der Retter der Patienten. Tatsächlich ist die bei mir ziemlich unten durch – um Gewinn zu machen operieren sie häufig an der Grenze zur Illegalität … und teils darüber hinaus, einfach um Tatsachen zu schaffen und auch zu sehen, wie weit sie gehen können.

Die Zur Rose Apotheke wurde 1993 von Ärzten als Ärztegrossist für die selbstdispensierenden Ärzte gegründet und beliefert seit 2001 als Versandapotheke auch Privatpatienten, obwohl der Versand von Medikamenten in der Schweiz … oder anders gesagt: nur mit sehr definierten Ausnahmen erlaubt. 2004 expandierte sie nach Deutschland, inzwischen operieren sie nach der Übernahme der holländischen Versandapotheke DocMorris europaweit. Sie ist in den Jahren schon mehrfach negativ aufgefallen– vor allem den Apotheken.

Die Zur Rose belieferte nicht nur Ärzte in Kantonen, wo die Selbstdispensation erlaubt ist (also wo die Ärzte selber Medikamente verkaufen, eine Ausnahme die die Schweiz hat), sondern hat mit einigen Ärzten sonst Kooperationen und Verträge geschlossen, nach denen diese Ärzte, die der zur Rose Versandapotheke Patienten und Rezepte zuschleusen direkt vom so erzielten Umsatz profitieren. Riecht nach Korruption – und diese Praxis wurde vom Bundesgericht schliesslich verboten, da damit praktisch das Selbstdispensationsverbot ausgehebelt wurde und auch die freie Wahl des Leistungserbringers (in dem Fall der Apotheke) eingeschränkt wurde.

Ebenso verboten wurde der Zur Rose der Versand von nicht-rezeptpflichtigen Medikamenten, wenn nicht schon ein Rezept dafür ausgestellt wurde. Das Bundesgericht sagt hier deutlich: ein ärztliches Rezept braucht vorher direkten Kontakt zwischen Patient und Arzt. Die von der zur Rose praktizierte Ferndiagnose, die erst nach Eingang der Bestellung erfolgte (mittels online-Formular) stellt einen dar. So ist das hierzulande … aber es gibt ja noch das Ausland.

Im Ausland ist die Zur Rose ebenfalls als Versandapotheke tätig. Nach der Expansion nach Deutschland haben sie 2012 die DocMorris Versandapotheke mit Sitz in den Niederlanden für 25 Millionen Euro gekauft. Dieses Jahr haben sie es (mit wer weiss welchen Methoden) durchgebracht, dass der Europäische Gerichtshof ihnen erlaubt hat für Deutsche Patienten Rabatte (und geldwerte Anreize) auch auf den Bezug rezeptpflichtiger Medikamente anzubieten – wohingegen deutsche Apotheken das vom Gesetz her nicht dürfen (!). Man will ja eigentlich nicht Anreize schaffen, dass die Patienten unnötig / vermehrt Medikamente bestellen. Die Begründung für dieses Skandalurteil, das die deutschen Vor-Ort Apotheken benachteiligt und (wenn keine Lösung gefunden wird) zu einem Apothekensterben führen wird, ist mehr als zynisch: Angeblich besitzen die Vor-Ort Apotheken ja den diskriminierenden Vorteil, dass sie im Gegensatz zur Versandapotheke beraten können … das sollte reichen, das auszugleichen.

Die Migros – einer der beiden grossen Kauflädenketten in der Schweiz vor allem für Lebensmittel – versucht seit Jahren in das „Geschäft“ mit den Medikamenten einzusteigen. Ihre bisherigen Vorstösse gingen vor allem in die Richtung Medikamente und Arzneimittel ins eigene Sortiment aufzunehmen. Zum Glück sieht bei uns auch die Politik ein, dass Zustände wie in Amerika – wo es alles, was nicht rezeptpflichtig ist im Supermarkt gibt – nicht gerade der Gesundheit zuträglich sind. Ein Aspirin oder ein Paracetamol mag ja harmlos scheinen … aber ist es nicht! Die Verkäuferin kann (mangels Wissen) auch weder Wechselwirkungen abklären noch ob es überhaupt das richtige Medikament ist. Die Migros als Rezeptsammelstelle zu etablieren (auch durch die Zur Rose Apotheke) hat sich nicht so bewährt – Nun nimmt sich die Migros also Coop zum Vorbild und will die Apotheken in ihre Läden integrieren. Coop hat das System mit Coop Vitality schon länger. Ihr Vertragspartner ist dabei die Galenika Gruppe, ein Medikamenten-Grosshändler, der ausserdem noch die Amavita Apotheken betreibt und vor ein paar Jahren auch noch die Sunstore-Apotheken-Kette aufgekauft hat. Das ist also nichts wahnsinnig neues.

Dass da manche Krankenkassen schon Jubeln von wegen Sparen an den Medikamenten, sollte den Patienten vielleicht auch in dem Sinn zu denken geben: da werden manche Krankenkassen das als Anlass nehmen, exklusive Verträge mit diesen Discount-Apotheken abschliessen … und die Patienten dann zwingen (Versicherungsmodell) dort ihre Medikamente zu holen, oder es halt in der Apotheke bezahlen zu müssen. Analoges gibt es schon in der Kombination Assura Krankenkasse und Sunstore-Apotheken.

Von daher bin ich … mässig beunruhigt. Natürlich freut mich die Konkurrenz gar nicht, vor allem in dieser Kombination: Kaufhaus-Versandapotheke (beide mit hauptsächlich Blick auf kaufmännische Werte anstatt der gesundheitlichen oder sozialen). Eine Apotheke ist heute keine Geldgrube mehr, wie manche denken. Auch nicht in schon bestehenden Läden an gut frequentierten Stellen (denn auf dem Land wird man die sicher nicht finden). Aber da hinter der Kooperation viel Geld steckt, werden sie die Auflagen wohl erfüllen können … denn … es ist nicht so einfach eine Apotheke aufzumachen. Da gibt es eine Menge Auflagen und Gesetze, die erfüllt werden müssen. Da reicht es nicht, einfach eine Ecke im Kaufhaus dafür bereitzustellen. Es gibt bauliche Vorschriften, man braucht ein QMS System, womit unter anderem die korrekte Lagerhaltung kontrolliert wird, man muss am Notdienstturnus teilnehmen, es braucht qualifizierte Angestellte – namentlich Apotheker rund um die Uhr … und ich (persönlich) würde nicht für die arbeiten wollen.

Fabian Vaucher, der Präsident des schweizerischen Apothekerverbandes nimmt das auch sehr gelassen. Er vertraut darauf, dass unsere hochwertige Arbeit als Service-Dienstleister in der Öffentlichkeit die Geiz-ist-Geil-Mentalität schlägt.

Aber es zeigt (einmal mehr), wie sehr das Gesundheitssystem im Umbruch ist.

Passend dazu höre ich von Urs, dass unter den Drogisten fast Krieg ausgebrochen ist, als bekannt wurde, dass der Drogistenverband die Drogerie-Kette Müller in den Verband aufnimmt. Die ursprünglich aus Deutschland stammende Drogerie-Kette (die übrigens Partner der zur Rose Apotheke ist!) ist bekannt dafür, dass sie auf Fachpersonal (in dem Fall: Drogisten) weitmöglichst verzichtet und mit günstigen Verkäufern und geeignetem Einkaufsverhalten (die Masse macht’s und hier auch noch via Einkauf in Deutschland) als Discounter ihren Umsatz generiert. Unter den Voraussetzungen wollen viele Drogisten Drogerie Müller nicht als Mitglied des Drogistenverbandes sehen – auch wenn so (einiges) Geld durch Mitgliederbeiträge herein kommt.

Ich sollte hier für die deutschen Leser erklären, dass man in der Schweiz unter einer Drogerie ein von (ausgebildeten) Drogisten geführtes Fachgeschäft für Gesundheit und Schönheit versteht, das Wert auf eine fachkundige Beratung legt. Es gibt viele Heilmittel in Drogerien zu kaufen, nicht nur Produkte für die Schönheit. An vielen Orten kooperieren Drogerien und Apotheken heute deshalb – das Sortiment ergänzt sich – und das meist problemlos. Nun … wenigstens scheint bei uns das mit den Rezept-Pick-Up-Stellen, wo die Drogerikette dm in Deutschland mit der Zur Rose kooperiert  nicht mehr zu kommen.

Aber: die Discounter drängen ins Gesundheitssystem. Von allen Seiten.

Manche Wirtschaftler und diejenigen, die nur aufs Geld-sparen sehen freut das vielleicht. Ich finde das sehr kurzsichtig gedacht. Mir gefällt das gar nicht.