Hier kommt die Zukunft. In der Schweiz mit den Apotheken

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Wer meinem Blog folgt weiss es wahrscheinlich: die Apotheker in der Schweiz „dürfen“ ziemlich viel. Wir haben viel Verantwortung und Kompetenzen. Vor allem, wenn man es mit den Aufgaben vergleicht, die die Apotheken in anderen Ländern haben. Deutschland zum Beispiel. Dort sind die Apotheken (leider) zu reinen Ausführungsorganen der Krankenkassen verkommen. Sie dürfen weder Vorbezüge machen, wo das Rezept später nachgereicht wird, noch irgendwelche rezeptpflichtigen Medikamente ohne Rezept abgeben – selbst im Notfall nicht. Sie dürfen die Patienten nicht offiziell „triagieren“, also abklären, ob etwas zum Arzt gehört oder nicht … das fällt dort faktisch unter Diagnose stellen, was rein dem Arzt erlaubt ist. Es gibt keine Dauerrezepte und keine Möglichkeit, ein Medikament auf Rezept zu wiederholen.

Das alles dürfen wir als Apotheker in der Schweiz. Aber wie sind wir hierhin gekommen?

Es war ein langer Weg. Und viele engagierte Apotheker (unter anderem im schweizerischen Apothekerverein) haben damit zu tun.

Als vor etwa 25 Jahren ein neues Gesundheitsgesetz verabschiedet wurde (war es das neue Krankenversicherungsgesetz?), da mussten die Apotheker erstaunt feststellen, dass sie darin mit keinem einzigen Wort erwähnt waren. Nicht ein-mal stand darin Apotheke oder Apotheker … dabei ging es durchgehend um das neue Gesundheitssystem.

Also fragten sie bei den Gesetzgebern (in Politik und bei der Krankenkasse) an was das liege. Die Antwort überraschte: „Ihr seid für uns nicht wichtig. Wir schauen auf die Kostentreiber im Gesundheitswesen. Und das sind die Ärzte im Spital und in den Praxen. Sie alleine verschreiben Medikamente und bestimmen Behandlungen. Ihr gebt nur die Medikamente ab, die die Ärzte verschreiben.“

Die wichtige Rolle der Apotheker in der medizinischen Grundversorgung wurde überhaupt nicht erkannt und auch nicht anerkannt. Für die Politiker war es egal, ob die Medikamente durch die Apotheke, die Post oder gar in normalen Läden abgegeben wurden.

Da wussten die Apotheker, dass sie um ihre Stellung im Gesundheitssystem würden kämpfen müssen.

Dabei (und ich kann das nicht genug betonen) sind Medikamente keine normalen Konsumgüter. Sie haben eine schlechte Schaden-Nutzen-Relation. Oder anders gesagt: bei falscher Anwendung können sie mehr schaden als nutzen. Ihre Anwendung braucht die Beurteilung durch eine Medizinalperson. Und wer ist die Fachperson für Wirkstoffe und Medikamente? Das ist der Apotheker. Der Arzt hat ein paar Vorlesungen darüber, aber wir haben das Jahrelang im Studium gelernt.

Das Ziel war dann klar: dem Gesetzgeber zu zeigen, was wir können … Und uns in zumindest nicht verbieten zu lassen, was wir können.

Deshalb dürfen wir auch heute noch Triagieren – wir nennen es nicht Diagnostizieren – das machen wirklich nur die Ärzte. Aber wir haben trotzdem mehr als nur gute Ahnung von den Krankheiten, welche mit den Wirkstoffen behandelt werden, wir kennen die „red Flags“, die Warnsignale, was zum Arzt gehört.

In der Schweiz dauert es mindestens 10 Jahre, bis ein Wechsel stattfindet. Die Situation heute brauchte schon einige Wechsel, aber es geht: Langsam aber stetig. Die Ausbildung wurde laufend angepasst – wir haben uns inzwischen schon viele Kompetenzen erworben, die es für diese (neue) Rollen im Gesundheitssystem braucht.

Die Apotheker werden aber jetzt mit dem neuen Heilmittelgesetz das demnächst kommt wirklich zum Leistungserbringer. Wie die Ärzte.

Niemand ist so gut ausgebildet einen Wirkstoff aufgrund dessen Eigenschaften auszuwählen wie der Apotheker. Deshalb kommt das mit dem neuen Heilmittelgesetz, dass in Zukunft bei bekannter Indikation auch rezeptpflichtiges vom Apotheker ausgewählt werden kann… und diese Leistung irgendwann übernommen wird von der Krankenkasse. Wir bekommen ganz neue Aufgaben wie das Impfen. Das alles wird im neuen Heilmittelgesetz das demnächst kommt festgehalten. Eine Konsequenz daraus ist, dass unsere Weiterbildung gesetzlich vorgeschrieben wird. Deshalb auch das Theater mit der neuen Berufsausübungsbewilligung, die ich (nach notabene 17 Jahren Arbeit und Erfahrung in der Apotheke) neu ausgestellt haben musste.

Egal. Ich denke, wir sind auf einem guten Weg. Für die Apotheken und auch für die Patienten und das Gesundheitssystem.

Die Patienten profitieren von dem niederschwelligen Zugang zum Gesundheitssystem den die Apotheken bieten (Man darf nicht vergessen: Es gibt immer weniger Hausärzte). Von unserem Wissen -nicht nur um Medikamente, sondern auch um Krankheiten. Wenn nötig schicken wir sie zum Arzt weiter, aber wenn nicht, sparen sie nicht nur Zeit, sondern auch Geld. Auch dadurch, dass wir Wiederholungen auf Rezept machen dürfen. Oder in Ausnahmefällen eine Packung abgeben. Sogar ohne vorliegendes Rezept.

Das System ändert sich stetig. Die Politik wird bestehende Strukturen nicht schützen. Das sieht man jetzt in Deutschland sehr gut. Unterstützung vom Staat (finanzielle) für die Apotheken gibt es keine: Apotheken müssen selbsttragend sein – was in Randgebieten zunehmend schwieriger wird. Die Apotheken werden weiterhin um eine ausreichende Abgeltung ihrer Leistungen (alte und neue) kämpfen müssen. Deshalb ist man vor über 10 Jahren von der Abgeltung via die Medikamentenpreise weggekommen (siehe LOA 2004).

PreisindexMedikamente

Die Krankenkassen werden weiterhin Orte zum sparen suchen – bei den Medikamentenpreisen sind wir nun bald an der Grenze des machbaren angekommen … und da sind die Apotheken ja nicht die Kostentreiber. Auch heute nicht. Aber wenn wir Aufgaben übernehmen, die die Ärzte vorher hatten – in Prävention und bei der Behandlung von chronischen Patienten – dann muss das auch entsprechend vergütet werden.

Es bleibt spannend.

(Wer mehr zur Situation der Apotheken in der Schweiz lesen möchte, schaue hier bei der Pharmasuisse: )

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8 comments on “Hier kommt die Zukunft. In der Schweiz mit den Apotheken

  1. Hui – sehr interessant. Vielleicht zieht Deutschland ja irgendwann mit. Ich habe aber eher das Gefühl, das den Apotheker/innen immer mehr Kompetenz abgesprochen wird 😑

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  2. Die deutschen Apotheken werden seit 25 Jahren seitens der Politik und der Krankenkassen demoniert.

    Die Krankenkassen sind getrieben von der Sparsucht, denn wo steigen die Ausgaben? Nabei den Arzneimitteln – ca. 24% des Gesamtbudgets seit Jahren! Und wo kann man bei den Arzneimitteln sparen? Bei dem, der sie verkauft – ca. 2% des Kassen-Gesamtbudgets! Das klappt ganz besonders gut, wenn man
    a) den Dienstleister immer zu mehr Aufgaben und damit Arbeitsleistung zwingt, während man sich von einem Gericht bestätigen läßt, dass dieses Mehr von vornherein schon mitbezahlt ist; und
    b) dem Dienstleister in 13 Jahren Dienstleistung ingesamt eine Budgeterhöhung von 3% zukommen läßt. Während die Inflation in selben Zeitraum zu ungefähr 42% Preissteigerungen vom Ausgangspunkt an gerechnet führte.

    Die Politik demontiert die Apotheken, in dem sie aktiv (Unterstützung ausländischer Versandapotheken) wie passiv (Verbreitung von Falschinformationen und Nichtkommentierung/Ignoranz von Falschinformationen) am Niedergang der deutschen niedergelassenen inhabergeführten Apotheken arbeitet. Erinnern wir uns: Das Startkapital für MocDorris kam zu einem großen Anteil aus der CDU-nahen Bertelsmann-Stiftung, die schon lange vorher dafür war, dass Großkonzerne am Arzneimitteleinzelhandel mitverdienen sollten… Erinnern wir uns auch: Die Gallionsfigur von MocDorris hat sich selbst „kreativer Zerstörer der deutschen Apothekenlandschaft“ tituliert – das Ziel war immer klar!

    Und die ABDA schauet stumm
    in dem großen Kreis herum.
    Nein! Einen Satz kann man sich gönnen:
    Es hätte schlimmer kömmen können!
    Drum baut man sich, in aller Ruh´,
    schnell nen Palazo Protz dazu.
    Denn wenn eh alle untergehn –
    man selbst erhaben, bitteschön!

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  3. T.Pinky sagt:

    Das wäre echt schön, wenn es das mal in Deutschland geben würde…

    Ich erinnere mich noch sehr genau an den beschissensten Moment den ich bisher im Zusammenhang mit dem Gesundheitssystem hatte.
    Offenes Ileostoma und kein Material. Zum Glück hatte eine Apotheke entsprechende Produkte vorrätig (was sicher selten ist, da zu 99% über Rabattverträge mit entsprechenden Lieferanten bezogen wird und es zudem Wochende war).
    Das Drama: Ohne Rezept keine Produkte (und die scheiße lief)… Also mein Mann wild in der fremden Gegend rum gefahren zu irgendeinem Arzt der gerade offen hatte um sich ein Rezept zu holen.
    Der Witz: Das müssen sie aber selber zahlen, weil sie haben ja einen Vertrag mit Firma X (die ich nicht mal hätte erreichen können, da Wochenende und außerdem im Urlaub).
    Mal ehrlich: Wer bitte schön kauft sich denn freiwillig Produkte für ein Ileostoma?

    PS: Was bin ich froh, das ich es nicht mehr habe! Und hoffentlich auch nie wieder eins bekommen werde!

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    • Das Problem in diesem Fall liegt noch ganz anders. Bei den allermeisten Krankenkassen ist es für den Leistungserbringer – also für die Apotheke, die mitmachen will – vertragliche Zwangsvoraussetzung für die Teilnahme an Stomaversorgung, einen 24-Stunden-Dienst mit ausgebildeten Krankenschwestern zu stellen. Will meinen, eine Apotheke müßte mindestens 4 Krankenschwestern einstellen, um ein Stoma-Rezept beliefern zu dürfen. Dies ist wirtschaftlich einfach nicht darstellbar. (Dass der Versender zwar 4 Krankenschwestern hat, die aber nicht spontan zum Patienten kommen können, weil die 500km entfernt sind, steht auf eiem ganz anderen Blatt.)

      Das geht aber noch viel weiter. Ich hatte mal ein Rezept eines Amputationspatienen für so eine Stoma-„Spachtelmasse“ (das hautfarbene Klebezeug, damit die Platte eine glatte Auflagefläche bekommt), der damit die Auflagefläche am Stumpf für die Prothese „glätten“ sollte gegen Scheuerstellen. Ein Rezeptwert von gesamt ca. 16€. Das ganze hatte nur 2 Probleme:

      1) Das Zeug ist ein „Hilfsmittel“. Hilfsmittel müssen gemäß Kassenvertrag zwingend eine Diagnose auf dem Rezept tragen, und die hat gefehlt. Ergo darf ich das Rezept nicht beliefern.
      2a) Mit Diagnose „Amputation“ widerspricht das aber dem Produkt -> keine Belieferung.
      2b) Die Diagnose „Stoma“ verbietet mir als Apotheke die Rezeptbelieferung, da ich (wie erwähnt) für 16€ Umsatz spontan keine 4 Krankenschwestern einstellen kann. Des weiteren würde der Arzt damit eine Lüge auf eine Urkunde schreiben, die ihm seitens der Krankenkasse (welche ja genau weiß, dass der Versicherte kein Stoma hat) schwer auf die Füße fallen kann…

      Aber ich darf auch in Notfällen bei den meisten Krankenkassen z.B. keinen Katheter zu 1,35€ abrechnen, da ich den fraglichen Verträgen nicht beitreten kann und/oder will. Einige Krankenkassen haben sowieso einen prinzipiellen „Lieferausschluss für Apotheken“ bei ausgesuchten Hilfsmittel-Gruppen; das ist dann immer SEHR erbaulich für alle Beteiligten. Besonders dann, wenn der ahnungslose Sachbearbeiter der fraglichen Krankenkasse seinem Versicherten telefonisch verkündet, dass das JEDE Apotheke sofort beliefert – weil er die hauseigenen Regeln und Prozedere nicht kennt…

      Bedanken darf man sich dafür bei dem „Spar-Wahnsinn“ der Krankenkassen, welche vom Deutschen Gesetzgeber darin gehegt, geflegt und gefördert werden. Dass dei Apotheken irgendwann keine Lust mehr haben, zum Wohle des Patienten und unter ernormen finanziellen und organisatorischen Belastungen über jede von den Kassen noch so hoch gelegte Latte zu springen, möge man ihnen bitte verzeihen. Auch wenn dies schwer fällt. (Alle meine Ergüsse gelten hierbei für Deutschland.)

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      • Pharmama sagt:

        Ich würde gerne sagen „das gibt’s ja nicht!“ Aber leider gibt’s das offenbar schon. Krankes Gesundheitssystem. Also sage ich lieber: „Das darf doch nicht wahr sein!“

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      • T.Pinky sagt:

        Versteh mich nicht falsch. Ich will garantiert keine Apotheke angreifen. Ich war im Gegenteil sehr froh das es überhaupt eine Möglichkeit gab an das Material heran zu kommen (sonst hätte ich mit offenem Bauch in die Notaufnahme fahren müssen).
        Ich kritisiere das System als solches.

        Ich finde diese ganzen Verträge einen absoluten beschiss! Es war bei mir wirklich ein Drama, weil der Mist nie halten wollte und ich mindestens das doppelte, wenn nicht oft sogar das dreifache an Material ge- bzw. verbraucht habe.
        Blöd nur, wenn man dann eben woanders ist oder eine Lieferung zu spät kommt. Dann wird es richtig, richtig unangenehm.

        Diese ganzen Pauschalen finde ich im übrigen auch im ärztlichen Bereich doch sehr bedenklich! Sparzwang ist ja schön und gut und es muss sicher auch darauf geachtet werden, dass keine unnötigen Kosten entstehen.
        ABER das die Versorgung in Deutschland massiv darunter leidet, finde ich sehr bedenklich und kritisch.

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    • Ach ja. Einige deutsche Krankenkassen haben vertraglich verpflichtend eine „Stoma-Pauschale“; also eine art Flatrate für den Patienten. Egal was, egal wieviel, mit z.B. 240€ pro Monat hat der Lieferant ALLES zu liefern, was zum Themenbereich „Stoma“ gehört – nicht wirklich viel für eine umfassende Versorgung. Auch hier ist es wirtschaftlich nicht machbar, wenn man nur 1 Patienten hat, der auch noch mehr als die 240€ braucht… Zumal bei so kleinen Einkaufsmengen die Apotheke auch noch Listenpreise beim Einkauf an die Herstellerfirmen zahlt. Andere Krankenkasse schreiben den Apotheken dann bei z.B einer Packung Stomabeuteln (Markenprodukt; 30St.) mit einem Einkaufs-Listen-Preis von 82,29€ (ohne 19% MwSt.) einen Verkaufspreis von 99,00€ (incl. 19%MwSt.) vor. Das macht dann einen Aufschlag von 0,90€ oder 1,1% für all den Trödel, den man damit hat. Ach ja, wenn dann der Hersteller wegen „Mindermengenbestellung“ noch Versandkosten 5,90€ oben drauf legt bei der Bestellung, hat man schon einen Gewinn von Minus6% generiert…

      Mit diesen Infos will ich nicht etwa die Stoma-Patienten ärgern, sondern einfach nur darstellen, wieso die Apotheken so ein Rezept mit der Kneifzange anfassen und dann dankend die Belieferung ablehnen oder gegen Barabrechnung anbieten.

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