Kollegen verleugnen

Gestern habe ich meinen Arbeitskollegen Urs verleugnet. Und es tut mir so gar nicht leid :-)

Anruf – mal wieder, von einem mit hörbar indischem Akzent englisch redenden Mann.

Die Drogistin hatte ihn erst dran, sie reicht ihn mir mit den Worten:

„Er möchte ‚the Pharmacist‘!“

Immer ein Highlight. Also nehme ich ihr den Hörer ab und melde mich.

„Oh. Hello. Could you give me Mister (Apotheker-der-schon-seit-über-10Jahren-nicht-mehr-hier-arbeitet).?“

„No, Sorry, Mister (Apotheker-der-schon-seit-über-10Jahren-nicht-mehr-hier-arbeitet) does not work here anymore. I am the pharmacist, can I help you?“

„Do you have any other men working in the pharmacy?“

„No.“

Das ist … nicht ganz gelogen. Urs ist Drogist.

„No?“

„No!“

Keine Ahnung warum er einen Mann „braucht“. Was die Leute wollen ist im Normalfall irgendwelche Aktien verkaufen … und dass wir daran kein Interesse haben, kann ich ihnen auch sagen. Dafür brauche ich nicht noch Urs zu belästigen.

Er hat dann auch noch aufgehängt ohne sich anständig zu verabschieden. Soll ich das jetzt frauenfeindlich finden, oder dankbar sein?

 

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Verpackungsfehler

Gelegentlich kommt der Kantonschemiker vorbei um bei uns ein paar Proben zu nehmen und die dann zu analysieren. Nicht mal von Sachen, die wir selber hergestellt haben, nein, die testen auch Fertigprodukte. Das finde ich immer interessant – auf was getestet wird und was dabei herauskommt. Babynahrung hat er vor ein paar Jahren schon einmal mitgenommen und auf einen Keim getestet, der gerade bekanntgeworden ist (den Namen habe ich vergessen, aber es hörte sich an wie eine japanische Motorradmarke) – den haben sie übrigens in den Schweizer Produkten nicht gefunden. Sie schauen auch die Verpackungen an, damit da nichts falsches draufsteht … wobei „falsch“ hier: „nicht den gesetzlichen Vorschriften entsprechend“ bedeutet. So musste Scholl und einige andere Firmen vor Jahren ihre Fussalbe gegen Schrunden zurückziehen und neu verpacken, da „Schrunden“ offenbar ein medizinischer Begriff ist … und die Salben nur als Kosmetikum angemeldet waren.

Jetzt haben wir die Ergebnisse vom neusten Test bekommen. Die sind … zwiespältig. Inhalt ist durch die Bank okay, aber die Verpackung wird beanstandet … in grad drei Punkten. Einer der Punkte kann man im Bild sehen, wenn man die gesetzlichen Vorschriften kennt:

Das sind so Fruchtbrei-Sauger für Kinder. So wie’s aussieht, werden sie da wohl einen Rückzug machen müssen oder zumindestens einen Verpackungswechsel.

Wer sieht das Problem?

Hinweis 1: nur einer der drei Tuben hat das Problem

Hinweis 2: Es ist die Verpackung ganz links

Hinweis 3: Vergrössern hilft

Nicht ganz einfach – vor allem muss man sich heute im Gesetzesdschungel wirklich gut auskennen … und das tu ich mich im Lebensmittelrecht (unter welches das fällt) auch nicht.

Ausser-gewöhnliche Kundenwünsche

Wir haben da einen Kunden – nennen wir ihn Herrn Timber – wenn der in die Apotheke kommt, meist am Abend spät, dann lache ich inzwischen schon, denn ich weiss: Das wird interessant!

Herr Timber kommt so gut wie nie wegen irgendwelchen Gesundheitsproblemen – er ist fit und gesund, um die 30 … und sieht ein bisschen „wild“ aus: Vollbart und lange Haare. Aber nicht wie der Hippster Typ –mehr wie der Holzfäller :-)

Aber die Sachen, mit denen er kommt…

Das erste Mal hatte ich ihn, weil ihn der Lehrling an mich weiterreichte da sie nicht wusste, ob das erlaubt ist. Er wollte Wasserstoffperoxid hochkonzentriert. Mehrere Liter. Und: ja, da sind wir ziemlich vorsichtig mit der Abgabe, da man dass zum Bombenbauen missbrauchen kann – und gerade in grossen Mengen … Hmmmhmmm?

Also habe ich ihn ein bisschen ausgequetscht und er war sehr kooperativ.

Pharmama: „Für was brauchen Sie das denn?“

Herr Timber: „Zum Schädel bleichen.“

Ummm …. was?

Ja, er wisse, das sei etwas ungewöhnlich, und wenn das nicht gehe, sei das auch okay. Aber er arbeite in einem Aquarium und gelegentlich konservieren sie nach dem Tod eines Bewohners dessen Skelett (Respektive Gräten?). In dem Fall war es ein Hai, dessen Schädel nach ein paar Jahren nicht mehr so gut aussah, und den wollte er jetzt bleichen. Mit Wasserstoffperoxid. Damit er weisser wird.

Ich hab’s ihm gegeben, nachdem ich das festgehalten habe und eine Kopie von seiner ID gemacht habe.

Ein anderes Mal fragte Herr Timber nach Mastix. Das ist ein Baumharz.

„Das habe ich nicht da – für was brauchen Sie das denn?“

„Zum Bart ankleben, ich habe im Internet gelesen, dass das geht.“

Ich habe schon erwähnt, dass er einen Bart hat .., dass der angeklebt sein soll wäre mir bis jetzt aufgefallen, weshalb ich ihn wohl ein bisschen schräg angeschaut habe – worauf er nur lachend meinte:

„Nein, das ist nicht für mich, mein Kollege braucht das für ein Mittelalterfestival demnächst.

Im Internet habe er gefunden, dass man das mit gelöstem Mastix macht, ob ich weiss, wie das genau geht – oder ob ich eine andere Idee habe? Er bräuchte das noch bald.

Ich hatte dann eine andere Idee: Wimpernkleber! Damit klebt man künstliche Wimpern an, da wird das auch mit Haaren an anderen Hautstellen gehen. Und den hatten wir da.

Wieder ein andermal kam Herr Timber abends vorbei und wollte etwas zum die Haare weiss färben, aber nur für kurz – Karneval oder so. Da gibt’s schon etwas, aber das macht die Haare reichlich kaputt, ist dauerhaft und wie das aussieht, nachdem ein Laie das gemacht hat ?… am Schluss habe ich ihm Trockenshampoo verkauft … das ist so weisses Pulver, das er dann halt so grosszügig auf dem Haar verteilen soll und das dann drauf lassen. (Normalerweise nimmt man nicht so viel und bürstet es wieder aus).

Aber mal Ehrlich – nach all den Anfragen kommt mir langsam der Verdacht, dass er vielleicht ein Geheimagent ist. Was denkt ihr?

Ausser Handel, aus dem Häuschen.

Als ich beim Nachbestellen sehe, dass das Mittel nicht mehr beim Grossist erhältlich ist – da ausser Handel, reagiere ich prompt. Ich weiss, dass wir das Nahrungsergänzungsmittel nur wegen genau einer Kundin an Lager haben – Frau Apfelschale schwört auf das und nimmt das schon seit Jahren. Für sie wird das eine mittlere Tragödie, denke ich … mal sehen, ob ich noch etwas machen kann.

Erste Massnahme: ich rufe bei der Firma an um zu sehen, ob die noch Restbestand haben –leider nein. Ich frage ob es ein Nachfolgeprodukt gibt – leider auch nicht. Offenbar wurde es zu wenig verlangt.

Zweitens: bekomme ich das noch woanders her? Ich telefoniere bei anderen Drogerien herum um eventuelle Restbestände zu sichern.

Drittens: gibt es das gleiche von einer anderen Firma? In dem Fall leider nicht. Nicht nur kein identisches Produkt – ich weiss auch, dass ich da nicht etwas anderes nehmen kann – laut der Kundin funktioniere nur das bei ihr, anderes habe sie schon versucht.

Dann telefoniere ich der Kundin mit den schlechten Nachrichten. Genau 4 habe ich noch für sie sichern können, die darf ich ihr bestellen. Nun – immerhin noch 4 Packungen, besser als nichts.

Etwa 2 Wochen nach dem Ausliefern der aus der ganzen Schweiz besorgten Packungen bekomme ich einen Anruf von der Frau Apfelschale: „Meine Tochter hat gesehen, dass man die noch bestellen kann. Könnten Sie mir noch ein paar Packungen besorgen?“

Pharmama: „Wo hat sie das gesehen? Laut Firma gibt es keine mehr und ich habe bei den anderen Drogerien besorgt, was ich noch konnte.“

Frau Apfelschale: „Sie sagt im Internet findet man noch welche! Ich habe leider keinen Computer, aber Sie können mir das doch auch dort besorgen!“

Pharmama: „Hmm. Ich habe meine Bezugskanäle, die vertrauenswürdig sind – und die habe ich jetzt ausgeschöpft. Irgendwelche Shops im Internet gehören da nicht dazu. Das müssten sie – falls Sie das wollen – als Patient selber machen, oder ihre Tochter fragen.“

Frau Apfelschale: „Aber -Sie hat gesagt, da muss man mit Kreditkarte bezahlen. Und dann kommt noch Porto drauf.“

Pharmama: „Ja, und das würde es dort auch, wenn ich das für sie bestelle. Bei manchen geht vielleicht auch auf Rechnung, aber … wie gesagt, dass müssten Sie oder ihre Tochter selber machen.“

Frau: „Das verstehe ich nicht. Ich habe das doch immer bei ihnen bestellt.“

Pharmama: „Ja, und das ging solange es noch hergestellt wurde und offiziell im Handel war. Jetzt ist es das nicht mehr und ich bekomme das weder vom Hersteller noch von unserem Lieferanten noch von den anderen Drogerien, die das an Lager hatten. Bitte fragen Sie ihre Tochter, dass Sie ihnen das im Internet bestellt, wenn Sie das so wollen und das dort tatsächlich noch erhältlich ist.“

Ich habe danach aus Interesse noch geschaut im Internet – aber bei den vernünftigeren Anbietern war das da schon als „nicht mehr erhältlich“ gelistet.

Tja. Ich hab gemacht, was ich konnte.

Für nicht so helle Lämpchen: Petrol

männlicher Kunde in der Apotheke: „Ich bräuchte gereinigtes Petrol, einen halben Liter.“

Ich schaue, ob wir das haben. Ja. Ich komme mit der grossen Flasche nach vorne.

„Ja, habe ich. Ich muss es nur erst abfüllen.“

„Bevor Sie das machen: wie nehme ich das ein?“

Ich stelle die Flasche weit weg.

Das wäre meine nächste Frage gewesen – ‚Für was brauchen Sie es?’

Petroleum: Als Reinigungsmittel. Für Öl- und Petrollampen und eventuell noch für Feuerspucker. Das Zeug ist giftig und sollte deshalb nicht medizinisch angewendet werden.

Pharmama: „Gar nicht. Das ist nicht zum einnehmen gedacht.“

Mann: „Aber ich habe gelesen, dass das gut sei!“

Pharmama: „Ich kann das Ihnen nicht geben zum einnehmen. Schauen Sie mal, was da drauf steht:“

petrol

H304: Kann bei Verschlucken und Eindringen in die Atemwege tödlich sein …

P301/ 310: Bei Verschlucken sofort Giftinformationszentrum oder Arzt anrufen!

Mann: „Aber man hat mir das empfohlen. Ich nehme es trotzdem mal und frage halt dort nach, wie – wenn Sie das nicht wissen.“

Pharmama: „Tut mir leid, aber … unter diesen Voraussetzungen kann ich Ihnen das nicht geben.“

Und versorge die Flasche unter Protest des Kunden wieder.

Manche Leute muss man echt vor sich selber schützen.

Ich hab dann im Internet nachgeschaut, woher das kommt und was da so geschrieben wird. Ich find’s ja echt gruselig, was sich die Leute da antun wollen. Ich meine es hört sich dort ja phantastisch an:

Das gereinigte Petroleum ist für alles gut. Es stand jahrzehntelang sogar im Deutschen Arzneimittelbuch DAB. Dann wurde es durch den Unverstand der deutschen Politiker … unter Beihilfe der Deutschen Apothekerkommission als Heilmittel ausgelöscht. Warum? Angeblich wegen nicht erwiesener Wirkung!? Dabei ist doch jedem Menschen völlig klar, daß die Kraft des Göttlichen Atems nicht wissenschaftlich nachweisbar ist. Anstatt sich vertrauensvoll auf die Kraft Gottes zu verlassen, ballern sie die Bevölkerung mit Kortison und Strahlen voll …

Es kann bei allen Krankheiten und Beschwerden angewandt werden: von Asthma bis Zehenjucken usw.. Sogar bei Krebs scheint es viele Heilerfolge gegeben zu haben. Petroleum ist ein Erdölbestandteil. Erdöl ist verdichtetes Pflanzengut. Pflanzengut hat Sonnenlicht aufnehmen müssen, ansonsten es gar keine Pflanze hätte werden können. Das Sonnenlicht wiederum ist ein Ergebnis der Geistigen Sonne aus Gott. Also ist Petroleum ein Kraftspeicher Gottes

Ja – urks. Klassischer Esotherik Schwachsinn mit versprochener Heilwirkung auf so ziemlich alles, kombiniert mit etwas Verschwörungstheorie und diffusen Erklärungen. Häufig wird da noch ein spezielles empfohlen, das auch geruchlos ist und einen spezifischen Siedepunkt haben soll. Leute: ein anderes Wort für Petrol ist Erdöl. Auch destilliert und gereinigt enthält das aromatische Kohlenwasserstoffe wie Benzol, die krebserregend sind.

Im DAB heute steht nichts mehr drin, in einem alten habe ich die Anwendung äusserlich (!) bei chronischen Ekzemen und Frostschäden gefunden. Es verwundert echt nicht, dass das nicht mehr gebraucht wird, auch nicht mehr zur Läusebehandlung: „Auf die Verwendung von Petroleum ist zu verzichten, da zum Teil schwere Nebenwirkungen (Verbrennungen, Irritationen) auftreten können, insbesondere bei Kindern.“

Auch das DAB ist keine Bibel … man muss sich an die aktuelle Version halten, denn … das Wissen ändert sich ständig und das spiegelt sich darin, dass etwas in die Pharmakopöe aufgenommen wird und altes rausfliegt. Das sieht man heute auch bei den fertigen Medikamenten – Neues kommt rein, und bei manchem kommt erst mit der Zeit heraus, dass es nicht so gesund ist oder Nebenwirkungen hat, die man vorher nicht gesehen hat.

Petrol schlucken – und wahrscheinlich noch regelmässig – ist ungesund. Bitte glaubt mir das.

Aber irgendwie häufen sich bei uns die Anfragen für so obsolete Anwendungen. Borax wollte letztens auch wieder jemand.

Zu viel Info

Momentan arbeite ich Urs, unseren neuen männlichen Drogisten bei uns ein – er hat noch einiges zu lernen, da wir auch eine Apotheke sind, läuft bei uns einiges anders als er es vielleicht bis jetzt gewohnt war. Aber ich bin zufrieden. Er ist schnell von Begriff, packt gerne mit an und das Team … mag ihn jetzt schon sehr (Auch wenn der Start wie beschrieben bei einzelnen speziell war).

Es ist auch interessant, jetzt mal einen Mann im Team zu haben. Eigentlich … ist das direkt praktisch, auch für unsere Kunden, wenn sie mal ein Problem haben, das sie jetzt nicht vor einer Frau ausbreiten wollen.

Ich dachte dabei eher an die männlichen Kunden, aber ganz offensichtlich gibt es auch Frauen mit diesen Präferenzen.

So erzählt er mir am Abend von der Frau, die ihm ausführlicher als er sich das je gewünscht hat erklärt hat, dass sie während der Periode keine Tampons benutzt, sondern „sich Schwämme da hochstopft“ (Anscheinend O-Ton). Ja – Haushaltsschwämme, die sie in Stücke schneidet, denn die modernen Schwammtampons sind ihr zu teuer.

(Nachtrag: das ist nicht empfehlenswert als Praxis).