indirekte Ferndiagnose

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Frau, so um die 70 in der Apotheke: „Ich brauche eine Salbe gegen Fieberblasen.“

Pharmama: „Ist es für Sie selber?“

Frau: „Nein, für die Nachbarin. Ihre Tochter ist momentan in den Ferien, deshalb schaue ich für sie.“

So Besorgungsaufträge in der Apotheke sind manchmal nicht ganz so einfach, wie sie scheinen, vor allem für uns, da wir so oft nur schlecht nachprüfen können, ob das das richtige ist – aber ich bringe ihr mal ein Aviral.

Frau: „Ist das auch für wenn die Fieberbläschen nicht auf den Lippen sind?“

Pharmama: „Wo sind sie denn?“

Ältere Frau: „Daneben“ – sie deutet Richtung Wange.

Ich lege die Aviral auf die Seite, Für mich ist das jetzt der Punkt wirklich genau nachzufragen. „Wo hat sie das? Zwischen Lippe und Nase?“ (Manchmal kommt es vor, dass sie sich ausbreiten, aber im Normalfall hat man das an den Lippen)

Frau: „Nein, mehr nebendran.“ Sie deutet auf die linke Backe. „Sie ist sich auch nicht sicher, ob es Fieberblasen sind.“

Pharmama: „Sie hatte schon einmal Fieberblasen?“

Frau: „Ja, aber nicht da.“

Pharmama: „Wann ist das jetzt aufgetreten?“

Frau: „Heute. Die Wange ist jetzt einfach rot. Sie meint es fühlt sich an wie bei Fieberblase, deshalb hat sie mich geschickt ihr etwas zu besorgen.“

(Die Frau ist gut informiert – schön!)

Pharmama: „Hmmmm. Wie alt ist ihre Nachbarin?“

Frau: „99.“

  • Neunundneunzig?!

Ich lege die Salbe ganz weg.

Pharmama: „Ich habe den Verdacht, dass das nicht Fieberblasen sind, sondern etwas anderes – und wenn es das ist, was ich denke, dann muss ein Arzt das anschauen und etwas verschreiben und zwar schnell.“

Frau: „Was denken sie, was es ist?“

Pharmama: „Es ist schwierig so Ferndiagnosen zu stellen, aber ich denke sie hat eine Gürtelrose – die kann man auch im Gesicht bekommen …“

Die Nachbarin nickt wissend: „Das kenne ich, ja dann schaue ich, dass sich das ein Arzt bald ansieht.“

Pharmama: „Sehr bald – ansonsten kann das …“

Frau: „Ich weiss, lange Schmerzen machen. Meine Kollegin hatte das.“

Also schicke ich die Nachbarin ohne etwas wieder zurück, mit der Aufgabe, das innerhalb eines Tages vom Arzt ansehen zu lassen.

Und bekomme am nächsten Morgen ein Rezept für Valacyclovir Tabletten 500mg 2-2-2 60 Stück und Imazol Cremepaste.

Die Nachbarin reicht mir das Rezept, sagt: „Es war Gesichtsrose, sie hatten recht. Gestern abend hat sie noch Ohrenschmerzen dazu bekommen, so dass sie gleich heute morgen den Arzt kommen liess.“

Treffer.

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12 comments on “indirekte Ferndiagnose

  1. Isabell K. sagt:

    Ich bekomme die Fieberbläschen, also Herpes, bei oder nach einer Erkältung oft unter oder sogar in der Nase. Sehr unangenehm und sehr schmerzhaft beim schneuzen.
    Gürtelrose hatte ich bisher, toi toi toi, noch nicht, habe das aber bei meinem ex-Freund mitbekommen. Das war sehr unangenehm. Im Gesicht sicher noch schlimmer..

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  2. Hermione sagt:

    Bei ner Internetapotheke wär das nicht so gut gelaufen. ❤

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    • alita80 sagt:

      Bei einer deutschen Apotheke auch nicht 😦

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      • Aponette sagt:

        Hier, deutsche Apothekerin in deutscher Apotheke kann da nur widersprechen. Ich hatte eine Kundin, die mit selbst diagnostizierter Sonnanallergie vor mir stand, ich hab sie zum Arzt geschickt mit Verdacht auf Gürtelrose und ich hatte recht….
        Sie denkt heute noch dran, wenn ich sie bediene, und ist dankbar.
        Aber ich liebe es auch nicht, wenn ich über einen Dritten etwas abgeben soll. Meine Freundin hat husten, mein Mann hat Halsweh usw. Wie soll man da gut beraten?!

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        • In die Glaskugel schauen, den Kaffeesatz durchlesen, die Muster in den verbrauchten Teeblättern erkennen (vorzugsweise noch im Teebeutel), die aktuellen Wolkenformen berücksichtigen (vorzugsweise die aus dem Kühlturm des nahegelegenen AKW), die Mittelsperson einen Fisch betreffend der Eingeweide mitbringen lassen (dies hat den Vorteil, dass man sich anschließend rausreden kann, dass die Vorhersage nicht mehr ganz frisch war), usw. usw. Immer kreativ sein! 😉

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  3. samybee sagt:

    Immerhin… „Sie hatten Recht!“ Das Eingeständnis kommt bestimmt nicht immer, oder?

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  4. Apomi sagt:

    aha, sehr kompetentes Apothekenbashing ….

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  5. Delilah sagt:

    Und genau deshalb sind Apotheker wichtig!
    Ich hatte dasneulich im Notdienst…einmal die normale Palette Erkältungsmedis für den Ehemann und dann noch ein Wärmekissen gegen seine Nackenschmerzen…war mir nicht geheuer, nach ein paar weiteren Fragen habe ich sie zum Notfall geschickt (Verdacht auf beginnende Hirnhautentzündung). 2 Stunden später stand sie auch vor mir mit Rezept für 800er Aciclovir.

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  6. Andi sagt:

    Differentialdiagnostisch kommt auch noch eine Wundrose / Erysipel in Frage.

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  7. Kontra. sagt:

    (Medizinische Volllain fragt:) Was hat denn das Alter mit der Gürtel-/Gesichtsrose zu tun? Kann man die nicht in jedem Alter bekommen?

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    • rayne sagt:

      Per se ja, man kann Gürtelrose in jedem Alter bekommen. Aber der Erkrankungsgipfel liegt zwischen dem 60. und 70. Lebensjahr. D.h. bei älteren Patienten liegt die Gürtelrose weiter vorne bei den Differentialdiagnosen beim Symptom Ausschlag oder Bläschen während bei jüngeren Patienten die Gürtelrose eher weiter hinten liegt.

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