Kann ich das noch nehmen?

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Oder: Beurteilung der Verwendbarkeit der Medikamente

Aus aktuellerem Anlass mal wieder. Letzte Woche hat mir jemand eine Packung Fragmin Fertigspritzen in die Apotheke gebracht und gefragt, ob sie die noch verwenden könne. Auf der Innenverpackung die sie mir gezeigt hat, war kein Verfalldatum (mehr?) ersichtlich, aber der Inhalt der (noch nicht angebrochenen) Spritzen war bräunlich – im Normalfall sind die farblos.

Aber die Frage wird noch gelegentlich gestellt: Kann ich das noch verwenden? Und häufig sind die Medikamente dann über das Verfalldatum. Mehr oder weniger lange.

Rechtlich gesehen muss ich in der Apotheke dazu raten, abgelaufene Medikamente nicht mehr zu verwenden. Nach dem Verfalldatum verlieren Arzneimittel teilweise oder vollständig ihre Wirkung. Sie können unter Umständen unerwünschte und gefährliche Zersetzungsprodukte enthalten. Bei unsachgemässer Lagerung und Manipulation können solche „Schäden“ auch vor dem Erreichen des Verfalldatums auftreten.

Für mich selber halte ich das allerdings so: Je wichtiger das Medikament, desto weniger lange über das Haltbarkeitsdatum heraus würde ich es anwenden. Wenn ich darauf vertrauen muss, dass das Medikament gut (ausreichend) wirkt, dann nehme ich lieber eines, wo ich sicher sein kann (und das Haltbarkeitsdatum noch nicht überschritten ist): bei Antibiotika, Allergiepens, Spritzen allgemein, Asthmainhalationsmitteln und derartigem.

Wenn ich nichts habe und auch nicht innert nützlicher Zeit daran komme  – zum Beispiel Kopfschmerzen in der afrikanischen Pampas mit lange nicht angeschauter Reiseapotheke- oder ein paar Jahre nach der Zombiinvasion, wenn es keine Apotheken mehr gibt, dann nehme ich allerdings auch noch 5 oder mehr Jahre abgelaufene Kopfschmerztabletten oder die Salbe gegen Allergien … aber schaue sie vorher gut an.

Grobe Qualitätsmängel sind unter anderem wie folgt erkennbar:

Dragées: Verfärbung, Risse

Tabletten: Verfärbung, Pulveranteile, Zerbröckeln

Pulver: Verfärbung, Verkleben

Salben, Suppositorien: Pilzbefall, ranziger Geruch, Wasseraustritt bei Emulsionen

Tinkturen, Sirupe: Schwebestoffe, Bodensätze, Verfärbungen

Suspensionen: nicht aufschüttelbarer Bodensatz

Injektionslösungen: Schwebestoffe, Kristalle, Verfärbung

Infusionslösungen: Schwebestoffe, Kristalle, Verfärbung, Trübung bei Mischungen (tritt evtl. erst nach Stunden auf !)

Sterile Lösungen: Merke: Eine einmal geöffnete sterile Lösung ist nicht mehr steril!

Augentropfen (auch konservierte oder welche mit Antibiotika) sollen im Normalfall nach dem Öffnen nach 30 Tagen nicht mehr verwendet werden. Auch ungeöffnet wäre ich bei diesen nach dem Verfallsdatum sehr vorsichtig: Du hast nur 2 Augen.

Wenn nichts davon zutrifft, dann nehme ich das … aber ich schaue, dass ich später doch an „frisches“ Material komme, denn alles was in einem Medikament beim Lagern bei verschiedenen Temperaturen passieren kann sieht man dann doch nicht.

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18 comments on “Kann ich das noch nehmen?

  1. Aponette sagt:

    Gute Zusammenfassung, ich würde noch Geruch hinzunehmen, z.B. bei Aspirin. Ich liebe diese Frage in der Apotheke, was bitte schön soll ich denn antworten? Ich darf nichts anderes sagen, als: Verfalldatum gilt, alles was sie danach machen, ist ihr eigenes Risiko.
    Ach und Augentropfen tät ich nie nach Ablauf verwenden, ich habe nur zwei davon und die sind schon nicht in dem besten Zustand geliefert worden (Augen meine ich, natürlich).

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  2. samybee sagt:

    Ich habe meiner Tochter schon mal abgelaufene Cortisonzäpfchen wegen Pseudokrupp gegeben. Sie hatte halt ewig keinen mehr und ich habe vergessen, das Verfallsdatum nachzuprüfen. Aber ich habe vorher eine gründliche Prüfung wie von Dir beschrieben gemacht. Ich wusste, dass sie kühl und dunkel gelegen hatten, die Folienverpackung war noch dicht, Farbe, Geruch, Aussehen unverändert… Mit einem um Luft ringendem Kind war es für mich als Mutter keine Frage, dass ich sie benutze. Aber wenn sich schon die Farbe verändert hat… Was erwarten die Leute denn von Euch?

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  3. Shark sagt:

    Was ist denn, wenn z.B. die Aspirintablette nach Essig riecht? Ist die dann nicht mehr wirksam?

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    • Delilah sagt:

      wenn Aspirin nach Essig riecht, hat sich der Wirkstoff Acetyl-Salicylsäure vermutlich gespalten, die Acetyl-Gruppe ist zur Essigsäure geworden und die Salicylsäure entweder noch als solche erhalten oder Salicylat (?) geworden.

      Salicylsäure wirkt prinzipiell auch gegen Schmerzen (aber nicht so dolle), ist aber deutlich magenschädlicher…

      Also lieber neu kaufen. Zudem ist an diesem Zersetzungsprozess auch gerne Wasser beteiligt…und sobald etwas feucht geworden ist, musst du mit Verkeimung/Pilzbefall rechnen.

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  4. OtaconHC sagt:

    Was ist wenn das Medikament mit mir spricht, und mir glaubhaft versichert dass es noch eingenommen werden kann?

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  5. Sylana sagt:

    Na, ich denk, das ist wie mit Allem: Gesunden Menschenverstand einschalten! Auch als Nichtapotheker.

    Wenn auf der Kopfschmerzpille 10/2016 steht, wird am 1. November 2016 noch alles im grünen Bereich sein. Wahrscheinlich auch am 1. Dezember, denn ein Sicherheitsspielraum ist garantiert eingeplant. Ein Jahr später sieht die Sache dann schon anders aus.
    Also als Mensch, der für seine eigne Person entscheidet, nehme ich die Tablette am 1.November 2016 noch.

    Der Punkt ist doch: Als Apotheker kann man dazu nicht anders antworten. Weil man diese Entscheidung ja nicht für sich selber trifft.
    Wenn irgendwelche Veränderungen am Medikament ersichtlich sind, hat sich die Frage sowieso erübrigt.
    Die zweite Frage für mich ist dann: Glauben Euch die Leute, das das betreffende Medikament nicht mehr benutzbar ist?
    Ich frag das jetzt, weil ich in Bezug auf Medikamente bei meinen Großeltern schon mehrere merkwürdige Episoden erlebt habe. („Das Medikament isst doch fürn Blutdruck, das können wir doch beide nehmen.“ Tscha, doof nur, das einer von beiden gegen zu niedrigen Blutdruck behandelt wurde, der andere gegen Hohen, und die beide dann das Valsartan geschluckt haben. )
    Vor meinem geistigen Auge sehe ich jetzt verschiedenerlei Arten von Kopfschütteln.
    Liebe Grüße
    SYlana

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    • McCloud sagt:

      Normalerweise kann man ein drei Jahre haltbares Medikament noch nach 3 Jahren und einem Monat nehmen.

      Zu „ein Sichereitsspielraum ist garantiert eingeplant“.
      Geh davon aus, dass die industrielle pharmazeutische Entwicklung grob so funktioniert: Man zieht Stabilitätsdaten über den Zeitraum, den man bei der Zulassung beantragen möchte bzw. der gesetzlich vorgeschrieben ist. Weitere Daten zieht man schon mal aus dem Grund nicht, weil dabei herauskommen könnte, dass das Produkt nicht so stabil ist, wie man das gerne hätte. Da auch diese Daten pflichtweise archiviert werden müssen und man diese nicht einfach unter den Tisch fallen lassen kann, werden derartige Daten gar nicht mal erhoben. Wenn es blöd läuft, will die Zulassungsbehörde nämlich auch diese Daten sehen. An sowas kann eine Zulassung scheitern. Was man nicht weiß, ergibt keine Probleme.

      Und wenn bei einem flüssigen Arzneimittel in der Packungsbeilage steht, dass man es nicht über 25 °C lagern soll, kannst Du grob davon ausgehen, dass die Einlagerung bei 30 °C eine Instabilität aufgezeigt hat.

      Einem Laien würde ich anraten, bei einem Medikament das Verfallsdatum zu beachten – ähnlich wie man das Verfallsdatum bei Hackfleisch beachten sollte.

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  6. Klaus Throphobie sagt:

    Der Nachsatz zum Thema steril kommt mir etwas knapp vor.

    Steril heißt ja nicht absolut keimfrei sondern praktisch keimfrei. Nach Ablauf des Verfallsdatums kann auch das nicht mehr gegeben sein. Unabhängig davon ob die Packung geöffnet wurde oder nicht.

    Bitte um Aufklärung wenn ich falsch liegen sollte. 😉

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  7. Ich bin mir auch immer unsicher, ob so ein Medikament noch brauchbar ist. Bei Antibiotika lasse ich die Finger davon.
    Richtig schlimm finde ich aber, dass Rheuma-Patienten auch nicht angebrochene Rheuma-Medikamente, also Chemotherapeutika, richtig giftig also und kostet ein Heidengeld, wenn sie die nicht mehr brauchen wegen einer Umstellung ihrer Therapie, einfach so in den Hausmüll geben müssen! Das geht mir unheimlich gegen den Strich!
    Da seh ich das Gift schon auf der Hausmülldeponie, vor allem den alten ohne entsprechende Deponiewasserabfuhr und -kontrolle, in den Boden und in unser Grundwasser sickern. Die Hersteller müssten dazu verpflichtet werden, solche Stoffe zurückzunehmen und wiederzuverwerten!

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  8. McCloud sagt:

    Deine Sorgen bzgl. der Umwelt kann ich Dir als Apotheker nehmen:
    In Deutschland wird der Restmüll mittlerweile ausschließlich thermisch wiederverwertet. Sprich: Er wird verbrannt und die dabei entstehende Wärme wird zum Heizen via Fernwärme oder zum Betrieb von Wärmekraftwerken verwendet.
    Beim Verbrennungsprozess entsteht bei einem Arzneimittel auch beim giftigsten Chemotherapeutikum nichts mehr, was der Umwelt schaden kann. Wir reden hier nur noch von Asche auf der Basis von Kohlenstoff.

    Daher gilt in Deutschland, dass abgelaufene Arzneimittel generell dem Hausmüll zugeführt werden sollen. Ich nehme an, dass das in der Schweiz ähnlich ist.

    Die Ablagerung in Mülldeponien war vor etwa 20 Jahren noch so wie von Dir beschrieben üblich. Heutzutage wird der Müll aber nicht mehr einfach vergraben.

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  9. Ilona sagt:

    Wie ist es eigentlich mit der Lagerung von Medikamenten? Ich bewahr sie (solange sie nicht ausgewiesenermaßen kühlschrankpfichtig sind) im Wohnzimmer auf – aber da kann es im Sommer locker die 30 Grad C Marke knacken (Dachgeschoss halt).. Geht mir da sowas wie Venlafaxin, Apriprazol und Lithiumsalze kaputt? o.o

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    • Pharmama sagt:

      Hallo Ilona – das Verfalldatum kann in so einem Fall dann schon nicht mehr stimmen, aber wenn Du nicht gerade einen Jahresvorrat aufbewahrst, sondern die welche Du hast innert nützlicher Frist aufbrauchst, dann dürfte das kein grosses Problem sein.

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  10. Yilmaz sagt:

    Was kann eigentlich passieren, wenn die Haltbarkeit überschritten wird? Wirkt es nur nicht mehr, oder kann es auch negative Erscheinungen mit sich bringen und somit wirklich schlimm sein, also krank machen?

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    • Pharmama sagt:

      Das hängt davon ab, was für ein Wirkstoff und wie schnell / in was er sich umwandelt.
      Bei manchen Stoffen passiert nichts bis gar nichts: Kochsalz oder auch Zucker geht nicht wirklich kaputt (vor allem, wenn es nicht feucht wird). Homöopathische Mittel kann man also noch lange nach Ablaufdatum nehmen.
      Bei anderen Wirkstoffen kann es aber sein, dass es nicht mehr wirkt oder nicht mehr genügend wirkt. Es kann sein, dass es sich in einen schädlichen Stoff umwandelt, dann könnte es wirklich krank machen. Letzteres kommt zwar nicht sehr häufig vor, aber es gibt Antibiotika, die sich in toxische Stoffe umwandeln. Solange man das nicht sicher weiss würde ich auf Nummer sicher gehen.

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