Geben Sie mir die Nadeln

Minimalbesetzung am Samstag morgen, da mache ich so alles, was in der Apotheke anfällt. Also neben den Rezepten noch die Blutzuckermessung und die Kompressionsstrümpfe anmessen und die Wunden von Leuten versorgen und natürlich Beraten zu medizinischen Problemen. All das – aber nach 2 Stunden darf ich dann feststellen, dass ich zwar viel gemacht habe – das aber wenig in die Kasse bringt. Währenddessen hat die Drogistin eine Kosmetikberatung und macht in 10 Minuten so viel Umsatz wie ich in 2 Stunden nicht. Ich kann nicht sagen ‚gar nichts‘, denn wir verlangen etwas für das Blutzucker messen und auch für die Wundversorgung (sofern es sich nicht um einen akuten Fall handelt). Aber die Stützstrümpfe gehen über das Rezept, da bekomme ich wenig und dann war da noch die Diabetes-Beratung.

… Das war interessanterweise nicht die Person, bei der ich den Blutzucker gemessen habe, der war tatsächlich bestens. Aber als ich an den Stützstrümpfen bin kommt Sabine – „Ich habe da eine Frau, die Nadeln für den Lantus Pen will.“

„Ja – und?“

„Was soll ich ihr geben?“

„Hat sie kein Rezept oder weiss welche?“

„Nein, sie soll sie für den Mann holen.“

„Okay – das muss ich anschauen. Da muss sie jetzt halt einen Moment warten.“

Als ich ein paar Minuten später zu ihr komme, zeigt sie mir ein Blatt – aus der Beschreibung des Lantus Solostar Pen kopiert und deutet auf die Spitze: „Mein Mann braucht diese Nadeln.“

„Okay“ – „Hat er eine bestimmte Marke? Welche Länge?“

Heute sind die meisten Nadeln, die wir haben mit so ziemlich allen Pens kompatibel. Aber es gibt immer noch Präferenzen, wenn jemand mit welchen angefangen hat, bleibt er häufig auch aus Gewohnheit dabei. In der Beschreibung des Pens sind keine spezifischen angegeben.

„Ich weiss nicht. Er hat einfach keine mehr und braucht jetzt neue. Er hat mir das hier mitgegeben, damit ich ihm die richtigen bringe.“

Ich versuche ihr zu erklären, dass ich zumindest die Länge wissen sollte. Da sie da auch keine Ahnung hat, beschliesse ich ihm anzurufen.

„Pharmamas Apotheke, Pharmama, Guten Tag Herr … ihre Frau steht gerade bei mir in der Apotheke wegen den Nadeln … jetzt wissen wir aber nicht genau, welche.

„Ah, genau. Warten Sie einen Moment, ich hole die Packung …
Da ist sie ja. Also … da steht … Accu Check Guide …“

„Oh, ich dachte Sie brauchen Nadeln für den Pen, nicht die zum Messen?“

„Jaa – richtig, das ist die falsche Packung. Moment, ich hole die richtige aus dem Kühlschrank, anscheinend soll man das ja dort aufbewahren …“

(…? dazu gleich mehr)

„Da habe ich ihn. Also da steht auf der Verpackung Lantus …“

Er lässt sich nicht bremsen, also lasse ich ihn ausreden, auch wenn mir diese Info wirklich nicht mehr hilft.

Pharmama: „Ja, der Pen. Und dafür brauchen sie jetzt Nadeln?“

„Genau.“

„Welche Nadeln hatten Sie denn?“

„Na, diejenigen, die vorne auf dieses Gerät kommen.“

„Ja, schon klar. Ich meine: welche Marke? Und: welche Länge?“

„Sie sind etwa anderthalb Zentimeter hoch.“

Das … dürfte auf die Nadel samt Halterung zutreffen, hilft mir aber nicht weiter.

„Okay, haben sie denn die alte Verpackung noch, wo Sie schauen könnten, was da drauf steht?“

„Nein, ich habe heute die letzte gebraucht.“

„Oder vielleicht ein Rezept mit einer Angabe?“

„Nein, wissen Sie, die ersten Nadeln hat mir der Arzt mitgegeben und die Lantus habe ich seither von der Zur Rose Apotheke bekommen …“

Argh. Versandapotheke.

„Okay. Ich versuche herauszufinden, welche Länge sie brauchen. Wissen Sie da gibt es unterschiedliche Nadellängen, von 4 mm bis 12 mm.“

„Tut mir leid, das weiss ich nicht.“

Ich überlege. Wenn ich seiner Frau einfach irgendwelche in einer mittleren Länge verkaufe und es sind nicht die, die er bis jetzt hatte, habe ich sie spätestens Montag wieder in der Apotheke, wenn sie die geöffnete Packung umtauschen wollen. Aber ich habe von einer Firma ein paar Musterpackungen mit verschiedenen Nadellängen hier, wo je ein paar drin sind.

„Dann machen wir es vielleicht so: Ich gebe Ihrer Frau ein paar Musterpackungen mit, damit Sie etwas haben über das Wochenende und Sie klären am Montag mit dem Arzt ab, welche Nadellänge sie brauchen. Darf ich fragen, wie gross und wie schwer sie sind?“

Die Nadellänge ist für dicke Leute länger als für sehr schlanke. Er ist Normalgewichtig, also gebe ich ihr die 6mm und 8mm mit.

Aber vorher noch das:

„Und die Lantus – die müssen sie nur bis zur ersten Anwendung im Kühlschrank aufbewahren. Also: den Pen, den sie im Gebrauch haben, den sollten sie bei Raumtemperatur aufbewahren. Und natürlich die Nadeln bei jedem Mal Spritzen wechseln.“

Ich bin mir nämlich auch nicht ganz sicher, ob er das bis jetzt gemacht hat. Immerhin scheint er immer noch die erste Packung vom Arzt selber gebraucht zu haben und … nicht wirklich korrekt instruiert worden zu sein, wenn das mit dem Kühlschrank so ist.

Die Frau war damit glücklich und ist gegangen.

Auch hier: Arbeitszeit: mindestens 15 Minuten, Einnahmen: Null Franken.

Dafür: Arbeit gut gemacht, eine Lösung gefunden, Patient augerüstet über das Wochenende, instruiert – was ja alles im Endeffekt seiner Gesundheit zu gute kommt … und der Kasse keine Folgeschäden produziert.

Ob sie allerdings wiederkommen ist fraglich, da wohl der Arzt via zur Rose die neue Packung Nadeln schicken wird.

Nachtrag Montag: Sie war wieder da und hat von den 6mm bestellt. Das Rezept sollte vom Arzt gefaxt werden.

Nachtrag Mittwoch: kein Fax vom Arzt bisher … aber abgeholt wurde es.

Nachtrag 2 Wochen später: immer noch kein Rezept vom Arzt.

Leider wie erwartet.

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13 Antworten auf „Geben Sie mir die Nadeln

  1. Mittwoch: kein Fax vom Arzt bisher … aber abgeholt wurde es; 2 Wochen später: immer noch kein Rezept vom Arzt.
    Tja, das sollte dann eine private Rechnung geben.

    Aber so wie das lief, so stellt sich die Beratungsagentur 2hm die Arbeit der Apotheken demnächst IMMER vor. Das Beratungsgespräch hat keine Kosten verursacht (der Zeitaufwand kostet nix, denn Du bist ja SOWIESO in der Apotheke), die Proben haben keine Kosten verursacht, und daraus folgt: kostendeckende Entlohnung bedeutet: Keine Kosten -> keine Entlohnung. Ich kann mich derzeit nicht mal auf Weihnachten freuen…

    Übrigens kann ich mir gut vorstellen, dass der Patient die Kanüle(n) nun verbraucht hat, weil die letzte den Geist aufgab, und die Probepackung des Arztes schon seit Anfang der Therapie gereicht hat. Hatte selber mal so einen Fall, wo der Patient aufgrund von Kommunikationseinschränkung nicht mal erklären konnte, was er eigentlich BRAUCHTE. Der hat seine eine (!) Kanüle seit ca. 1 Jahr in Benutzung gehabt, bis sie abbrach. Und danach wollte er sich das Leben nehmen, weil niemand drauf kam, was er eigentlich wollte, wenn er denb PEN hochhielt und rief: Ich brauche DAS DA! (Die Arztpraxis hat 3x hintereinander einfach eine neue Packung Insulinfertigpens aufs Rezept geschrieben. Die Apotheke wurde dann angemeckert, WIEDER das Falsche rauszurücken.) Die Lösung des Problems hat eine 3/4 Stunde und 2-mal-iges zur-Arztpraxis-Rennen bedürft. Erlös war ca. 1,50€ für die Packung Kanülen.

    Ich frage mich wirklich, wie das laufen wird, wenn ENDLICH der Versandhandel die reguläre Versorgung übertragen bekommt seitens der Kassen via Selektivverträgen. Für hilfebedürftige Patienten dürfte dies im Endeffekt der Katalysator für ein schnelleres „sozialverträgliche Ableben“ bedeuten. Dess für die niedergelassene Apotheke wird es bedeuten, kostenlos das Problem zu lösen, aber das Rezept nicht mehr beliefern zu DÜRFEN, weil dei Selektivverträge dies verbieten. Schöne neue Welt. Davon werde ich mein Kind ernähren können…

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    1. Es ist echt zum verzweifeln was da bei Euch im Moment passiert. Und ausser reisserischen (und oft auch noch strunz-falschen!) Schlagzeilen in Boulevardzeitungen bekommt das die normale Öffentlichkeit leider gar nicht mit.

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      1. Das Lustige ist, dass das BMWi schon 2015 wußte, dass >1/3 der deutschen Apotheken wirtschaftlich vor dem Kollaps stehen. Und in den Kommentaren darunter entbrennt die Neiddebatte mit Sprüchen wie: Als „wirtschaftlich gefährdet“ gilt ein Apotheker in Deutschland bereits dann, wenn nur eine Million Euro auf dem Barkonto des Bosses sind, und nur zwei goldene Porsches in der Villa-Garage parken… unter einem Artikel, in dem steht, dass eine ziemliche Summe Apotheken so 30.000€ Betriebsergebnis / Jahr einbringen – abzüglich der Altervorsorge und der Krankenversicherung und der Einkommenssteuer für den Chef natürlich.

        Auch lustig, dass immer wieder der „Apothekenüberhang“ in der Stadt beklagt wird, dafür sollten sich doch mehr Landapotheken gründen. Sieht man in Schweden, wie gut das geklappt hat bei dre Ketten-Umstellung. Da wurden auch viel mehr Apotheken gegründet durch die Ketten – komischer Weise in den Fußgängerzonen der Großstadt. Die Landapotheken werden dort eingestampft, wenn der Staat nicht mit Subventionen die Situation rettet. Ja, das ist dann die viel beschworene Marktwirtschaft (bei in Deutschland vom Gesetzgeber vorgeschriebenen Ein- und Verkaufspreisen im Rx-Bereich). Auch die Lösungsvorschläge sind herrlich. Gegen den Versandhandel setze ich mich durch, indem ich die OTC-Preise um 10% ERHÖHE, um die Verluste bei Rx auszugleichen. Ja, das wird mir die Patienten regelrecht in die Bude und in die raffgierigen Hände treiben… logisch. Ich sehe ja schon nen vergoldeten Dritt-Porsche… allerdings eher bei den saudischen Prinzen, die holländischen Gesetzesbrechern Spielgeld zum Verzocken zur Verfügung stellen….

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          1. Ich leih Dir beide! Nicht bloß übers Wochenende, die ganze Zeit! Einfach auf einen Küchenstuhl setzen, die Augen schließen, einen Lederhandschuh under die Nase kleben, und eine zweite Person neben Dir „brumm brumm“ sagen und an Deinem Küchenstuhl wackeln lassen.

            Ich persönlich fahre einen 4Türer in der Größe eines Polo, und der ist auch nicht vergoldet sondern hat Serienfarbe… und ist 11 Jahre alt.

            Ach ja, meinen Titan-Platin-Bugatti verleih ich natürlich genausowenig wie meine private SR-71 für Wochenendausflüge. ;-)

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    2. Ich musste auch direkt an die leidige aktuelle Diskussion „Apothekenhonorar“ denken. Natürlich fallen wenige Einzelfälle unter „eh da“-Kosten, man kalkuliert PTA und Apothekervolk ja nicht wie jemand an der Maschine. Dass solche Klärungsgeschichten aber nicht selten sind und mehrfach am Tag das Personal für das Mehrfache einer durchschnittlichen Beratungszeit in Anspruch nehmen will aber niemand hören.
      Aber tröstet Euch: In der Industrie dürfen auch weder Maschinen noch Personal ausfallen, das gibt immer Geseiere von zwei oder drei Hierarchiestufen höher. Alte Maschine ersetzen? Klar, aber Return on Investment bitte in maximal 18 Monaten, besser 12. Geht nicht? Na dann gibt’s halt kein Geld.
      Das Traurige ist aber, dass bei der Diskussion um Apotheken und deren Vergütung um die öffentliche Arzneimittelversorgung geht. Wenn ich nicht produzieren dann macht es halt jemand anders (in Rumänien oder Indien), aber wenn die Apotheke vor Ort stirbt dann schreien plötzlich Alle – auch in der Politik – dass 20 km Anfahrt natürlich auch nicht sein dürfen.

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  2. Zum Thema „angebrochenes Insulin nicht mehr kühlen“: ist die manchmal kolportierte Wirkabschwächung eigentlich tatsächlich belegt, oder ist der Hauptgrund für die Empfehlung, angebrochene Pens nicht mehr zu kühlen, doch immer noch der angebliche Schmerz bei der Injektion (den ich persönlich allerdings auch nicht bestätigen könnte)?

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    1. Gute Frage. Allerdings steht in der Fachinfo:
      „Vor der ersten Anwendung
      SoloStar Pens und Lantus Patronen sind vor der ersten Anwendung im Kühlschrank (2 °C–8 °C) zu lagern. Nicht einfrieren. Kontakt des Behälters mit dem Gefrierfach oder Kühlelementen vermeiden. Falls die Injektionslösung gefroren war, darf sie nicht mehr verwendet werden. In der Originalverpackung aufbewahren, um den Inhalt vor Licht zu schützen.
      Nach der ersten Anwendung
      In Gebrauch befindliche (angebrochene sowie als Reserve mitgeführte) Lantus Patronen oder Fertigpens können bei einer Temperatur von nicht über 30 °C maximal 4 Wochen lang aufbewahrt werden und dürfen während dieser Zeit nicht mehr im Kühlschrank gelagert werden. Danach sind sie zu verwerfen. Vor Licht geschützt aufbewahren.“
      Innert der 4 Wochen hat man also die garantierte Wirkung … und ich denke, die meisten brauchen den Inhalt dann auch auf.
      Ausserdem ist es sicher praktikabler, wenn man den Pen nicht im Kühlschrank aufbewahren muss bis zur Anwendung, nicht nur wegen dem aufwärmen (das mit den vermehrten Schmerzen bei kalter Lösung habe ich auch nur gehört, aber noch nicht bestätigt bekommen) sondern auch weil man ihn dann dabei haben kann – das gilt dann auch für die kurzwirksamen Insuline.

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    2. Ohhhh…..
      Kaltes Insulin schmerzt nicht beim Injezieren. Das brennt kurz danach wie hölle!
      Ich kann davon ein Lied singen. Bzw konnte da ich seid kurzem endlich eine Pumpe habe. Seither endlich keine verzweifelten aufwärmversuche der Patrone mehr im Bh, unter Männes T-shirt ( verursacht Protestgeschrei) und unter die schlafende Katze schmuggeln, nur weil man vergessen hat das Insulin rechzeitig aus dem Kühlschrank zu holen.
      Lg Nell

      @Pharmama
      Es macht mich immer wieder fassungslos das es wirklich solche „Pottsäue“ gibt. Brr ich will nicht wissen wie so eine Nadel nach einem Jahr aussieht.

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      1. Hmmm, ich musste unlängst mal nach einer infektiösen Pankreatitis einige Wochen lang Lantus spritzen – und habe es die ganze Zeit im Kühlschrank aufbewahrt, Geschmerzt bzw. gebrannt hat es allerdings nie, weder während noch nach der Injektion.

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  3. Ich hatte aus dem Studium noch die Dosiergenauigkeit im Kopf. Kurzes Googlen ergab folgende Info: Aufgrund der Temperaturschwankungen kann es zu Blasenbildung und somit zu Fehlern bei der Dosierung kommen (s. z. B. hier: )

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  4. Mir hat man bei der Ersteinstellung im Krankenhaus noch gesagt, dass das Bolusinsulin, also damals humalog, einmal am Tag eine neue Kanüle erfordere, Lantus hingegen nur einmal die Woche. Schon in der Reha anschließend war dann klar, dass das Mumpitz war. Auf derselben Internistische Station brachte mir die Schwester vor jedem Essen das Insulin, welches im Stationskühlschrank (!) aufbewahrt wurde. Messen durfte ich auch nicht selbst, da kam auch die Schwester. Ich hatte echtes Theater mit Krankenhaus, Versicherung und Beihilfe, um noch im KH ein eigenes Messgerät zu bekommen, damit ich schon mal üben konnte für zu Hause. Das war nicht 1950 sondern 2002. Da war ich 37. Und reden wir mal nicht vom Hausarzt, der anhand meines Alters kurzerhand entschieden hat, mich mit der Anweisung, viel Obst, Vollkornbrot und Gemüse zu essen, und einer Packung Metformin nach Hause geschickt hat. Profis allesamt…

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  5. Ich (Apotheker) habe neulich mit einem Diabetiker geackert, weil sein Meßgerät (älteres Gerät, selbe Firma) nicht mehr wollte. Die Fehlermeldung sagte mir nichts, bei uns oder im Internet auch keine gefunden. Letzte Lösung nach 30min Arbeit: Firma anrufen. Der Mitarbeiter am Telefon sagte mir „Wir bearten keine Apotheken, der Kunde muß selbst anrufen.“ Ich fiel bald vom Stuhl, habe dem Herrn meine Meinung gegeigt und das auch sehr gute Gerät einer anderen Firma rausgegeben. Die Truppe ist bei mir untendurch, aber sowas von…!!!

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