Leerläufe

Auf dem Rezept des Arztes für einen Patienten, der mit arg blauem Auge bei uns auftaucht (er hatte einen Unfall): Traumanase forte.

Innerlich zucke ich da schon zusammen. Nicht wegen dem lustigen Namen. Das Mittel heisst wirklich so. Das Mittel ist aber auch seit Juli letzten Jahres in keiner Form mehr lieferbar. Das Original nicht, das eine Generikum, das es in der Schweiz gab (Bromelain Zentiva) nicht … und inzwischen nicht mal mehr etwas aus Deutschland zum Importieren. Ich habe keine Ahnung, was mit dem Wirkstoff los ist. Es ist ein Enzym aus der Ananas, das eingenommen entzündungshemmend wirken soll. Deshalb haben auch die meisten Ärzte, die das verschreiben es auf Nachfrage entweder ersatzlos gestrichen …. oder durch etwas anderes entzündungshemmendes, meistens Ibuprofen, ersetzt.

Zuerst informiere ich den Patienten, weshalb ich ihm das nicht geben kann.

Meint er: «Der Arzt sagt aber man bekommt das wieder.»

Ja klar. Deshalb schickt der sonst selbstdispensierende Arzt den Patienten auch mit einem Rezept los. Don’t kill the messenger.

Ich (jetzt etwas böse): «Nein. Keine Chance. Wenn er denkt, er bekommt das, soll er es doch selber bestellen.»

Aber ich muss anfragen.

Ich frage also nochmal, für was er das Medikament verschrieben bekommen hat.

«Damit das blaue Auge schneller wieder weggeht.»

Dafür würde ich jetzt auch nicht zwingend mit Ibuprofen ersetzen, eher noch mit einer Heparin-Salbe und vorsichtiger Anwendung, da nah am Auge.

Ich schicke die Pharmassistentin den Anruf machen.

Antwort des Arztes: «Nein, keine Heparin-Salbe! Schmerzmittel hat er auch schon. Etwas entzündungshemmendes. Er soll Dafalgan nehmen!»

Damit hängt er auf.

Ich seufze ob der Antwort. Dafalgan ist Paracetamol … und damit so ziemlich das einzige Nicht-entzündungshemmende Schmerzmittel.

Sollte der Arzt eigentlich auch wissen.

Und der Patient wollte es dann auch nicht.

Man lässt sich nicht nur für sich selbst impfen

Grippe- und Erkältungszeit und ich erinnere daran, wie wichtig es ist, dass gerade Pflegepersonal geimpft ist. Nicht nur für sich oder damit sie weniger Stunden ausfallen für den Arbeitgeber. Nein, ich meine vor allem für die Leute, die sie betreuen und für deren Gesundheit sie mit-verantwortlich sind. Ich weiss, dass das immer noch keine Voraussetzung ist in vielen Spitälern und Heimen. Und es wird auch kaum freiwillig gemacht. Gerade dort ist die „das ist chemisch“ und kommt von „Big Pharma“ und „hast Du gesehen, was da sonst noch alles drin ist?“ und „übersteht man ja auch ohne Impfung problemlos“ „natürlich“ – Fraktion sehr hoch. Und ich würde hier mal behaupten bei der Haushilfe (der Spitex hier) ist das auch genau so.

Das sollte man mal überdenken, denn das sind die Leute die genauso in Kontakt mit älteren, polymorbiden und hilfsbedürftigen Personen kommen – und das bei ihnen zu Hause. Und wenn das Pflegepersonal krank wird, dann bringen sie dies direkt zum Patienten, der sonst vielleicht kaum mehr Kontakt nach aussen hat.

Diesen Herbst konnte ich so einen Fall gut beobachten. Unsere Patientin, – nennen wir sie Frau Moller – fast 90jährige Frau, hausgebunden und erhält Unterstützung durch die Spitex. Und eine dieser (meist) Frauen kam total erkältet, rotzend und fast dauerhustend zu ihr nach Hause. Darauf von Frau Moller angesprochen machte sie noch Scherze im Sinne von wie aufopfernd es von ihr ja wäre, dass sie überhaupt kommt und arbeitet. Dass das ja nur ein bisschen Husten sei und der Körper damit problemlos umgehen kann sie hätte das jetzt schon eine Zeitlang …

Auf Bitte der Patientin hat sie dann zumindest eine Maske angezogen.

Zu spät. Ein paar Tage später hatte Frau Moller ziemlich übel beginnende Erkältungssymptome, Fieber, Gliederschmerzen, nächtliche Hustenattacken halt so allgemeines Krankheitsgefühl. Da sie dann bei der Spitex reklamiert hat, hat sie zumindest nicht mehr diese Pflegehilfe bekommen, aber es dauerte lange, bis der Husten und das Krankheitsgefühl dann weg ging. Eine Zeitlang sah das gar nicht gut aus für Frau Moller.

Plot-Twist: Im Endeffekt hat sich dann übrigens noch herausgestellt, dass das Keuchhusten war, nicht mal die Grippe … Aber auch dagegen kann man sich impfen (Pertussis gehört zu den Grundimmunisierungen) und man sollte das bei Umgang mit kleinen Kindern und oder sonst kranken Personen auffrischen lassen.

Switcheroo Two

Ihr erinnert Euch vielleicht noch an Herrn Oblidat? Gestern hat er wieder angerufen. Der sehr komplizierte Patient meint am Telefon, nachdem er etwas vom Rezept bestellt hat: «Ich habe da noch ein grosses Problem. In der einen Packung Tabletten, die ich von ihnen bekommen habe, sind andere drin.»

Pharmama: «Wie meinen Sie das?»

Herr Oblidat (H.O.): «Ja, in den Komm-dro-sulf Tabletten, die schreiben sich mit C wie …»

Pharmama: «Alles klar, ich kenne die. Die Condrosulf.»

H.O: «Ja, die für die Gelenke? Also, da ist eine von diesen silbrigen Plättchen, wo die Tabletten drin sind, da sieht man ja nicht rein …»

Pharmama: «Die Blister.»

H.O.: «Nennt man die Verpackung so? Jedenfalls, da waren ganz andere Tabletten drin.»

Huh? Seltsam.

Pharmama: «Oh. Das ist nicht gut. Aber hier am Telefon kann ich nicht viel machen. Könnten Sie die ganze Packung, so wie sie ist vorbeibringen, damit ich das anschauen kann?»

H.O.: «Nein, das ist gar nicht gut! Wer weiss was das ist? Das könnte gefährlich sein. Wenn Sie mir da etwas gegeben haben, das … »

Irgendwie steigert er sich da in etwas rein?

Pharmama: «Deshalb will ich das anschauen.»

H.O.: «Gut, ich bringe sie mit, wenn ich das andere abholen komme.»

Nachmittag. Er bringt mir die Packung Condrosulf.

Sie ist angebraucht (war zu erwarten) und zwar nicht ganz neu. Etwa die Hälfte der Blister ist noch drin. Ein Blister sieht nicht nur anders aus, er ist abgeschnitten worden. Auf der Rückseite erkenne ich gerade noch ein /12.5 und die Firma: Takeda.

Das ist definitiv nicht Condrosulf. Es ist aber auch eine ganz andere Firma und dazu nur ein halber Blister. Kaum möglich, dass das von der Firma untergemischt wurde.

Ich habe keine Patienten-Retouren gehabt die wieder in die Schubladen versorgt wurden. Und falls das vorher passiert ist (bei unserem Lieferanten) wäre es sehr ungewöhnlich, dass er das erst jetzt merkt.

Aber ich habe schon eine Vermutung. Herr Oblidat ist ja allgemein etwas verwirrt. Die Chance ist gross, dass die Untermischung ihm selber passiert ist. Also schaue ich in sein Patientendossier im Computer. Und finde da «Blopress 32/12.5mg» von Takeda.

Ich zeige ihm die Packung, die ich hier habe.

H.O.: «Das sind Tabletten, die ich auch habe!»

Pharmama: «Ja, genau. Und sehen Sie hier die Blister von denen …»

Sehen genau so aus, wie der von ihm entdeckte.

H.O.: «Oh, das muss das sein. Vielleicht habe ich am Morgen im Halbschlaf …  Darf ich mal die Tabletten anschauen?»

Das ging leider nicht, die Blisterpackungen sind inzwischen durchgehend Alu – ich konnte sie ihm nur in der App des Kompendiums zeigen und eine von dem Blister den er mitgebracht hat herausdrücken.

Er war noch nicht ganz überzeugt: «Die Tabletten, die ich zu Hause habe, sind aber grösser, da bin ich ziemlich sicher.»

Pharmama: «Ich denke, es sind wirklich die, aber gehen Sie doch nochmals nachschauen.»

Er geht.

Später am Tag bekomme ich wieder einen Anruf:

H.O.: «Ich muss mich entschuldigen, da habe ich wohl einen Sturm im Wasserglas ausgelöst. Es sind die Blopress . Meine Tabletten sehen genau gleich aus. Ich habe sie wohl am Morgen falsch eingepackt.»

Gut konnten wir das klären.

Ich schätze das übrigens sehr, dass er sich da entschuldigt hat. Einige andere Patienten hätten selbst dann noch versucht, den Fehler woanders zu suchen.

Von den hochnäsigen Apothekern

Lange ists her, da habe ich ein mail bekommen einer empörten Blogleserin und eine Antwort geschrieben. Dann habe ich gedacht „Ach, bringt ja doch nichts“ und es ad adcta gelegt. Heute habe ich das wieder gefunden. Und: passt immer noch.

Abgesehen davon stört mich der Oberlehrerton, der ja auch hier im Blog herrscht…Als wenn alle Kunden Deppen wären…Drum sinds die Apotheker, die sich überwichtig nehmen.Wenn ich Beratung haben will, dann sage ich es.Aber wegen jeden Hustenbonbon, den ich zufällig mal in einer Apotheke kaufe, eine halbe Stunde vollgelabert zu werden, finde ich nur nervig.

Ja nun. Als Apotheker ist man ein shizophrenes Wesen. Da hat man 5 Jahre Studium hinter sich, weiss unglaublich viel über den Körper, Krankheiten und noch mehr über Medikamente, Wirkmechanismen, Galenik und noch viel mehr … und dann steht man in der Apotheke und hat den Auftrag (!) die Bevölkerung mit der richtigen Medikation zu versorgen und sie darüber zu beraten, dass diese dann richtig angewendet wird. Trotzdem wird man von vielen Leuten praktisch nur als Verkäufer und Detailhändler wahrgenommen. Was wir (gezwungenermassen) auch sind – wir geben ja nicht nur Medikamente auf rezept ab, wir verkaufen die Medikamente und Medizinprodukte, die Nahrungsergänzungsmittel etc auch OTC – „Over the Counter“, also den Ladentisch.

Dabei kommt man – wie alle, die im Verkauf und in der Beratung arbeiten – halt in Kontakt mit einer Menge Leute, darunter auch einige, deren Verhalten manchmal seltsam, manchmal komisch, oft ungeduldig, besserwisserisch, ärgerlich, fordernd, verwirrt etc. ist – halt das ganze Bandspektrum menschlicher Ausdrucksweise. Da hat es intelligente darunter, weniger intelligente, Faule, Abhängige aber auch Professoren, Mit-Medizinal-Personen etc. … und manche haben keine Ahnung, viele wissen „etwas“ andere denken, sie wissen es und manche tun es tatsächlich – aber: All die müssen beraten sein. Man weiss heute, dass etwa 10% der Selbstmedikation, die die Leute für sich wollen nicht geeignet sind. Auch Ärzte machen beim Verschreiben Fehler (auch das sind nur Menschen). Dann müssen wir da  sein, aufmerksam bleiben und das merken.

Wenn ich dann bei einer Person zuviel frage, oder etwas erkläre und sie dann ärgerlich wird – was soll ich tun? Bei der nächsten, der ich dasselbe sage, ist sie dankbar, weil sie das bisher nicht gewusst hat oder sogar etwas nicht richtig genommen hat. Allen Leuten Recht getan ist eine Kunst, die niemand kann. So bemühe ich mich – und bei denen, wo das nicht ankommt … gehe ich am Ende mit einem Schulterzucken darüber weg.

Und so ist das halt auch mit dem Blog hier. Wenn ich mit „Oberlehrerton“  oder rechthaberisch rüberkomme … dann sei es halt so. Ich will ja auch den Lesern und Leuten hier ein bisschen zeigen, wie das in der Apotheke so läuft im Kundenkontakt, auch Info geben, Wissen rüberbringen,… und wenn sie dabei noch etwas lernen –umso besser! Zwingen mein „Geschreibsel“ hier zu lesen tue ich niemanden.

Buchrezension The City and the City

 

Den Schriftsteller China Mieville kannte ich schon aus verschiedenen Science-Fiction Büchern. Sein Schreib-Stil ist auch in diesem Werk erkennbar … auch wenn es einiges weniger Science Fiction war, als ich erwartet habe. Tatsächlich viel weniger.

Das Buch hat mich Anfangs verwirrt – es ist eine Detektivgeschichte, die in einer Stadt spielt, die irgendwo im Grenzgebiet liegt. Eine geteilte Stadt, ähnlich wie Berlin damals, und doch … ganz anders. Ein Teil der Stadt Beszel ist osteuropäisch, die Schwesterstadt Ul Quoma arabisch. Unterschiedliche Baustile, Kleidungsstile, Umgangsformen, Sprache, politischer Hintergrund. Unterschiedliche Verwaltungen und Polizei. Der Mord an einer jungen Frau ist in einem Teil der Stadt geschehen, die Spuren führen aber in den anderen Teil. Soweit so gut und eine typische, etwas langsam anfangende Story.

Aber weshalb redet der Protagonist, Inspekto Borlù davon, wie er fast jemanden sehen konnte / Mühe hat die Person zu „unsehen“? Ist sie nicht real oder ein Geist? Wieso ist es so kompliziert in den anderen Teil der Stadt zu gelangen, wenn das doch ganz offensichtlich so nahe liegt, dass nicht einmal Mauern die Städte trennen? Das ist dann auch die Lösung davon: Die beiden Städte existieren geografisch auf demselben Platz. Sie stehen auf den Ruinen einer Ursprungsstadt, deren technologisch weite Artefakte an verschiedenen Orten aus der Erde geholt und studiert werden. Die Städte sind ineinander verwoben und teilen sich Plätze, Parks und Häuser  … aber die Bewohner dürfen nicht miteinander interagieren. Ein „Bruch“ ist streng verboten, schon kleinen Kindern wird beigebracht, was sie sehen dürfen (und was nicht), wohin sie gehen dürfen (und wie: es gibt auch unterschiedlichen öffentlichen Transport). Und wer doch durchbricht / „breaks“, den holt die „Breach“  – eine Spezialeinheit, die ausserhalb der polizeilichen Systeme der beiden Städte operiert und der fast mystische Kräfte zugeschrieben werden. Vielleicht gibt es sogar noch eine dritte Stadt – zwischen den beiden. Orciny – der Fall scheint immer mehr damit zu tun zu haben.

Das ist die Umgebung, in der Inspektor Borlù den Fall lösen muss. Er bekommt die Ausnahmerlaubnis, den Fall in Ul Quoma weiterzuverfolgen mit Hilfe des dortigen Vertreters. Nun darf er Ul Quoma sehen – aber dafür Beszel nicht. Auch dann nicht, wenn er praktisch an seinem eigenen Wohnort vorbeikommt.

Die Geschichte ist spannend zu lesen und sich vorzustellen, wie das wohl da wäre … interessanterweise gibt es inzwischen sogar eine TV-Serie, die daraus gemacht wurde. Der verdanken wir diese (fiktive) Touristen-Information für Beszel (Ul Quoma hat sicher auch eine …)

Jedenfalls: Sehr interessante und lesenswerte Lektüre. Nicht nur für Detektivgeschichten-fans.

Die deutsche Version.

V apteke. Zapiski farmatsevta o riskah i pobochnyh deystviyah

В аптеке. Записки фармацевта о рисках и побочных действиях

Kannst Du nicht lesen? Ich auch nicht – aber: das ist mein Buch in Russisch! „“ wurde ins Russische übersetzt. Ich musste das natürlich haben und habe es Mitte Dezember bestellt. Jetzt ist es angekommen. Den ganzen Briefmarken nach frisch aus Russland. Google translate sagt mir, dass sie den Titel geändert haben zu: „Aus der Apotheke – Risiken und Nebenwirkungen einer Apothekerin.“

Ja, weil ich ja so gefährlich bin :-P

Lustig: für das Titelbild haben sie sich von mir inspirieren lassen: