Soviel zum Recht am eigenen Bild

Die kenne ich doch! – fuhr mir durch den Kopf, als ich im Internet über diese Werbung gestolpert bin:

Die sympatische Apothekekerin im Bild hat fast zeitgleich mit mir studiert. So viel ich weiss hat sie an einer Fotosession (des Apothekervereins) teilgenommen und ein Teil der Fotos wurden verwendet um Werbung für den Apothekerberuf zu machen. Das ist jetzt bald 20 Jahre her – die Fotos finde ich gerade nicht mehr im Netz, aber … ich frage mich: weiss sie das, dass und wo ihre Fotos heute verwendet werden?

Sie wäre ja bei weitem kein erster Fall dafür. Bekannt ist vielleicht die Geschichte von Shubnum Khan:

So today I'm going to tell you the story of How I Ended Up with my Face On a McDonald's Advert in China – A Cautionary Tale. Six or so years ago, a friend in Canada posted a pic on my FB wall to say she found an advert of me promoting immigration in a Canadian newspaper.

— Shubnum Khan (@ShubnumKhan)

Sie hat als Studentin in Südafrika an einem Fotoshooting teilgenommen – der Fotograf versprach ihr (und anderen Teilnehmern) professionelle Bilder, die sie auch behalten durften. Die Rechte der Bilder aber haben sie ihm im Vertrag dafür übertragen. Eigentlich dachten sie, das sei nur für sein Portfolio. Tatsächlich wurden die Bilder später in die ganze Welt verkauft. So findet sich Shubnum Khan heute auf Werbung für so ziemlich alles: von MacDonalds, Creme gegen Tränensäcke, sie ist das Gesicht für Einwanderung in Kanada, wird als Lehrerin einer Schule vorgestellt und gibt Kurse in San Franzisco. Denn … laut der Einverständniserklärung darf man auch ihre Persönlichkeit verzerren.

Wow. Ganz wichtig für so etwas ist also: Man lese auch das Kleingedruckte.

Manchmal aber gibt es nicht einmal das. Mit Entsetzen musste ich mir vor einiger Zeit die Geschichte einer unserer alten Patientinnen anhören, deren Bild auch im Internet gelandet ist:

Frau Tales (nicht ihr Name), ist über 80 hat verschiedene Organisationen, die ihr helfen im Haushalt und für die Rechnungen etc. Sie ist zwar nicht mehr sehr mobil, aber alles andere als Dement. Deshalb hat sie sich zwar gewundert (und etwas geärgert), als sie auf einmal vermehrt Telefonanrufe bekommen hat von unbekannten „entfernten Verwandten“ oder Leuten, die ihr etwas verkaufen wollten oder als sie Rechnungen bekommen hat für Sachen, die sie nie bestellt hat. Ihr Sohn (auch schon über 50) ist dann irgendwann per Zufall im Internet über ihr Bild gestolpert. Er hat ihren Namen in die Suchmaschine eingegeben – und Ihr Bild kam mit vollem Namen auf einer Seite so einer Haushilfe auf: Unterschrift in etwa: „Frau Tales in (Ortschaft), 85 Jahre alt, nimmt unsere Hilfe gerne in Anspruch“.

Uh. Davon wusste sie nichts. Dass das Bild gemacht wurde schon, aber man hat ihr gesagt, das sei für „internen Gebrauch“. Und jetzt steht sie mit vollem Namen und Adresse (einfach googelbar Dank der Tatsache, dass ihre Telefonnummer gelistet ist) – im Internet. Das schreit nach: Hier gibt es eine hilflose, alte Frau – sucht ihr ein Opfer für Eure Betrügerreien?

Ein paar Telefonanrufe (und involvierte Polizei) später ist das Bild verschwunden. Entschuldigt haben sie sich auch. Halt nur mit: „Da hat jemand wirklich nicht nachgedacht.“

Nein. Gut ist nichts passiert.

Habt ihr schon Bilder von Euch im Netz gefunden, die da so nicht sein sollten?

Noch nie hat eine Apotheke so einen Test bestanden!

„Noch nie hat eine Apotheke so einen Test bestanden!“ – Ich weiss nicht mehr, wer das gesagt hat, aber es war an einer unserer zahllosen Weiterbildungen. Und Recht hat der Mensch!

Das bedeutet nicht, dass wir Apotheken nicht jährlich mehrmals getestet werden – und diese Tests auch bestehen. Es gehört zum Vertrag mit den Krankenkassen, dass die Qualität in der Apotheke mittels Testkäufen, Telefonanrufen und Rezepten durch sogenannte „Mystey“-Patienten evaluiert wird. Jedesmal mit ausgiebiger Besprechung der Resultate. Die haben wir bisher immer bestanden.

Nicht so mit den Tests, die Zeitschriften wie zum Beispiel der Saldo durchführen. Sowas können „die Apotheken“ nicht bestehen – und das sollen wir auch nicht. Wo blieben da die sensationsgeilen Überschriften?

Aktuelles Beispiel: Gefährliche Wechselwirkungen nicht erkannt (, kostenpflichtig).

Kurzfassung: 20 Apotheken wurden „getestet“. Es wurde auf Rezept Efexor (Venlafaxin) eingelöst und geschaut, ob da das Generikum angeboten wird. Danach wurde OTC der Hustendämpfer Bexin (Dextrometorphan) verlangt. Zitat saldo:

Bei der Kombination der beiden Präparate kann gemäss Packungsbeilage von Efexor das lebensbedrohliche Serotoninsyndrom auftreten.“

Während sie sich bei der Generikum Abgabe noch halb positiv überrascht zeigen – 13 von 20 Apotheken haben das günstigere Generikum von Efexor abgegeben (im Gegensatz zu 6 in 2013) – sind sie bei der Abgabe der Kombination „entsetzt“, dass das 15 von 20 Apotheken abgegeben haben.

Der Apothekerverband hält sich hier dezent zurück mit einem öffentlichen Kommentar, bis auf eine Facebook- Mitteilung, in der sie angeben von dem Test abweichende Resultate bekommen zu haben vom saldo als später publiziert, habe ich nichts gesehen. Vielleicht weil pharmasuisse im Artikel zitiert wird, angeblich mit: „pharmasuisse kritisiert die Apotheken: «Der Patient muss darauf hingewiesen werden, dass sich die beiden Medika-mente nicht vertragen.“

Dann will ich dazu mal etwas schreiben und ein paar Sachen erklären. Diese „lebensbedrohliche Wechselwirkung“ des Serotoninsyndroms gibt es. Es ist ein Komplex aus Krankheitszeichen die durch eine Anhäufung des Neurotransmitters Serotonin hervorgerufen werden. Charakteristisch sind neuromotorische und kognitive Störungen sowie Verhaltens-veränderungen, Ruhelosigkeit, rasche unwillkürliche Muskelzuckungen, Schwitzen, Schüttelfrost und Zittern. Das Serotonin-Syndrom ist häufig das Resultat einer Arzneimittelnebenwirkung, die zu einer Erhöhung der Serotoninaktivität führen kann und insbesondere bei einer kombinierten Anwendung von serotonergen Arzneistoffen mit MAO-Hemmern beobachtet wird.

Ich bin also tendenziell Vorsichtig bei Medikamenten, die das machen können (wie Efexor) und gebe andere „zentral wirksame Medikamente“ – zu denen ich auch den Hustenstiller Dextrometorphan zählen will – zur Wechselwirkungs-Kontrolle im Computer ein. Und unser System bleibt dabei ruhig! Naja, nicht ganz ruhig. Ich habe es so eingestellt, dass bei uns Warnhinweise der Stufen 1, 2 und 3 angezeigt werden. Das heisst: 1: kontrainduziert (Darf man so nicht zusammen nehmen), 2: vorsichtshalber kontrainduziert (sollte man so nicht zusammen nehmen) und 3: Überwachung / Anpassung notwendig. Wenn ich das höher einstelle, habe ich bei so ziemlich jeder Kombination irgendeine Anzeige – die dann mit der Zeit wegen „Alarmmüdigkeit“ einfach nur noch weggedrückt wird. Das will ich nicht. Bei denen, die es jetzt anzeigt, muss man reagieren. Aber bei der Kombi, die getestet wurde?

Diese beiden Medikamente zeigt es mit einer Wechselwirkung der Stufe 5 an:

Relevanz: 5 Vorsichtshalber überwachen. Gruppen: Serotonin-Reuptake-Hemmer / Opioide
Kurztext: Erhöhtes Risiko eines Serotonin-Syndroms und von Krampfanfällen

Die genannten Opioid-Analgetika und das zentrale Antitussivum Dextromethorphan haben ebenso wie die Serotonin-Reuptake-Hemmer serotoninerge Effekte, so dass additive serotoninerge Wirkungen vermutet werden. Dies wurde nicht systematisch untersucht; allerdings liegen etliche Fallberichte vor.

Die Fallberichte beziehen sich aber nach dem was ich gesehen habe tatsächlich auf die starken Opioide wie Durogesic, Valoron, Palexia und nicht auf Abkömmlinge wie dem Dextrometorphan. Deshalb auch die niedrige Einstufung der Gefahr. Demnach steht da auch:

Bei gleichzeitiger Behandlung mit den genannten Opioiden und
Serotonin-Reuptake-Hemmern ist Vorsicht geboten. Die Patienten sollen sorgfältig über die Zeichen des Serotonin-Syndroms sowie über das Risiko von Krampfanfällen informiert werden. Auf Dextromethorphan in Erkältungspräparaten kann verzichtet werden. 

Also ist in meinen Augen eine Abgabe möglich ohne grosse Gefahr des Patienten. Will man ganz sicher sein, kann man einen anderen Hustenstiller wählen (die Wirksamkeit ist halt meist auch nicht ganz entsprechend) und falls doch Bexin gewollt ist, würde ich den Patienten informieren, dass er auf das Auftreten von Zittern, Muskelzucken oder Schwitzen achtet und falls das auftritt, kein Bexin mehr nimmt. Aber nochmal: wir reden hier von Einzelfällen, einer in der Kombination kaum erwarteten Nebenwirkung.

Anders sieht es beim zweiten Test von saldo aus, bei der die Kombination von Plavix (Clopidogrel) und Aspirin (Acetylsalicylsäure) versucht wurde.

Das ist etwas, wo man reagieren muss:

Relevanz: 3 Ueberwachung/Anpassung
Gruppen: Thrombozytenaggregationshemmer / Antiphlogistika, nicht steroidale
Kurztext: Möglicherweise erhöhtes Blutungsrisiko

Und das haben die Apotheken auch:

Positiv: Nur eine Apotheke verkaufte Plavix und Aspirin ohne Warnung vor der Blutungsgefahr. Negativ: 7 von 20 verkauften den Blutverdünner Plavix, ohne auf ein Generikum hinzuweisen.

Das könnte man natürlich auch so formulieren: 13 von 20 Apotheken haben auf das Generikum hingewiesen oder es verkauft! Aber das liest sich halt nicht so gut. Dann schreibt man lieber:

Insgesamt arbeiteten nur drei Apotheken vorbildlich

Jaaa – wie gesagt: Noch nie wurde so ein Test bestanden. Kein Wunder, wenn man das so zeigen will und entsprechend selten auftretende Wechselwirkungen aussucht – notabene eine Wechselwirkung, die bei dem Medikament schon als Nebenwirkung alleine auftreten kann. Ebenfalls selten, also weniger als 1 von 1000 Behandelnden bekommt das.

Übrigens. Nein, wir sind nicht getestet worden. Aber ich habe von Apotheken gehört, die bei dem saldo-Test dabeiwaren und die die Kombi abgegeben haben. Deshalb sei hier noch angefügt: nicht alles, was die Apotheke dazu gesagt hat, schlägt sich im Artikel nieder. Das dürfte bei mehreren der Fall gewesen sein.

Es geht bei den Wechselwirkung halt auch darum, die zu interpretieren – und dann den Patienten gegebenenfalls zu informieren. Abgegeben hätte ich das wahrscheinlich auch.

кто-нибудь хочет это прочитать?

Der Titel sagt es schon :-) … Will (kann) das hier jemand lesen? Der Verlag hat mir nun, ob nach meiner Nachfrage oder auch so, jetzt doch noch Belegexemplare von meinem Buch „Haben Sie diese Pille auch in grün?“ in Russisch geschickt. Das ist nett, da ich aber nicht mehr als 1 Exemplar brauche, verschenke ich hier 3 der Bücher an interessierte Leser.

Also: Falls Du russisch kannst und das lesen willst, dann melde Dich bei mir am besten per mail oder sonst in den Kommentaren und ich schicke Dir das Buch zu! Auf Wunsch mit Widmung :-)

Warum dauert das denn so lange?

„Warum dauert das denn so lange?!?“
Eine Frage, die man in der Apotheke häufiger mal hört.
Ich versuche meist parallel zu erklären, was ich da mache, aber manchmal braucht man einfach zu viel Gehirnkapazität dabei, während man wild tippt und in den Monitor starrt.

Ein THREAD:

— Frollein vom Meer (@Frolleinvommeer)

Fundstück auf Twitter – und hochaktuell. Nicht nur für die geplagten deutschen Apotheken … DAS, liebe Schweizer Leser ist, was auch bei uns passieren wird, wenn die Krankenkassen zu viel Macht bekommen und wenn die „Sparmassnahmen“ so wie vom Bundesrat geplant weiterhin hauptsächlich auf dem Rücken der Apotheken stattfinden.

Ich habe mir erlaubt nur den Anfang zu verlinken und den Rest hierherzukopieren, Ihr seid aber aufgerufen, das auch im Original anzusehen – sie schreibt noch mehr aus der Apotheke. Also von Frollein vom Meer:

Kurze Anmerkung bevor es richtig los geht: Ich beschreibe, wie bei uns ein Kassenrezept manuell bearbeitet wird – so wie es weit verbreitet ist. Wir haben inzwischen Scannerkassen, die einen Großteil des Rezepts automatisch erfassen, was Zeit spart. Wenn das System richtig liest.

Kunde reicht Rezept Ist das Rezept formell korrekt? Alle Angaben drauf? Daten des Versicherten vollständig Ausstellungsdatum (wichtig) Arztstempel + Unterschrift (fehlt gern mal) Dann geht’s weiter: Ist der Kunde in der Kundendatei?

Rezeptstatus auswählen (gebührenpflichtig, befreit, Kind) 1. Medikament eintippen Ist die PZN auf dem Rezept, muss nur die Nummer getippt werden, ansonsten (Wirkstoff-)Name, Stärke, Packungsgröße, damit die Auswahlliste nicht ewig lang wird und man fix den Artikel auswählen kann.

Ein Fenster ploppt auf: Krankenkasse auswählen Ist die KK nicht in der Vorauswahl, muss die 9-stellige IK-Nummer eingetippt werden. Ein Fenster ploppt auf: Rabattverträge der gewählten Krankenkasse Hatte der Kunde schon mal eines der möglichen Präparate?

Oh, leider sind die Vertragsartikel alle nicht lieferbar. Online-Anfrage bei 2 Großhändlern und den Filialen. Nix. Also darf ich (noch) das namentlich verordnete oder eins der 3 günstigsten Präparate auswählen, dass dann mit einer Sonder-PZN aufs Rezept gedruckt werden muss.

Wir müssen allerdings auch nachweisen können, dass kein Großhandel liefern kann. Beim 2. Medikament gibt es keine Rabattverträge, aber Reimporte. Der Arzt hat einen Reimport verordnet, dann darf ich weder das Originalpräparat noch einen teureren Reimport abgeben.

Leider ist der Reimport nicht lieferbar. Ich muss die Praxis informieren, dass dem so ist und ich nur das teurere Original abgeben kann. Der Arztpraxis ist es meist egal, der Krankenkasse nicht. Ich muss die Nichtlieferfähigkeit nachweisen, eine Sonder-PZN aufdrucken und einen kleinen Roman aufs Rezept kritzeln, dass der Import nicht lieferbar und nach Rücksprache mit der Praxis auch das Original ok ist. Hätte der Arzt das Original verordnet, hätte ich erst prüfen müssen, ob es einen wirtschaftlicheren Import nach 15/15-Regel gibt und wenn ja, ob der lieferbar ist. Gibt es so einen, müssen wir unsere Importquote je Krankenkasse erfüllen – bei Hochpreisern wird’s schnell problematisch. Ist der nicht lieferbar, muss eine Sonder-PZN aufs Rezept. Gibt es keinen, ist die Welt tatsächlich mal in Ordnung.

Medikament 3 ist ein Nasenspray für ein Kind. Die Krankenkasse erlaubt mir nur einen Vertragspartner: kein Spray, sondern Tropfen, die auch noch Konservierungsstoffe enthalten. Das gefällt mir pharmazeutisch und dem Kind bei der Anwendung so gar nicht.

Ich möchte das verordnete Spray abgeben. Natürlich muss wieder eine Sonder-PZN für die pharmazeutischen Bedenken drauf ein kleiner Roman aufs Rezept, dass die Darreichungsform nicht identisch und die Compliance gefährdet ist.

Alles soweit bearbeitet? Fein, dann kann ich jetzt endlich loslaufen und die Medikamente holen. Das waren jetzt nur die „Standards“, die bei fast jedem Rezept inzwischen vorkommen. Dazu kommen Sonderregelungen für Hilfsmittel (das würde den Thread wirklich sprengen!), Verbandstoffe (irgendwelche skurrilen Packungsgrößen oder Hersteller, die der Arzt verordnet, die aber nicht zu bekommen sind – ebenfalls ein weites Feld), verzwickte Mehrfachverordnungen oder Stückelungen zwischen N-Bereiche (ach ja, die Normgrößen, auch ein schönes Thema…)…

Die bürokratische Liste ist lang und wird immer länger. Oft muss geprüft werden, ob das Rezept überhaupt so beliefert und abgerechnet werden kann, ob Änderungen möglich sind oder ob man gleich ein ganz neues Rezept vom Arzt braucht, weil die Krankenkasse sonst nicht zahlt.

Manchmal hat man tatsächlich einen Berufsanfänger vor sich, der noch etwas länger braucht, um das alles im Blick zu haben. Meist sind es aber erfahrene Kolleginnen und Kollegen, die irgendwie versuchen, durch den bürokratischen Dschungel an Ihr benötigtes Medikament zu kommen.

Vielen Dank für Ihre Geduld!

Ups, das ist jetzt doch ganz schön langatmig geworden. Ich hoffe, ich habe Sie nicht zu Tode gelangweilt, wenn Sie sich bis hier unten durchgekämpft haben… Und das ist nicht mal im Ansatz vollständig – die Kolleginnen und Kollegen mögen mir verzeihen..

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So geht das, wenn nicht mehr die Fachperson (verschreibender Arzt oder Apotheke) bestimmen kann, welches Medikament Du als Patient erhältst, sondern die Krankenkasse. Die ist – das muss man so sagen – ausschliesslich auf Wirtschaftlichkeit bedacht und die Gesundheit des Patienten ist dabei mehr Nebensache, egal was ihre Werbung sagt.

Hier sagt also die Kasse, welches Medikament abgegeben werden darf. Der Arzt verschreibt etwas und je nach Kasse muss die Apotheke ein anderes (billiges) Generikum wählen, für das die Kasse Rabattverträge mit der Herstellungsfirma gemacht hat. Die Kasse bekommt Geld zurück von der Firma (die Rabatte) und die Apotheke wird mit Retax bestraft, wenn sie nicht das „richtige“ abgibt. Retax bedeutet übrigens, dass das abgegebene Medikament der Apotheke komplett nicht zurückbezahlt wird.

Reimporte sind Medikamente mit dem gleichen Wirkstoff aus dem Ausland, die natürlich nochmals günstiger sind und für die es ebenfalls Vorschriften gibt, dass man die als Apotheke abgeben muss, ebenfalls unter Retaxandrohung. Es hat sich in den letzten Jahren gezeigt, dass gerade Reimporte ein Problem sind, da so Arzneimittelfälschungen in den Handelsweg gelangen … gerade bei den Hochpreisern.

Und wenn wir grad beim Handelsweg sind: ebenfalls im Text zu lesen sind die Probleme der Lieferbarkeit mit den Rabattarzneimitteln – der Dominoeffekt zieht auch da und wird aktuell immer schlimmer.

Wie findet ihr das als Patient? Wollt ihr das für die Schweiz? Das ist tatsächlich so ähnlich in Planung – bei uns nennt sich das dann Referenzpreissystem. Dann darf ich als Apotheke auch nicht mehr das für den Patienten beste Generikum aussuchen, sondern werde gezwungen das günstigste abzugeben. Und auch (und um so mehr bei uns): Lieferprobleme sind damit praktisch vorprogrammiert.

Wenn ihr das auch nicht wollt, hier nochmals der dringende Aufruf: Unterschreibt die Petition! Hier:

#apothekelive – Der Twitter-Tag zum Nachlesen

13.10 Uhr Ich mache mich jetzt auf den Weg in die Apotheke. Mit dem Velo – das hat den Vorteil, dass ich weder auf den ÖV warten, noch einen Parkplatz suchen muss.

Angekommen ohne Unfälle oder sonstige Zwischenfälle. 20 Minuten vor offiziellem Arbeitsbeginn

Umziehen, etwas ansehnlicher machen für die Kunden und dann die Apothekerin- Kollegin fragen, was besonderes anfällt.

Das geht ja noch: eine Dosierungsnachfrage beim Arzt, eine „Vorwarnung“ wegen einem Patienten der „nur rasch“ seine Krankenkassenkarte holen ging, die „garantiert nicht gewechselt hat“ und beim Rezepte kontrollieren ist ihr etwas aufgefallen…

Hmm ja, sie hat recht. Gestern Abend 5 vor Schluss ein Spitalrezept. Kombi Ibuprofen, Pantoprazol und Diclofenac. 2 NSAR? Normalerweise wäre eines der Schmerzmittel dann Paracetamol oder Metamizol.

Versehen? Für die Niere nicht optimal. Ich weiss, dass ich den Patienten darauf hingewiesen habe, erst mal nur die Ibu zu nehmen und das Diclo höchstens als Reserve.

Aber sowas merkt unser Computersystem auch nicht. Ich werde anrufen um das abzuklären

Ah ja, eine Lieferung auch noch. Nach Bestelleingang auszuliefern. Da kam kurz vor 12 das Rezept rein.

14 Uhr Anruf der Arztpraxis, eine Patientin bräuchte dringend ein paar Medis für die Ferien. Es sei okay, wenn wir einen Vorbezug machen und das der Praxis schicken.

Bin etwas verwirrt, da die Patientin zwar bei uns bekannt ist, bisher aber ihre Rezepte offenbar woanders eingelöst hat … und die Praxis auch nicht weiss, um was für Medis es sich denn handelt. (!)

Drogistin dreht eine Runde mit dem Parfümspray durchs Geschäft. Ihr Vick’s MD Kunde roch (Zitat) „wie eine Woche abgestandene Socken.“

Und grad ein klassisches Beispiel von einem Dominoeffekt in der Apotheke, verursacht durch die Nicht- Lieferbarkeit von einem Medikament:

Rezept für Collunosol Halsspray. Er ist NiLi. Ersatz wäre NeoAngin Spray mit denselben Wirkstoffen – ist auch grad NiLi … und offenbar jetzt ALLE anderen Halssprays die von der Grundversicherung übernommen werden wie Sangerol …

Damit habe ich jetzt grad nix mehr das nicht selber bezahlt werden muss. Immerhin: für die Nachmittagslieferung sollten hoffentlich wieder ein paar kommen. Inzwischen bin ich so weit, dass wir abgeben, was wir haben und was einigermassen ähnlich ist.

Ich weiss, das sind ziemlich , immerhin handelt es sich nur um einen Halsspray. Hier. Aber das geht auch bei wichtigeren Medikamenten. Momentan sind in der CH über 550 Medikamente nicht lieferbar!

Bei uns heute nicht Lieferbar: 97 Produkte (nicht nur Medis). Das ist frustrierend und bedeutet enorm Mehrarbeit da Ersatz zu suchen.

15 Uhr Die 10er Noten sind ausgegangen. 5-Fränkler (schweres Münz) mögen die Leute irgendwie nicht so

Die Patientin (notabene ü 90) beklagt sich bei uns in der Apotheke, weil wir ihr einen Vorbezug gemacht haben. Wir hätten ja die Rezepte schon. (?)

Jaein. Der Arzt hat uns bei ihr nur spezifisch angewiesen, Vorbezüge zu erlauben und das Rezept dann bei ihm zu bestellen. Praktisch ein Blankogutschein.

Jetzt war sie mal wieder beim Arzt – und der hat sich bei ihr über uns beklagt, „er müsse ständig Rezepte für sie ausstellen“. Dann hat er ihr (endlich) eine Aufstellung von so ziemlich allem gemacht (Wiederholungsrezept) und ihr mitgegeben

Das war vor 2 Monaten. In der Zwischenzeit hat sie zwar wieder etwas bezogen aber das Rezept (für alles) nicht gebracht. Und jetzt steht sie hier damit und reklamiert, weil WIR das Rp nicht hier haben!

Manchmal weiss man echt nicht, was sagen. „Danke, dass sie das Rezept JETZT bringen. Ab jetzt habe ich das im Computer für Sie hinterlegt.“ (und lächeln. Immer lächeln)

Die Lieferung ist hier (eigentlich schon eine Weile)

16 Uhr Reservationen kontrollieren. Alles da? Alles richtig? Angeschrieben? Etwas zum liefern? Da war doch noch was?

Ansatzweise seltsames Rezept für Novalgin (Rx Schmerzmittel) und Buscopan (OTC, krampflösendes Mittel. Normalerweise verwendet der Arzt graue Formulare – das hier ist eine Farbkopie, aber mit Stempel/Unterschrift.

Mache deshalb auf Verdacht erst einen Anruf. Praxis nimmt das Telefon grad nicht ab, rede auf Anrufbeantworter und gebe es ab. Er ist Selbstzahler. Noch ein Verdachtsmoment.

Es könnte ja sein, dass dem Arzt die Formulare ausgegangen sind. Die Medikamente sind auch nicht sehr verdächtig. Trotzdem: Bauchgefühl. Wir machen eine Kopie.

Der Patient mit der nicht abrufbaren Krankenkasse kommt vorbei. Er ist etwas …verärgert. Er musste stundenlang zu Hause danach suchen.

Natürlich hat sowohl er als auch seine Frau eine neue Versicherung. Laut Murphy müsste das jetzt eine zum selber zahlen sein, zumindest das ist hier nicht der Fall. Aber: „garantiert nicht gewechselt“ -Ja?

Laden voll (kleiner Kinder? Ausflug vom Tagi?) und ein „Herr“ bedient sich gezielt am Parfümtester hinter den Leerpackungen und verlässt das Geschäft damit. Der Lehrling hat’s mitbekommen und konnte nichts sagen.

Anruf von der Praxis mit dem seltsamen Kopie-Rezept. Wir sollen ihnen ein Bild mailen, der Patientenname sei nicht bekannt. Donna kümmert sich drum.

Zur Ehrenrettung des Lehrling: sie kam es mir rasch melden (war grad von der Auslieferung zurück) – sie hat sich nicht getraut etwas zu sagen, da der Typ als ansatzweise aggressiv bekannt ist. Zumindest in dem was er sagt.

17 Uhr Auf dem Rp für eine ü 50j Patientin steht „1 OP Dalacin Creme“. Keine Dosierung. Es kommt die Nachbarin damit, sie weiss aber, dass es „für die Beine“ sein soll. ?? Das Mittel ist ein Antibiotikum und gibt es als Vaginalcreme und als Emulsion?

Rufen die Praxis an, was es denn sein soll. Die Praxisangestellte stellt uns kurz in die Wartepause und kommt dann zurück verkünden, dass es „für die Beine“ sein soll. Oookay – soweit waren wir schon …

Okay – und soll sie da auf die Beine die VaginalCreme auftragen oder besser die AkneEmulsion?! … Längere Wartepause. Dann: Die Emulsion soll es sein. 2x täglich.

Laut Donna hat die Praxis mit dem Kopie-Rezept angerufen. Es handelt sich offenbar wirklich um eine Fälschung. „Gutes Bauchgefühl“ soll sie ausrichten.

Der Patient sei bei Ihnen nicht bekannt … allerdings hatten sie mal eine Mitarbeiterin mit dem Namen. Nun – das erklärt den Stempel und das sonst „professionelle“ Aussehen des Rezeptes.

FSME Impfungen sind grad aktuell – und bei denen muss man 3x impfen, also sehe ich die Leute dafür zumindest 2 mal dieses Jahr. Danach hält es dafür 10 Jahre.

Beim vorbereiten für die FSME Impfung scheitern wir heute schon an der 3. Frage: „Sind sie in den letzten 4 Wochen von einer Zecke gestochen worden?“: Ja? Ok – dann machen wir in einem Monat weiter. (Mist).

Die Patientin fragt ob ich ihr die Nadeln tausche beim Accucheck Fastclix Stechgerät. Eine nette alte Frau mit arthritischen Händen und Sehproblemen. Mache ich doch gerne (muss nur rasch auf YouTube im Tutorial schauen, wie).

Patient, der mit fraktionierter Abgabe wöchentlich sein Substitutionspräparat holt, will es wieder. Sein Rp für den Bezug ist abgelaufen. Man hat ihn die letzten BEIDEN Male drauf aufmerksam gemacht, dass das so ist und er ein neues besorgen muss.

Typischerweise (für ihn) hat er das nicht gemacht. Und ebenso typisch ist das nicht sein Fehler – der Arzt sei nicht erreichbar gewesen. Und es ist auch nicht sein Problem – sondern unseres.

Dafür verlangt er jetzt lautstark „sein“ Medikament, das sei schliesslich wichtig und überhaupt sei das vernachlässigend von uns … mit seiner Lautstärke erregt er zumindest die Aufmerksamkeit der anderen wartenden Patienten.

Mein Mitleid aber eher weniger. Aber ich kann ja den Arzt versuchen selber zu erreichen. Da ich noch anderes zu tun habe, erkläre ich ihm, dass er in 1 Stunde wiederkommen soll.

Ich rufe trotzdem gleich an – (die Zeit rennt) Überraschung! Der Arzt nimmt fast sofort ab. Er weiss nichts von irgendwelchen Kontaktversuchen des Patienten. Der hat aber den letzten Termin bei ihm verpasst.

Ich darf ihm die Menge bis und mit nächsten Montag mitgeben. Er muss aber heute noch oder morgen für einen Termin am Montag anrufen. Eine weitere Abgabe ist mir nur erlaubt, wenn ich dann vom Arzt das ok bekomme, ansonsten ist fertig. Ok!

Damit kann ich gut leben. Finde ich auch fair für ihn. Ich richte die Medi bis Montag und schreibe die Abgabebedingung an.

Rezepte, Rezepte, Rezepte – gerade aktuell (eigentlich immer) Vitamin D (für alle und jeden) und Antiallergika.

Bekomme mit, wie Donna, die Pharmaassistentin, einer Patientin erklärt, dass die Medikamente, die sie vom Arzt verschrieben haben will nicht von der Krankenkasse übernommen werden (Mittel gegen Halsschmerzen). „Das glaube ich Ihnen nicht, holen sie die Apothekerin!“

Wiederhole ziemlich genau, was meine kompetente Pharmaassistentin gesagt hat. Reaktion? „Oh, okay.“

Oh Mann – ganz schlechtes Gefühl nach der Patientin mit Candesartan (HCT) auf Dauerrezept. Aber das sprengt den Rahmen hier, das bringe ich auf dem Blog (morgen?)

Rezepte, Rezepte .. zwischen den Antiallergika gestreut ein paar Unfälle (Schmerzmittel und Magenschoner Klassischerweise) und Dauermedikation von Chronikern.

18 Uhr Patient geht es nicht gut und das scheint er an uns auslassen zu müssen. Gar nichts ist gut. Dass wir das Mittel das er jetzt abholt bestellen mussten – „das müssen sie doch an Lager haben, so oft wie das gebraucht wird!“

Immer interessant wie Kunden unsere Lagerstatistik besser zu kennen scheinen als wir – nein, das Valium 10mg habe ich letztes Jahr 2x gebraucht und vorletztes Jahr gar nie.

Selber Patient zu Donna: „Und dann hat ihre Kollegin (das wäre dann ich) gestern Mittag versucht mir stattdessen 2 Packungen von den 5mg anzudrehen statt den 10mg, wahrscheinlich weil sie da mehr dran verdienen!“

Nein, Eigentlich war das ein Angebot das so zu machen, falls Sie die Valium gleich gebraucht hätten, da wir davon eine Packung an Lager haben. Aber offenbar konnten Sie warten. (Aber wenn sie sich weiter so benehmen verstehe ich, weshalb die auf dem Rezept sind).

Es wird ruhiger. Die letzten haben ihre Einkäufe nach Büroschluss erledigt oder sind auf der Rückweg vom Arzt mit dem Rezept vorbeigekommen. Auch die haben zu – wahrscheinlich die meisten seit 5 oder 6 Uhr

Zeit die Rezepte von heute morgen fertig anzuschauen. Eigentlich mache ich sie gerne früher. Meine Konzentrationsfähigkeit nimmt im Verlauf so eines (halb) Tages doch schon merklich ab. Aber vorher bin ich nicht dazugekommen.

Der Patient mit der kontrollierten Abgabe steht in der Apotheke und macht fast einen zweiten Aufstand, da er mehr erwartet hat. Ich hab jetzt genug und wähle deutliche Worte. Es liegt nicht nur an ihm selber, ob er weiterhin das Mittel bei uns beziehen kann.

19 Uhr Frau kommt mit Zettel, sie soll für die Mutter aus der Apotheke besorgen: Symfona und Cedur retard. Für beides sei das Dauerrezept hier.

Für das Symfona stimmt das. Aber das Cedur retard (ein Medi gegen hohe Blutfettwerte) … ich finde nichts in unserer Patientenhistorie. Egal wie weit ich zurückgehe – und bei ihr kann ich das 5 Jahre.

Die Frau weiss nur, dass die Mutter gesagt hat, sie brauche das wieder. Und dass es möglich ist, dass sie das eine Zeitlang nicht mehr genommen hat. – Stellt sich mir natürlich die Frage: braucht sie „das“ denn wirklich noch?

Ein genauerer Blick in die Patientenhistorie zeigt, dass sie aktuell Simvastatin nimmt. Oder zumindest nehmen sollte. Das ist auch ein Cholesterinsenker. Den Arzt kann ich jetzt nicht mehr anrufen, da nachzufragen.

Entscheide mich dagegen ihr Cedur oder Simvastatin mitzugeben und sie soll doch direkt beim Arzt nachfragen. Oh – sie hat grad MORGEN sowieso einen Termin? Perfekt.

Nein, keine Sorge, das macht nichts, wenn sie das heute nicht nimmt (immerhin dauert die Pause wohl schon etwas länger …)

Ausser Donna und mir sind alle weg. Donna nutzt die Ruhe um die Rezepte einzuscannen und an die Abrechnungsstelle zu schicken. Die letzte Bestellung ist auch durch

Rezeptkontrolle. Mir fällt auf, dass die BetM (Betäubungsmittel) Kontrollnummer vom abgegebenen Schmerzmittel auf dem Rezept fehlt. Gehe an den BetM Ordner nachschauen.

Yupp, die Nummer wurde im Troubel vergessen einzutragen. Kein wirkliches Problem, alles auch per Computer nachvollziehbar … ich bekomme einfach nur jedesmal einen Mini-Herzinfarkt, wenn mir das erst auffällt wenn der Lagerbestand nicht stimmt

Abbott Freestile libre Sensoren Anfrage. Ich habe keine Lager, könnte aber besorgen, er müsste aber die Differenz zahlen: die Krankenkasse vergütet da so wenig, der VP liegt höher, auch schon ohne Porto.

Gegrummel deswegen – ich erkläre ihm auch, dass die Firma die Apotheken da gerne umgeht und man das als Patient eigentlich direkt dort bestellen soll. Weiss er – aber offenbar haben die grad ein Lieferproblem (und ausserdem einen unterirdisch schlechten Service).

Wir fangen an Strassensteller reinzuräumen und eine Kasse nach hinten zu nehmen. Da wandert die lange pensionierte Stammkundin in die Apotheke. Wandelt eher – sieht nur halb-strebig aus. Das kann wieder dauern…

Zumindest will sie heute nicht mehr den Blutzucker gemessen haben. Das mussten wir ihr abgewöhnen: wenn man nur noch zu zweit oder die letzte halbe Stunde ganz alleine ist. Das geht einfach nicht.

Auf Rezept in der Kontrolle der Kommentar dass die Tabletten nach dem Umfüllen in eine Büchse versehentlich weggeworfen wurden und dabei nass wurden. „Braucht deshalb früher neue“. Hmmm. genau die Ausrede habe ich von ihm schon gehört.

Die Stammkundin macht heute nicht so lange. Sie holt etwas ab, macht dazu Etwas Smalltalk (heute nur 10 Minuten) und sie geht

Frage Donna wegen der weggeworfenen Tabletten. Der Arzt wurde auch Kontaktiert wegen der Ausnahme. Er hat zugestimmt – unter der Voraussetzung, dass das Mittel nicht mehr von ihm umgefüllt wird.

Die Patientin mit dem autorisierten Vorbezug für die Ferien für irgendwelche unbekannten Medikamente war nicht da, fällt mir auf. Mein Notizzettel vom Beginn hängt noch da …

Ansonsten bleibt nicht viel vor für morgen (das ist gut!). Dem Arzt der die 2 NSAR Schmerzmitteln auf Rezept verschrieben hat, haben wir auch kontaktiert – und dann den Patient um das Diclofenac mit Paracetamol auszutauschen.

Was noch? Diverses bestellt, manches nicht lieferbare auf Rezept ersetzt, Auslieferung gemacht … Ah, die Videoaufzeichnung vom Ladendieb … aber die ist morgen noch da. Zeit zum schliessen.

20 Uhr Kassenabschluss, Türen schliessen, Kassen in den Tresor, Anrufbeantworter anstellen. Für heute ist fertig! Und ich bin auch durch. Das war Over und Out

Vermeide das K-Wort

Ich bin noch etwas „schuldig“ vom Twitter-Tag. Die Geschichte, die mich mit einem etwas üblen Nachgeschmack und ziemlich nachdenklich hinterlassen hat, die aber zu lange war für die 140 Zeichen-Folge.

Dafür muss ich etwas ausholen. Seit letztem November oder so sind wir von der Swissmedic (dem Kontrolldienst für Medikamente in der Schweiz) angehalten, Patienten, die Blutdruckmedikamente mit dem Inhaltstsoff Hydrochlorothiazid nehmen – das ist vor allem in Kombinationsmitteln enthalten – darauf hinzuweisen, dass es da neue Erkenntnisse gibt.

Meldung der Swissmedic:Die Zulassungsinhaberinnen … informieren:

  • Pharmakoepidemiologische Studien haben ein erhöhtes Risiko für nicht-melanozytäre Malignome der Haut (NMSC) in Form von Basalzell- und Plattenepithelkarzinomen unter zunehmender kumulativer Exposition gegenüber Hydrochlorothiazid (HCTZ) gezeigt.
  • Patienten, die HCTZ allein oder in Kombination mit anderen Arzneimitteln anwenden, sind über das NMSC-Risiko aufzuklären und anzuweisen, ihre Haut regelmässig auf jegliche neu aufgetretenen Läsionen sowie Veränderungen vorhandener Läsionen zu kontrollieren und jegliche verdächtigen Hautveränderungen zu melden.
  • Verdächtige Hautveränderungen sind zu untersuchen, gegebenenfalls mittels Biopsie und histologischer Analyse.
  • Patienten sind anzuweisen, sich nur begrenzt Sonnenlicht und sonstiger UV-Strahlung auszusetzen und bei Sonnen-/UV-Exposition angemessenen Lichtschutz zu verwenden, um das Hautkrebsrisiko zu minimieren.
  • Bei Patienten mit Malignomen der Haut in der Vorgeschichte ist die Anwendung von HCTZ möglicherweise sorgfältig zu überdenken

Oder in Kurz: Wahrscheinlich besteht ein erhöhtes Risiko für (empfindliche) Personen, die das Blutdruckmedikament mit HCT über längere Zeit einnehmen, dass sie Hautkrebs bekommen.

Und das sollen wir ihnen jetzt erklären bei der Abgabe – möglichst ohne sie so zu verunsichern, dass sie das Medikament absetzen, das wäre nämlich akut ein grösseres Gesundheitsrisiko.

Nun habe ich also am Mittwoch diese wirklich alte Patientin, die mit der hilfreichen Nachbarin in die Apotheke kommt und ein Bilol comp von ihrem Dauerrezept holen kommt (das ist Bisoprololi fumaras (2:1); Hydrochlorothiazidum). Also hole ich es, schreibe es an und sage bei der Abgabe:

„Ich soll neu zu diesem Medikament sagen, dass es möglicherweise vermehrt Hautveränderungen machen kann – vor allem, wenn man an die Sonne geht. Bitte schützen Sie sich gut vor der Sonne und kontrollieren Sie von Zeit zu Zeit ihre Haut auf Veränderungen.“

„Was?“ fragt mich die alte Frau. Ich hätte daran denken sollen, dass sie schwerhörig sein könnte. Also schaue ich ihr in die Augen und sage deutlich noch einmal:

„Das Medikament kann Hautveränderungen machen … „

Und genau da sehe ich etwas. Auf ihrer Nase. Da ist eine Läsion die für mein Mittel-geübtes Auge deutlich nach einem Basaliom aus. Erhabener Rand, perlig schimmernd, Loch in der Mitte – und schon fast 1cm Durchmesser. Mist. Also stolpere ich etwas, fahre dann aber weiter:

„…So wie das auf ihrer Nase. Das sollten Sie unbedingt von ihrem Arzt anschauen lassen!“

Sie beginnt sofort abzuwinken: „Ach was, ich will nicht zum Arzt. Mir gehts gut. Das ist reine Zeitverschwendung“

„Ja, aber diese Hautveränderung … das wird tiefer werden …“

„Neinnein, das geht schon.“

Die Nachbarin, die bis jetzt ruhig daneben gestanden hat und die ich fast vergessen habe:

„Hör doch auf die Apothekerin! Ich habe Dir auch schon gesagt, dass Du das zeigen gehen sollst. Das sieht wirklich nicht gut aus.“

„Ach was, das macht doch nichts … das ist schon eine Zeit so.“

„Ja – aber das könnte Hautkrebs sein …“ (Da. Ich hab’s gesagt. Das K-Wort, das man eigentlich vermeiden sollte. Aber wie mache ich ihr sonst deutlich, dass das bei ihr etwas „dringenderes“ ist?) „Und ich würde mich wirklich besser fühlen, wenn ich weiss, dass sie das abklären lassen.“

Sie liess sich nicht überzeugen. Hat sie mich wirklich verstanden? Akustisch und intellektuell? Die Nachbarin meinte noch beim Rausgehen, dass sie versuchen würde etwas auf sie einzuwirken. Aber es hat mich schon etwas nachdenklich gemacht. Gut – sie ist alt. Über 90. Aber ausser dass sie nicht mehr so mobil ist und etwas schwerhörig ist sie noch ziemlich fit. Jetzt kann man wohl noch (relativ einfach) etwas machen. Später wird das schwieriger.

Einer der Hautärzte hat in einer Weiterbildung letztens gemeint: „Nun, das ist jetzt böse, aber die Frage ist: ‚Wie krebsfrei soll die Leiche denn sein‘?“ – denn es ist nicht unüblich, dass im Alter (aus verschiedenen Gründen) mehr Krebsarten auftreten und man muss nicht zwingend alles und alle behandeln.

Und auch meine Kollegin meinte: „Vielleicht würde ich in dem Alter auch nicht mehr zum Arzt wollen.“

Trotzdem. Das Gefühl danach war nicht wirklich schön. Ich würde mich besser fühlen, wenn ich wüsste, dass sie sie Entscheidung da nichts zu machen trifft, wenn sie die Konsequenzen davon wirklich kennt.

Und irgendwie bin ich mir da nicht so sicher.