Buchhaltung

Eine gutaussehende Frau um die 50 mit blauen Haaren (ihr kennt das: gefärbt, um eventuellen Gelbstich in den sonst weissen Haaren zu verbergen) kommt zur Theke. Sie hat deutlich eine bakterielle Augenentzündung und sie braucht ganz klar mehr als die freiverkäuflichen Augentropfen, die wir ihr bieten können.

Sie fängt an mit mir zu diskutieren, dass sie genau dasselbe will, was sie 1994 gehabt hat – was ohne Rezept erhältlich war. Was auch immer das war (damals habe ich noch nicht praktiziert): die letzten frei verkäuflichen antibiotischen Augentropfen wurden vor Jahren ausser Handel genommen.

Ich sage ihr, es gibt nichts, was ich ihr geben könnte und dass sie SOFORT zum Arzt geht für antibiotische Augentropfen. (Ich will, dass der sich ihre Augen anschaut, genau.)

Während unserer Unterhaltung bekommt sie irgendwie die Idee, dass ich ihr erzähle, sie brauche ein Antibiotikum zum einnehmen.

Ich korrigiere sie: Nein, sie braucht etwas für in die Augen. Es gibt Augentropfen, die muss aber der Arzt ihr verschreiben.

Sie fragt mich, ob die Tropfen ihr Magenprobleme machen werden und noch einmal – sie denkt, ich empfehle ihr Tropfen zum einnehmen. Das habe ich nicht. Endlich versteht sie und geht.

Am nächsten Tag arbeite ich am Mittag und die Pharmaassistentin erzählt mir von einer Frau mit blauen Haaren, die am Morgen hier war mit einem Rezept für Maxitrol Augensalbe und dass sie aufgebracht war, weil ich zu ihr gesagt habe, sie müsse zum Arzt wegen „Tropfen“ für die Augen und nicht Salbe und sie frage sich, ob ich ihr die richtige Info gegeben habe. Meine Apothekerin-Kollegin hat ihr dann versichert, dass die Salbe grad so gut sei wie Tropfen und dass das beides richtig sei.

Ich denke, damit ist das vorbei …

Aber …

Später am Tag sehe ich, wie sie wieder in die Apotheke kommt und direkt auf mich zusteuert. Dieses Mal hat sie verschiedene Mäppchen in ihren Händen

… Ich hätte flüchten sollen. Aber ich blieb freundlich lächelnd wo ich war. Am Ende wäre sie sowieso wieder bei mir gelandet.

Sie öffnet die Mäppchen auf der Theke und nimmt ihre handgeschriebenen Notizen heraus … über ihre Augenprobleme von 1994!

Nein, ich scherze nicht.

Sie erzählt mir von 8 verschiedenen Medikamenten, die sie wegen ihren Augen 1994 genommen hat – und wie jedes davon ihr irgendeine Nebenwirkung oder sonst ein Problem gemacht hat. Sie war dann bei 3 verschiedenen Ärzten und am Schluss hat ihr ein Hautarzt gesagt, dass sie Rosacea im Auge habe.

Und jetzt fängt sie an, mich über die Augensalbe auszufragen und was für Nebenwirkungen sie davon bekommen wird. Ich berate sie, so gut ich kann, aber … es gibt einige Leute, die einfach … wie soll ich sagen … empfindlich auf so ziemlich alles sind oder zumindest denken, dass jedes Medikament ein Problem verursachen wird. Ich sage ihr, dass aufgrund ihrer Erfahrungen in der Vergangenheit, es gut möglich ist, dass sie Nebenwirkungen haben könnte, dass es aber nicht wirklich möglich ist, da eine Voraussage zu machen – und dass ich denke, dass der Arzt mit der Augensalbe die bestmögliche Medikation für ihr Problem herausgesucht hat.

Sie geht schliesslich, aber ich habe das Gefühl, dass da detaillierte Notizen zum Mäppchen 2014 dazu kommen. Welche mit meinem Namen drin.



14 Antworten auf „Buchhaltung

  1. Oh, ich kann dir versichern, es gibt noch mehr Menschen, die sich nahezu jede Kleinigkeit notieren und auch Jahrzehnte später noch mit Bestimmtheit aus diesen Unterlagen ersehen können, ob sie von dir eine Weihnachtskarte erhalten haben oder nicht. Meine Schwiegermutter zum Beispiel.

    Gefällt mir

  2. meine Großeltern gehören auch zu der Sorte, die alles notieren… alles…
    Die haben ganze Bücher über Ausgaben, Arztbesuche, Arztkosten, Medikamente, Nebenwirkungen… Wetter, Essen usw…

    Gefällt mir

  3. Falls die Frau tatsächlich Augenrosazea hat, verstehe ich ihre Notizen und ihr Verhalten. Konventionelle Augenärzte können da nicht wirklich helfen, gerade bei der Demodex Rosazea.
    Ich habe die zum Glück nur im Gesicht und weiss nach langen Jahren von Fehlbehandlungen endlich was hilft und was schadet.

    Gefällt mir

    1. Ja, Rosazea ist mistig – allerdings wird der Augenarzt mit der Info etwas anzufangen wissen, wenn sie es ihm sagt. So wie’s aussieht, war es wirklich „einfach“ eine bakterielle Bindehautentzündung.

      Gefällt mir

  4. Bei störenden Nebenwirkungen habe ich auch angefangen Notizen zu machen, um diese zukünftig zu vermeiden. So habe ich beispielsweise entdeckt, dass ich ein Lokalanästetikum nicht gut vertrage. Oder dass beim einen Medikament mit sehr enger therapeutischer Breite, ein signifikanter Zusammenhang mit der (Fett)Essensmenge besteht. Obwohl in den Fach und Patienteninfos nichts davon steht.
    Ich finde dies zusammen mit der offiziellen Liste von Stoffen mit Wechselwirkungen für mich sehr hilfreich.

    Gefällt mir

    1. Es macht einen gewissen Sinn …allerdings kann man es auch übertreiben. Zumindest die Allergien sollte man sich merken.
      Lea: Wenn in der Fachinformation nichts steht, Du aber (deutlich) etwas merkst bei dem Medikament zusammen mit dem Essen … dann wäre es im Rahmen der Pharmakovigilanz gut, das zu melden. Geht bei uns in jeder Apotheke – wir füllen zusammen mit dem Patienten einen Fragebogen aus uns geben derartiges dann an die Swissmedic weiter. Die nehmen das dort auch nicht nur einfach zur Kenntnis, die machen auch etwas damit – also: für die anderen, die das nehmen (auch in Zukunft) wäre das gut, wenn die Info weitergeht.

      Gefällt mir

      1. Ich habe es vor mehreren Jahren meiner Ärztin mitgeteilt, die sich zuvor sehr gewundert hat (compliance), dass der plasmaspiegel bei mir stark schwankte. Seit dem ich zu den Tabletten etwas esse und auf Übertreibungen (Metzgete) vor Kontrollen verzichte, bin ich stabil.
        In den Patienten und Fachinformationen steht jetzt überigens, dass die Tabletten nicht zum essen genommen werden sollten. Vielleicht sollte ich mal nachfragen, zumal ich jetzt genug schwer bin, um auf Zwischenmalzeiten zu verzichten.

        Gefällt mir

This site uses Akismet to reduce spam. .