Komplizierte Patienten

Vorausschickend – die meisten Patienten sind nicht kompliziert als Persönlichkeit, sondern wegen den Beschwerden, die sie haben … also: die zu behandelnde Krankheit kann nicht so einfach behandelt werden (da keine Medikamente, oder nur solche mit unangenehmen Nebenwirkungen oder Wechselwirkungen …). Das sind an sich schon genug Probleme, aber dann gibt es noch die Patienten (und Leute sonst), die offenbar (unbewusst?) darauf aus sind, es sich noch etwas schwieriger zu machen.

Die Patientin, Frau Payn, schon im fortgeschrittenen Alter von etwas über 80, hat auf Anraten des Arztes das Voltaren, das sie schon lange gegen ihre Gelenkschmerzen nimmt abgesetzt. Hauptsächlich weil es offenbar ihr Asthma fördert. Es könnte natürlich auch sein, dass sie im Moment mehr pumpen muss wegen ihrer akuten Erkältung – aber das will sie gar nicht hören.

Nun gut.

Wenn sie mir nur nicht praktisch täglich halbstundenlang (!) anrufen würde um sich zu beklagen. Letzte Woche vor allem weil sie Mühe hat zu atmen: „Woher kommt das denn?“

Pharmama: „Nun, ich würde ja sagen von ihrem Astma und die Erkältung macht das sicher auch nicht besser.“

Diese Woche: weil sie mehr Schmerzen hat in den Gelenken.

Überraschung.

Frau Payn (jammernd): „Weshalb kommt das jetzt mehr?“

Pharmama: „Weil Sie das Voltaren nicht mehr nehmen.“

Frau Payn. „Ah, ja. Und kann ich da nichts machen sonst?“

Pharmama: „Sie könnten mit dem Arzt einen Ersatz suchen.“

Frau Payn: „Der Arzt hat gemeint, ich soll Sie fragen.“

Pharmama: „Wir können noch ein anderes Schmerzmittel versuchen. Paracetamol nehmen Sie ja schon, Ibuprofen geht nicht wegen den Magenproblemen, die ihnen das gemacht hat, Tramadol geht nicht, weil es ihnen da schwindelig geworden ist … Novalgin nicht, weil Sie da schon einmal mit Hautproblemen reagiert haben … „

(Ja, wir haben bei ihr im Computer schon einen halben Roman an Dingen, die aus dem einen oder anderen Grund nicht gehen).

„Wir können es aber noch mit Celebrex versuchen. Das ist zwar auch nicht ideal, aber wir können es versuchen. Möchten Sie das?“

Frau Payn: „Ja.“

Ich organisiere ein Rezept vom Arzt, der damit einverstanden ist. Einen besseren Vorschlag hat er auch nicht. Das Medikament wird ihr gebracht. Sie hat ja so Gelenkschmerzen, dass sie nicht aus dem Haus kommt …

Am nächsten Morgen bekomme ich wieder ein Telefon.

Frau Payn: „Sie haben mir ja gestern das Celebrex vorbeigebracht …“

Pharmama (übles ahnend): „Ja .– und?“

Frau Payn: „Sie müssen denken, ich bin blöd, aber … ich habe es nicht genommen.“

Pharmama: „Und wieso nicht?“

Frau Payn: „Das Medikament ist von Pfizer. Ich hatte schon einmal etwas von Pfizer und nicht vertragen….“

Grmpf.

Pharmama: „Aber Sie wissen, dass Pfizer nur die Firma ist und sehr unterschiedliche Sachen herstellt? Nur weil Sie einmal auf ein Produkt von Pfizer reagiert haben, heisst das noch lange nicht, dass Sie auf das auch reagieren. Das hat einen ganz anderen Wirkstoff drin. Das hat wahrscheinlich auch ganz andere Hilfsstoffe drin, auf das was Sie schon hatten – und … ich erinnere mich, dass Sie auch schon Medikamente hatten von Pfizer, die Sie vertragen haben …“

Frau Payn: „Hmmm … aber wissen Sie, dann habe ich die Packungsbeilage gelesen …“

(Ooooh Goooott)

„… und die Nebenwirkungen, die da drin stehen, die haben mich so abgeschreckt …“

Pharmama: „Haben Sie schon mal die Nebenwirkungen beim Voltaren gelesen?“

Frau Payn: „Nein?“

Pharmama: „Oder bei dem Antibiotikum, das Sie im Moment nehmen?“

Frau Payn: „Nein …“

Pharmama: „Machen Sie’s nicht.“

(Im Normalfall bin ich nicht so direkt – aber sie braucht das. Die Info kommt sonst einfach nicht an. Im übrigen ist sie so ein Fall, dass sie jede erdenkliche Nebenwirkung, die sie gelesen hat, wahrscheinlich auch noch bekommt. Einfach darum.).

Pharmama: „Die Firmen schreiben da jeglich erdenkliche Nebenwirkungen rein . Teils auch solche, die nur in einer von 1 Mio vorkommt. Das machen sie um sich abzusichern. Das heisst nicht, dass Sie das auch bekommen.“

Frau Payn: „Ja – okay. Trotzdem. Im Moment sind mir die Schmerzen lieber, als dass ich möglicherweise das bekomme, was da drin steht.“

Pharmama: „Nun – es sind Ihre Schmerzen und es ist auch Ihre Entscheidung ob sie das nehmen oder nicht.

Sie rufen mir an, wenn sich etwas ändert, das ich wissen muss, ja?“

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15 Antworten auf „Komplizierte Patienten

  1. Oh je… ich glaube, dass hat auch viel mit dem Alter zu tun. Ähnliches kenne ich von meiner Mutter. Eigentlich immer ein kluger, einsichtiger Mensch gewesen. Jetzt kann ich mir den Mund fusselig reden, sie soll doch bitte ihr Medikament nehmen (nur mal probieren!), aber sie will nicht, weil da Kortison drin ist. Das ist böse. (Und ja klar, sie hat das in den 70ern bekommen und sie hat sehr früh ein Gebiss gehabt, was ich mal denke, eine Nebenwirkung von dem Hammerzeug damals war.) Da kann ich noch so was erzählen, das das heute anders eingesetzt wird. Es ist so drin, es kommt nicht an.

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  2. Hoffentlich liest sie jetzt nicht doch die Packungsbeilage von den anderen Medikamenten… Weil dann geht sicher nichts mehr….

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  3. Die Frau sollte froh sein, dass sie grundsätzlich Voltaren verträgt. Meine Mutter hat davon Ausschlag bekommen. Und ist jetzt auch so gut wie durch sämtliche gängigen Schmerzmittel durch. Nur ruft sie nicht in der Apotheke an. (Sondern mich. Aber ich bin auch dafür da.)

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  4. Nun ja…. dann sind ihre Schmerzen nicht schlimm genug. Mir wird von meinem Schmerzmittel k…übel, ich bekomm Pickel, ich bin antriebslos, müde, dabei schlaflos…. aber die Schmerzen sind so heftig, dass ich das in Kauf nehmen muss. Leider gibt es nicht immer ein Mittel, das keine Nebenwirkungen hat: Dann muss man halt abwägen. Natürlich hab ich Arzt und Apotheker gefragt, ob man da was machen kann…. Ich muss das aber nicht ständig und ausdauernd fragen…

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  5. Erinnert mich an den alten (älterer trifft es nicht mehr ^^) Mann, der beim letzten Werkstattbesuch vor mir stand. Mehrmals hat der Mitarbeiter ihm erklärt, dass das Teil, das sie brauchen, erst Anfang nächster Woche kommt, sie ihn anrufen, und der Rest auch dann erst erledigt wird, weil es ihn so weniger kostet. An verschiedenen Stellen hat der alte Mann ihn unterbrochen, eine Frage gestellt, die zeigte, dass er das vorangegangene nicht verstanden hat und der Mitarbeiter hat von vorne angefangen. Und nein, es war keine Sprachbarriere, denn gesprochen hat der Mann sehr gut. Reichlich laut hat der Mitarbeiter auch gesprochen, immerhin konnte ich es im Wartebereich einwandfrei verstehen. Es war das pure Alter, das das verursacht hat. Und alles was ich ganz entsetzt denken konnte war: Der darf/kann noch Auto fahren?

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  6. Meine Mutter war ähnlich. Die hat zwar nicht in er Aptheke angerufen, aber die Mittel einfach nicht genommen, und sich dann beklagt, dass es ihr weiterhin schelcht geht. Erst wenn man direkt gefragt hat, hiess es dann „Nein, das nehme ich nicht“ oder „ich habe eine tabeltte genommen, es hat nicht gewirkt und dann habe ich es gelassen.“

    Ich würde auch sagen, so etwas kommt bei älteren Leuten öfter mal vor, nur dass Frau Payn eben sie als Ansprechpartner auerkoren hat, und anruft.

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  7. Sorry, wenn das hier nicht gefällt:

    a) Apotheken haben keine Patienten (weder komplizierte noch unkomplizierte) sondern Kunden. Und davon leben sie. Das gilt nicht nur für Apotheken sondern auch für die Hersteller von Medikamenten aller Art.

    b) Es ist immer sehr einfach, über ältere Menschen und deren Eigenarten sich „lustig“ zu machen (bzw. diese impliziert schon fast für unzurechnungsfähig zu erklären) – aber wenig (bis gar nicht) konstruktiv, hilfreich, etc,

    c) Zitate

    a. „Die Firmen schreiben da jeglich erdenkliche Nebenwirkungen rein“
    i. Nein nicht „jede erdenkliche“, die beschreiben nur solche die schon mal aufgetreten sind

    b. „Teils auch solche, die nur in einer von 1 Mio vorkommt“
    i. Ja, und warum schreiben „die Firmen“ das dann nicht dazu?

    c. Das machen sie um sich abzusichern.
    i. Aha! Absichern vor was? Vor feindlichen Übernahmen???

    d. „Das heisst nicht, dass Sie das auch bekommen“
    i. Genau! Keine Kausalität im Einzelfall. Allerdings heißt es auch nicht, dass „Sie es nicht bekommen“!

    Und das es individuelle Unverträglichkeiten gibt ist schon seid längerem nicht mehr nur eine Hypothese, auch wenn es weiter erforscht wird.

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    1. Ich finde den Kommentar ja etwas trollig (ja, liebe Korrekturfunktion, auch trottlig, aber das wollte ich jetzt nicht schreiben), will aber trotzdem auf ein paar Punkte eingehen.

      a) Der Apotheker untersteht dem „Gesetz über Medizinalpersonen“ (siehe auch hier: ), darum hat er auch Patienten und nicht nur Kunden.
      Natürlich ist nicht jeder, der in die Apotheke geht und etwas kauft auch ein Patient, aber … doch, wir haben Patienten. Es ist wirklich nötig, dass ein bisschen mehr von der Öffentlichkeit erkennt, dass Apotheker keine reinen Verkäufer sind, sondern (eben) Medizinalpersonen mit einer Menge Wissen und Verantwortung.

      b) das ist ein persönliches Blog. Muss ich wirklich mehr dazu schreiben?

      c) …absichern – vor möglichen Klagen und Gerichtsverfahren. Das haben wir den Klagewütigen Amerikanern und ein paar schon vorgekommener Fälle zu verdanken. Also … muss wirklich alles rein, damit nachher niemand sagen kann: „Darauf hat mich niemand hingewiesen, dass so etwas passieren könnte!“

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  8. Ich muss gestehen, dass ich auch manchmal so bin, obwohl ich erst Anfang 20 bin.

    Im Grunde weiß ich, dass das Kortison mir schon einige Male das Leben gerettet hat, aber ich habe das Gefühl, das die Nebenwirkungen umso schlimmer werden, je öfter ich das nehmen muss. Deswegen diskutiere ich oft schon mit dem Lungenfacharzt und der Hausärztin. Manchmal kann ich Sie dann auch zu Alternativen in Kombination mit niedrigeren Dosen, etc. bewegen.
    Da ich auch noch andere gesundheitliche Baustellen haben, kommen dort auch noch andere Medikamente dazu.
    Da ich eigentlich alle meine Rezepte in der gleichen Apotheke einlöse, bin ich der Meinung, dass ich dort, wenn mir ein Medikament Probleme macht oder ich Bedenken vor der Einnahme habe, Fragen kann.
    Ich denke, dass kann manchmal auch nervig für die Apotheker sein, aber für mich als Patient ist das wichtig, zu wissen, ob ich mir Sorgen machen muss, wenn dies oder jenes passiert und ob die Nebenwirkung anhält oder wieder weniger wird. Hatte leider auch schon Nebenwirkungen, die noch nicht im Beipackzettel sind, aber die Apotheker einsehen können. Und auch wenn eine Nebenwirkung als sehr selten angegeben ist, schützt das leider nicht davor, dass diese Nebenwirkung bei einem auftritt.
    Wenn es mir sehr schlecht geht, bin ich auch manchmal wenig einsichtig.
    Aber ich denke, dass alles gehört dazu, wenn man sich für den Beruf als Apotheker entschieden hat.
    Es heißt ja auch immer, zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie Packungsbeilage und fragen Sie ihren Arzt oder Apotheker. Meist ist es halt einfacher, den Apotheker zu fragen. Wenn der einen dann erzählt, die Mundtrockenheit geht meist nach 1-2 Wochen vorbei, dann sorgt diese Aussage dafür, dass man das Medikament weiter nimmt.
    Wenn ich neue Medikamente bekomme, kann es schonmal sein, das ich ein bis zwei Tage nachdem ich das Medikament erhalten habe nochmal vorbei schaue und meine Fragen kläre.

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