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Eine Kundin älteren Datums kommt in die Apotheke und streckt mir einen Prospekt hin: „Regelmässige Gewichts-Abnahme mit Diät und Teronac“ steht da auf dem etwas abgegriffenen Papier drauf.

Kundin: „Der Arzt hat gesagt, mein Mann muss abnehmen – hätten sie mir das?“ – zeigt auf den Prospekt.

Pharmama denkt: „Teronac? Noch nie gehört.“ … Auf dem Prospekt steht, dass das von der Firma Wander ist – und die gibt es ja in der Schweiz, das Modifast ist auch von ihnen.

Eine Suche im Datenstamm des Computers bringt keinerlei Treffer.

Aber: Es gibt ja noch das Internet.

Die Suche nach „teronac wander“ bringt mir dann auch als eines der ersten Treffer den Prospekt – als Buch in einem Antiquariat!

Oy.

Weitere Suche zeigt dann, das das Teronac ein Appetitzügler in der Schweiz gewesen sein muss – von wann ist mir allerdings immer noch nicht klar.

Richtige Appetitzügler gibt es inzwischen in der Schweiz gar … was nicht gross verwundert. Die Dinger wirkten hauptsächlich dadurch, dass sie einen auf chemischem Weg sozusagen „nervös“ machten. Es waren Amphetamine oder andere Psychostimulantien, die zentral anregend wirken. Sie steigern Angst und Spannung. Die meisten Leute reagieren darauf so, dass das Essen zweitrangig wird. Als Nebenwirkung hat man dann aber auch Blutdruck- und Pulsanstieg, motorische Unruhe, Schlafprobleme, Herzprobleme … und dazu kommt ein starkes Suchtpotential, was dann wohl der Grund erst für die Rezeptpflicht und schliesslich für die Marktentnahme der Mittel war.

Dementsprechend musste ich die Kundin enttäuschen. Derartiges – auch ähnliches – gibt es nicht mehr. Selbst die neueren Präparate wie das Acomplia und das Reductil (beide waren auch rezeptpflichtig) mussten wegen ähnlicher Probleme vom Markt genommen werden. Das Nutzen – Risiko-Verhältnis war schlecht, wie man heute sagt.

Die Frau wird es bei ihrem Mann klassisch mit der Ernährungsumstellung und mehr Bewegung versuchen müssen. – medikamentöse Hilfe wäre vielleicht noch das Alli, aber dafür muss der Mann selbst kommen, ansonsten kann ich das auch nicht abgeben.

bei mir bleibt allerdings die Frage zurück: Woher hatte sie die Broschüre?  Das Ding muss mindestens 10 Jahre alt sein, wenn nicht viel mehr. Hat sie das auf dem Estrich gefunden? In der Hinterlassenschaft der Eltern? Vom Arzt???

Alli in der Schweiz

Am Montag kommt eine Frau in die Apotheke und verlangt bei mir „Alli“.

Ach ja, wir haben Januar und Alli ist jetzt auch in der Schweiz erhältlich. Es handelt sich um Orlistat 60mg, also eigentlich um (ein halbes) Xenical rezeptfrei. Die Werbung sagt: „50% mehr abnehmen als mit Diät alleine!“

Ich schaue die Kundin an und sage: „Ist es für sie selbst? Denn wenn das so ist – ich kann es ihnen nicht geben. Sie haben niemals einen BMI von 28.“

Kundin: „Nein, es ist für meinen Vater.“

Pharmama: „Ah, ok. Sagen sie ihm bitte, dass er selbst in die Apotheke kommen muss, wenn er das will, ich kann es erst nach einer persönlichen Beratung abgeben.“

Kundin: „Das ist doch nicht wahr! Ich habe mich im Internet informiert und da steht es ist Liste C. Sie müssen es mir also geben!“

Pharmama: „Entschuldigung, aber so funktioniert das nicht. Die Abgabe ist an gewisse Bedingungen gebunden, die ich nur in einem persönlichen Gespräch klären kann.“

Kundin sauer und stürmt aus der Apotheke.

Oh, tut mir leid dass ich meinen Job ernst nehme!

Im letzten Herbst habe ich an einer Weiterbildung der Firma teilgenommen, bei der (neben viel Werbung) auch gezeigt wurde, an was für Bedingungen die Abgabe von Alli gebunden ist und auf was man achten muss.

Ein Apotheker muss ein Beratungsgespräch mit dem Kunden führen – analog wie bei der Pille danach.

Alli kann abgegeben werden an Personen die älter sind als 18 Jahre und einen BMI über 28 haben – das ist ziemlich hoch. In anderen Ländern ist es ab BMI 25 zugelassen, aber nicht so in der Schweiz. Ausserdem muss man natürlich abklären, ob andere Medikamente eingenommen werden, chronische Krankheiten bestehen und es muss eine Ernährungsberatung gemacht werden und mit dem Kunden einen Folgetermin vereinbart werden wie die Behandlung läuft.

Einzunehmen ist Alli übrigens vor jeder Mahlzeit –oder noch bis 1 Stunde nachher. Isst man nicht oder sehr fettreiches soll man keine Kapsel nehmen.

Der Grund dafür sind die häufig auftretenden Nebenwirkungen, die vor allem gastrointestinaler Natur sind (also im Magen und Darm). Vor allem fallen dabei auf:

Sehr häufig: Ölige Flecken, Flatus mit Stuhlabgang, Stuhldrang, fettiger öliger Stuhl, Abgang öligen Sekrets.

Häufig: Unterleibsschmerzen, Stuhlinkontinenz, flüssige Stühle, vermehrter Stuhlgang.

Das „Problem“ ist natürlich die Wirkungsweise vom Orlistat selbst. Es hemmt ein Enzym, das Fett spaltet. Das Fett das darum ungespalten bleibt (etwa 25% des aufgenommenen Fettes) kann nicht in den Körper aufgenommen werden und bleibt im Darm. Und genau darum muss man zu den Kapseln genau auf die Ernährung achten. Das Fett, eigentlich Öl, kann nämlich rauslecken (gibt Fettflecken in der Unterhose) oder verursacht Fettdurchfall – das kann man nicht „halten“ das geht oft in die Hose…

Darum die Ernährungsberatung und das Büchlein mit Rezepten , das an der Packung dranhängt…

Vielleicht lockern sie die Abgabebedingungen mit der Zeit, aber ich denke vor allem jetzt am Anfang ist es wichtig, dass wir das richtig machen mit der Information und der Beratung!

Übrigens ist der Name etwas unglücklich für in der Schweiz. „Alli“ heisst nämlich „Alle“ auf Schweizerdeutsch. – Und „Ich hätte gerne Alli“ kann dann schnell als „Ich hätte gerne alle…“ missverstanden werden.

..

Nachtrag, Oktober 2012: Nach Monatelangen Lieferproblemen haben wir jetzt einen Brief von der Firma bekommen, dass sie sich entschlossen haben, Alli vom Schweizer Markt zurückzuziehen. Aber …. es gibt inzwischen ein Generikum, das auch in der Schweiz erhältlich ist. Das gibt es – und es ist erst noch günstiger. Es hat bei der Abgabe die selben Bedingungen wie Alli.