Im Moment ausser Kontrolle

Ein Mann kommt am Freitag Abend in die Apotheke: „Ich brauche mein Lantus, ich kann nicht warten, ich habe keines mehr, ich brauche es jetzt!

Lantus ist Insulin – er ist also Diabetiker und sein Blutzucker steigt auf ungesunde Werte und schadet seinem Körper, wenn er ihn nicht mit Insulin senkt. Ein Notfall – ja.

Er hat kein Rezept, also versuche ich alles, den Arzt zu erreichen. Seiner ist laut Anrufbeantworter noch in den Ferien, aber seinen Vertreter erwischen wir tatsächlich noch, bevor er ins Wochenende geht. Er faxt uns ein Rezept.

Beim Rezept eingeben fällt mir auf, dass er das letzte Mal vor etwa einem Jahr hier war um Lantus zu holen.

Hmmm.

Als er es abholen kommt, frage ich ihn danach.

„Ah," sagt er, "ich habe es eine Zeitlang nicht mehr genommen, aber mein Zucker ist im Moment wieder etwas ausser Kontrolle.“

Im Moment?!?

Und jetzt ärgere ich mich ein bisschen. Schöner Notfall, für den er uns so durch die Gegend hetzt.

Ist mir schon klar, dass man hohen Zucker lange nicht merkt – aber dieser Mann wusste von seinem Problem … und hat beschlossen das zu ignorieren. Während Monaten. Bis genau am Freitag Abend vor dem Wochenende.

Pharmama: "Sie wissen, dass der Blutzucker nicht nur im Moment ausser Kontrolle ist. Und dass Sie das Insulin jeden Tag nehmen müssen um ihn zu senken?"

Mann: "Jaja, schon klar. Wiedersehen!"

… kein Danke.

Bei ihm ist jetzt ein Vermerk im Dossier. Beim nächsten solchen "Notfall" reisse ich mir kein Bein mehr aus, dann kann er vorher selber sein Rezept besorgen gehen. Sorry.

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15 Antworten auf „Im Moment ausser Kontrolle

  1. Hättest du ihn in diesem speziellen Fall nicht an eine Klinik verweisen können? Ein Diabetiker, der ein Jahr mal eben sein Insulin absetzt und dessen Blutzuckerspiegel jetzt „außer Kontrolle“ ist, ist doch eindeutig ein Fall für eine Notaufnahme, oder?

    Ach ja: Lantus ist natürlich toll! Und das sage ich, die an seiner Produktion beteiligt ist :-)

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    1. Das nächste Mal würde ich das wohl machen. Nicht, dass er gehen würde, wenn ihm seine Gesundheit so wenig wichtig ist / das Verständnis fehlt, dass er offenbar einfach mal ein paar Monate oder so seine (lebens-)wichtigen Medis nicht nimmt.

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  2. M.W. ist Lantus das Langzeitinsulin, das für die Nacht genommen wird. Zumindest ist es bei meiner Tochter so. Reicht ihm das Lantus dann für seine Diabetes?

    LG Rena

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    1. Aber die Frage ist berechtigt. Vielleicht hat ihm das Lantus vor einem Jahr gereicht. Wie es jetzt aussieht, müsste man meiner Meinung nach testen.

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  3. Oha. Mein pet peeve :-) Einerseits die, die immer bis zur letzten Minute warten, um was zu unternehmen, für das sie endlos Zeit hatten (und damit dann andere belasten), andererseits meine nicht geringe Panik, irgendwann mal die letzten zwei Insulinampullen fallen zu lassen und dann ohne dazustehen. Als Typ 1 kann ich nicht ohne Insulin, ein paar Wochen einfach mal ohne auszukommen steht daher nicht zur Debatte. Eine Apotheke, die mir helfen würde- keine Ahnung, ob deutsches Recht die Abgabe ohne Rezept in so einem Fall duldet. Vielleicht kann man in eine Krankenhausambulanz?
    Was ich allerdings nie nicht verstehen kann und will, ist, warum man hier kein Dauerrezept (für ein halbes Jahr für Insulin, ein ganzes für Teststreifen o.ä.) bekommt- ist ja nicht so, als stünde für irgendwen von uns die Spontanremission schon vor der Tür. Das würde die Krankenkassen entlasten, denn der Arzt lässt sich ja auch die Rezeptausstellung bezahlen, die Patienten könnten etwas besser planen (ohne immer im Kopf haben zu müssen, ob bei der nächsten Rezept-Notwendigkeit der Arzt gerade greifbar ist oder man erst mühsam zur Vertretung muss) etc.
    Und ich kriege jedesmal einen Zorn, wenn auf der Arztrechnung dann für den telefonischen oder per E-Mail abgesonderten Rezeptwunsch auf der Rechnung der Posten “ Beratung, ggf. telefonisch“ mit dem Multiplikator 2,5 gleich mal 10 Euro und ein bisschen abgerechnet wird.

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      1. Die Teststreifen könnte man sich so kaufen, und die durchschnittliche Apotheke dürfte das „verrechnen“, wenn ein Rezept nachgereicht wird. Das Problem bei „Dauerrezepten“ wäre in diesem Fall, und das ist nicht persönlich auf den einzelnen bezogen, sondern leider das Ergebnis der wenigen „schwarzen Schafe“ und den GKV-Versicherten: Es gibt Patienten, die Kilo-Weise Teststreifen verschrieben bekommen, die dafür nichts dazu bezahlen müssen, und die die dann anschließend meistbietend bei Ebay verticken für einen Preis weit unter einem realistischen. Das ist traurig, aber leider war. Das haben die Kassen natürlich auch schon mitbekommen, und meißeln deswegen auf die Ärzte ein, nicht zu viel zu verschreiben.

        Beim Insulin ist das deutsche Recht sehr unnachgiebig. Wenn man „seine Stammapotheke“ hat – und der verschreibende Arzt nicht ein totaler Sosioalkompetenzverweigerer ist – wird diese eventuell ein Auge zudrücken und etwas auf „Vorschuss“ rausrücken. (Natürlich darf sie das gesetzlich gesehen nicht!) Wenn man aber in eine x-beliebige Apotheke geht – dann ist der Verdacht eines „Testkaufs“ mit anschließender Anprangerung und Rechtsverhandlung gegen den Apotheker schon ziemlich aufdrängend. Dann bitte nicht auf die Apotheke schimpfen, sondern auf den Gesetzgeber.

        Das Problem des Dauerrezepts wäre in diesem Fall, dass es sich um ein (relativ) teures Arzneimittel handelt, und dann die Kasse ob der Ausgaben rummeckern wird. Das ist eben der Unterschied, ob die Kasse die Sache (fast) komplett sofort übernimmt, oder ob man das Arzneimittel vorher komplett selbst bezahlen muss. Ein Kassenrezept ist (bis auf Ausnahmen) prinzipiell ca. 28 Tage gültig. Ein Privatrezept ist normalerweise 3 Monate ab Ausstellungsdatum gültig. Hier kann der Arzt aber draufschreiben „Gültigkeit 6 Monate, insgesamt 10 Packungen Lantus 10x3ml“, und dann gilt das auch so. (Ob der Arzt das dann macht, ist ein anderes Problem.) Was nicht geht ist eine Beschriftung „Dauerrezept für Lantus für X Monate“, weil eine genaue Packungs-Zahl-Angabe fehlt, und dieses ist rechtlich nicht zulässig.

        Ich hoffe, ich konnte ein wenig zusätzliches Licht in den Paragraphen-Dschungel bringen.

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        1. Man sollte in Deutschland die österreichische Rechtsnorm einführen: § 4 VI Rezeptpflichtgesetz lautet: „Der Apotheker ist berechtigt, in besonderen Notfällen Arzneimittel auch ohne Vorliegen eines Rezeptes abzugeben; jedoch nur in der kleinsten im Handel erhältlichen Packung“

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  4. Bisher hab ich ja immer noch gelesen, aber jetzt will ich auch mal was schreiben :-)

    Ich kenn etliche solche Leute welche nie Medikamente auf Vorrat haben und falls ihr Hausarzt mal in Urlaub ist und sie ihnen ausgehen, sie mal für ein paar Tage nicht schlucken. Ich hingegen werde Nervös wenn ich nicht genug für ungefähr 2 Wochen Zuhause habe…
    (geht in sowohl bei mir als auch bei meinen Bekannten um Immunsuppressiva und Blutdruck Mittel. Also Zeug das eigentlich wichtig is)

    Aber ich habe nie herausgefunden warum ihnen das so egal ist…

    LG

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    1. Willkommen Sklerenchym! Ich würde sagen es kommt auf ein paar Dinge an: erstens, ob die Person versteht, wegen was sie die Medikamente nehmen muss und zweitens: wie wichtig ihr persönlich die eigene Gesundheit ist.
      Und mit Immunsuppressiva … da würde ich nicht einen einzigen Tag ausfallen lassen wollen. Nö.

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  5. Lantus wirkt doch ca. 24h. Also kann es kein Notfall sein. Zudem bin ich der Meinung wer sein lebenswichtiges Medikament nicht frühzeitig organisieren kann sollte eine Klapps auf den Hinterkopf erhalten, damit das Denken wieder einsetzt…

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