Elektronische Rezepte – die Zukunft ist (fast) da.

Das neue Jahr naht schon mit Riesenschritten – und was es bringen wird ist ein weiterer Schritt in Richtung Digitalisierung. Der Fax, der in der Öffentlichkeit kaum noch benutzt wird, aber zum Austausch zwischen Arzt und Apotheke (und Spitex) hier in der Schweiz noch sehr häufig eingesetzt wird, hat bald ausgedient. Erste Spitäler haben schon angekündet Rezepte ab Januar 2019 nicht mehr via Fax, sondern nur noch via mail zu schicken … und forden dafür möglichst sichere Verbindungen. Die gibt es schon. Bei den Ärzten hier sind viele Mitglied bei HIN (Health Info Net) und viele Apotheken bei Abrechnungsstellen, die „sichere“ email-Adressen bieten und verschlüsselt verschicken und empfangen können. Ausserdem können die aller-meisten Ärzte inzwischen Rezepte am Computer erstellen und ausdrucken/scannen/faxen oder per Post schicken oder gleich per email übermitteln.

Aber die ganzen technischen Grundlagen nützen nicht sehr viel, wenn die Ärzte dabei nicht auch sonst auf Sicherheit achten.

Beispiele aus den letzten Wochen:

Abends 19 Uhr. Rezeptausdruck für ein Benzodiazepin. Die Unterschrift darauf war auch ausgedruckt (eingescannt). Kein Stempel. Der Patient beharrt darauf, dass er mit dem Rezept direkt vom Arzt kommt (der aber nicht grad nebenan praktiziert). Ich frage am nächsten Tag, noch vor der Abgabe nach. Ja, das ist ein richtiges Rezept, in der Praxis ausgedruckt. Auf meinen Kommentar, dass in dem Fall eine Originalunterschrift vom Arzt drauf gehört, kommt nur: „Sie sind die erste Apotheke, die uns das sagt.“ Das wundert mich in dem Fall wenig: Praxis mit Selbstdispensation. Medikamente verschreiben die kaum, respektive nur, wenn sie sie nicht grad selber abgeben können.

Tipp: Ein Rezept braucht eine Arztunterschrift um gültig zu sein. Wenn sie das Rezept schon ausdrucken, dann machen sie auch eine drauf. Ein Stempel wäre auch nett, ist aber nicht gleich vorgeschrieben.

Noch ein Fall: Rezeptausdruck für ein Benzodiazepin mit dem Vermerk „elektronisch visiert“, also keine Unterschrift drauf, weder eingescannt noch von Hand. Der Arzt hat das Rezept direkt an den Patienten gemailt, der hat das ausgedruckt und mir in die Apotheke gebracht. Auf Nachfrage beim Arzt, ob ich das laut Datum einige Tage alte Rezept ausführen soll und ob er schon mal daran gedacht hat, dass der Patient das auch mehrmals ausdrucken und in verschiedenen Apotheken einlösen gehen kann um so mehrere Packungen zu erhalten, kommt nur: „Daran habe ich noch gar nicht gedacht.“ Ich soll es aber ausführen, da er dem Patienten vertraut. (Schön für ihn. Weshalb muss ich auch so misstrauisch sein?)

Tipp: Apotheke angeben lassen beim Arztkontakt des Patienten (bei der Rezeptbestellung / telefonischen Diagnose) und das dann direkt dorthin mailen. Dadurch ist die sichere Verbindung gewährleistet und dass das Rezept nicht auf spätere Abwege gerät. Nur weil man dem Patient das Rezept per mail schicken kann (und per Fax nicht), heisst nicht, dass man das sollte. Wie leicht so ein gemailtes Rezept dann später als Vorlage benutzt und abgeändert werden kann, will ich auch mal erwähnt haben.

Und noch ein paar Beispiele der „Digitalisierung“ – für die kann der Arzt wenig, das sehe ich aber in letzte Zeit auch häufiger, mit verschiedensten Medikamenten, meist nicht abhängigkeits-machende: Der Patient kommt mit dem Smartphone und einem Foto vom Rezept und will das Medikament darauf beziehen.

Faktisch ist das Rezept wohl „irgendwo“ vorhanden, nur habe ich das nicht in der Apotheke, wo ich es für die Abgabe (und zum Abrechnen) brauche. Das wird also eine „Abgabe ohne Rezept“ und es liegt damit komplett in meiner Verantwortung als Apothekerin, ob ich das abgebe oder nicht. Vielleicht nehme ich den Ausdruck des Fotos als Nachweis zum ablegen. Aber der Krankenkasse kann ich das nicht damit abrechnen. Auch hier: damit kann man ja in X Apotheken gehen – und oft ist es nicht mal der Patient selber, sondern sein Partner. Identifikation des Patienten ist damit auch nicht gewährleistet. Was ich noch machen kann, ausser die Person bezahlt das und schickt die Quittung mit dem Originalrezept der Kasse ein: einen Vorbezug. Das bedeutet, Sie müssen mit dem Originalrezept noch einmal vorbei kommen. Ja – sehr unpraktisch und überhaupt nicht digital.

Ich bin ziemlich sicher, dass es da in (naher?) Zukunft Leitlinien geben wird. Momentan … herrscht allgemeine Unsicherheit.

8 Antworten auf „Elektronische Rezepte – die Zukunft ist (fast) da.

  1. Rezepte sind für mich immernoch etwas „papieriges“. Es gehört ausgedruckt, zusammen mit allen anderen Unterlagen zu den Austritts-Papieren (stationär). In der Sprechstunde ist es für mich als Arzt ein Mehraufwand, wenn ich ein Rezept nicht ausdrucke und dem Patienten in die Hand drücke, sondern zuerst die Mail-Adresse der Apotheke raussuchen muss, in die der Patient gehen will und das dann dahin zu schicken. Wenn von Hand geschrieben (geht teilweise einfach schneller) ist die Sache noch komplizierter (Einscannen, zurück zum Computer, Kontrollieren etc). Wenn dann noch die falsche Apotheke angegeben wird, umso nerviger. Oder die „Rezeptbestellungen per Telefon“. Was der Patient in der Hand hat, hat er – der Rest ist seine Sache. Auf Papier kanns auch schnell zur Post.

    Rezept direkt an Patienten Mailen find ich sinnlos, Mehraufwand für den Patienten (ausdrucken daheim) und wie schon beschrieben auch mit gewissen Risiken verbunden (Mehrfach-Einlösung, v.a. bei den „Pappenheimern“).

    Wenn ich schon ein digitales Rezept habe (Szenario Stationär) und es direkt an eine gewisse Apotheke schicken will, ist es ok – weil auch da muss ich ja erst Fax-Nummer etc. raussuchen. Aber die Einrichtung des HIN-Accounts im ehemaligen KH dauerte für alle Assistenzärzte fast 2 Jahre, weil niemand Lust hatte, eine gescheite Anleitung zu schreiben… wenn ich weiter darüber nachdenke, komm ich in Rage..

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  2. Wäre in D-Land so unmöglich. Nicht nur weil wir ja eh vorgeschriebene Formen für (Kassen- und BTM-)Rezepte haben und da immer das Original da sein muss… selbst wenn man das eRezept kommt, wird das erstmal zu Tode geregelt und so unpraktisch gemacht, dass keiner Bock drauf hat… andererseits haben wir ja die eGKV. Wenn die mal richtig eingearbeitet werden würde, könnte man da durchaus schon eRezepte drauf speichern, die sich durch die Apotheken abrufen lassen können – und selbst wenn Pat. dann dort doch nicht das Rezept haben möchte (weil nicht vorrätig, aber jetzt schon haben will oder pups), könnte man einen Weg finden das wieder zu aktivieren… aber so oder so: sobald das Medikament über die Kasse gegangen ist (oder bestellt wurde), wirds von der eGKV gelöscht. grübel
    Sicher ein heidenaufwand das zu programmieren… aber rein theoretisch wäre es ja möglich.

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  3. Seit über 20 Jahren gibt es PGP (oder mittlerweile GnuPG). Damit lassen sich Emails verschlüsseln (d.h. nur für den Empfänger lesbar machen) und digital signieren. Bis heute gibt es keine bekannten Schwachstellen und das Prinzip ist noch nie geknackt worden. Gleichzeitig ist es Open Source, also frei verfügbar und kann von jedem genutzt und jedem Softwarehersteller implementiert werden.
    …aber das Rad neu zu erfinden ist natürlich viel besser! Zeigt sich beispielsweise beim elektronischen Anwaltspostfach in Deutschland. Das ist so sicher, dass systembedingt das Master-Passwort im Klartext mit dem Programm ausgeliefert wird.
    Selbst gegen das Problem des Mehrfachbezuges gäbe es heute schon fertige und erprobte Technologien – aber die muss natürlich auch jemand nutzen wollen.

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  4. Tja, zuviele Freiheitsgrade sind eben auch nicht gut. Da scheint mir das deutsche System mit dem (normalerweise) computererstellten (und somit lesbaren) Rezept mit Originalunterschrift und Arztstempel dann doch sicherer.

    In Dänemark fand ich das elektronische Rezept allerdings auch sehr praktisch (und sehr ungewohnt): Der Arzt fragte, in welche Apotheke ich gehen wolle, beschrieb mir dann den Weg dorthin (weil wir nur 2 Tage dort waren und uns nicht auskannten) und das war alles. In der Apotheke zeigte ich meine (deutsche) Versichertenkarte und bekam meine Medikamente. Komplett papierlos.

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  5. Vor kurzem war ich auf einemn Kongress, wo ein Vortragender das System in Estland vorgestellt hat: da gibt es ein zentrales System, eine Personal-Gesundheitskarte und der Arzt, die Ärztin bucht quasi das Rezept auf das System und die Karte. In der Apotheke wird die Karte gesteckt, das Rezept gelesen und die Arznei abgegeben.

    Gut, es ist ein gesamtes System in dem Land, aber es war unverschrocken genug, das System so mit Tag1 in Vollbetrieb zu gehen und die Bugs auch als solche zu kommunizieren. Heißt, dass es jetzt sehr akzeptiert ist und Techniker für Ausfälle 24/7 bereit stehen.
    Stromausfall darf es keinen geben… Wie überall.

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  6. Moin,
    beim Stichwort ‚Rezept einscannen‘ kam mir ziemlich schnell dieser Vortrag:
    6558desaal_g201412282300traue_keinem_scan_den_du_nicht_selbst_gefalscht_hast-_david_kriesel
    wieder in den Sinn… wer ein Stündchen Zeit hat, sollte sich den mal zu Gemüte führen. Hint: nein, es geht *nicht* darum, daß jemand händisch am Scan ein paar Ziffern ändert: das können die Maschinen ganz alleine.

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    1. Ja, der Talk ist genial. Und auch für Laien sehr interessant und verständlich.

      Seit dem Vortrag bin ich wieder etwas vorsichtiger geworden, an die Technologie zu „glauben“, die uns vorgesetzt wird.

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    2. Aber das Grundproblem dabei ist tatsächlich nur die „Einsparung durch Komplizierung“. Es ist wie mit Krankenkassen und Rabattverträgen, wie mit Globalisierung und Kostenoptimierung. Man verkompliziert Prozesse (auf Kosten anderer Systembeteiligten), um ein Ergebnis schneller und/oder billiger zu bekommen. Dass man dabei unendlich neue Fehlerquellen schaft, ist einem gleich, denn es geht hier um Quantität und nicht um die (dann viel beworbene) Qualität.

      Die (angebliche) Qualität kann man trotzdem bewerben, da die (abgeänderten) Systemoperablen „geheim“ bleiben und für den Kunden (offensichtlich) kein Unterschied existiert außer schneller und/oder billiger.

      Wenn dann später ein Problem heraus kommt… Pech gehabt. Ob es halt Nitrosamine im Valsartan oder falsche Zahlen im Scan sind, ist letzthin auch Wurst. „Moderne Zeiten“ würde Charlie Cheplin sagen.

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