Lassen Sie mich durch, ich muss zum Gemüse!

19

Vom Einkaufszentrum nebenan kommt eine Mitarbeiterin in die Apotheke gerannt:

„Kommen sie schnell, da ist eine Frau vor der Gemüseabteilung umgefallen!“ 

Ich packe Handschuhe und Traubenzucker (die zwei Sachen brauche ich meistens) und spurte los. Als ich ankomme, ist schon eine Ärztin vor Ort, die wohl auch einkaufen war und bereits dabei ist, die bewusstlos am Boden liegende ältere Frau zu untersuchen. Aufgrund deren Leibesfülle hat sie ziemlich Mühe damit:

„Ich kann keinen Puls finden!“ sagt sie zu mir.

Zuerst ist unklar ob wegen der Fettschichten oder ob keiner vorhanden ist, aber als die Frau aufhört zu atmen wird die Frage überflüssig. Wir drehen sie auf den Rücken. Sie beginnt mit der Herzmassage und fragt nach Unterstützung:

„Haben Sie keine Beatmungsmasken oder einen Defibrillator?“

Doch! Rennen und holen.

Wir schliessen den Defibrillator an die Frau an. Das Ding ist wirklich super, auch wenn ich es noch nicht brauchen musste bisher. Es redet einen durch den Prozess: „Kleben Sie die Elektroden an die bezeichneten Stellen“„Kein Herzschlag vorhanden“. „Bitte zurücktreten, Schock wird ausgelöst“. „Jetzt Schockknopf drücken“ Bzzzzt! Und nochmal „Bzzzt!“

Während wir uns abmühen und die Mitarbeiter vom Kaufhaus mit Tüchern einen Sichtschutz um uns erstellen, bekomme ich nur im Hintergrund mit, wie die Kunden reagieren. Da wird natürlich versucht etwas zu sehen und herumgestanden – es passiert ja so selten etwas aufregendes. Noch mehr, als die Sanität eintrifft und einen grösseren Defibrillator mitbringt.

Und dann gibt es diesen einen Mann im Anzug, den nur eines interessiert (und das bekommen auch wir hinter dem Tuch mit): „Lassen Sie mich durch! Ich muss zu meinem Gemüse da hinten!“

Leider hat es die Frau trotz aller Bemühungen nicht geschafft. Und der Mann auch nicht – jedenfalls nicht an dem Tag zum Gemüse.

Advertisements

19 comments on “Lassen Sie mich durch, ich muss zum Gemüse!

  1. Streunerin sagt:

    Oh Scheiße…. ;(

    Und das trotz Defibrillator und fachkundigen Ersthelfern.
    Fühl dich mal ganz lieb gedrückt auch wenn wir uns nicht kennen.
    Sowas ist einfach schrecklich.
    Kann es dir akut sehr gut nachfühlen. Ich war im letzten Monat auch als Erstfelfer bei einem Unfall und habe versucht eine junge Frau zu reanimieren. Leider auf Grund der schweren multiblen Verletzungen ohne jede Chance.
    Sowas möchte man einfach nicht erleben.
    Vor allem nicht mit so egoistischen Menschen noch drum herum.

    Gefällt mir

    • turtle of doom sagt:

      Immerhin finde ich es einen grossartigen Trost, dass jeder Mensch sich als Ersthelfer ausbilden lassen kann. Man weiss, dass man nichts besseres tun kann als dieses Wissen anzuwenden.

      Auf die typischen Dinge (Bewusstlosigkeit, Herzinfarkt, Hirnschlag) ist man sehr gut vorbereitet, und in der Stadt wird man auch recht schnell durch Profis abgelöst. Und deshalb bilde ich mich grad im Frühling weiter – Thema Bergunfälle…

      Gefällt mir

  2. Das Ergebnis der Reanimation hat man nie in der Hand. Man kann nur versuchen, technisch alles halbwegs richtig zu machen und zügig zu sein. Viele Ursachen eines reanimationspflichtigen Zustandes wie eine ausgedehnte Lungenembolie, ein großer Herzinfarkt und ähnliche lassen sich auch mit einer optimalen Reanimation nicht überkommen. Und ihr habt erstaunlich zügig in der Gemüseabteilung (!!!) sehr sehr ordentliche Verhältnisse geschaffen. Mehr geht nicht. Dennoch gehen einem die Bilder und Erinnerungen sehr lange nicht aus dem Kopf.

    Gefällt mir

    • Pharmama sagt:

      Danke, dass ihr hier an mich denkt … tatsächlich komme ich damit recht gut zurecht. Das mag daran liegen, dass ich nicht denke, dass wir viel hätten anders / besser machen können, dass es hauptsächlich die Ärztin war, die „Hand angelegt hat“ (auch wenn ich auch dazu ausgebildet bin) und … dass es nicht eine Kundin von uns war. Das würde mir sicher näher gehen. Ditto, wenn sie jünger gewesen wäre.
      Ich sag‘ mir, manchmal ist das einfach so. Und viel leiden musste sie nicht.

      Gefällt mir

  3. Bäddi sagt:

    😦

    Gefällt mir

  4. Kenner des Reisbärn sagt:

    Trotz guter Laienreanimation sind die Überlebenschancen immer sehr stark von der Ursache abhängig und nie kann man von einer guten Chance reden, dennoch versuchen, solange eine wenn auch kleine Chance besteht, das der Patient wieder leben kann.

    Gefällt mir

  5. Privat-wegen-privatem sagt:

    Schade das eure Mühe umsonst war.
    So einen Menschen habe ich auch im näheren Familienumfeld, einen der sich selbst am nächsten ist und nur sich selbt wichtig ist. Bemitleidenswert?

    Gefällt mir

  6. Martin sagt:

    Ja, «gut» verlaufende Reanimationen die erfolglos bleiben sind immer enttäuschend. :-/

    Zum Mann der Gemüseabteilung:
    Es ist für Menschen ganz normal, in Ausnahmesituationen möglichst schnell und suffizient Alltag herzustellen. Bei vielen Patienten bzw. deren Angehörigen in der Wohnung läuft deshalb der Fernseher noch in gewohnter Lautstärke weiter, oder Passanten versuchen ihren Alltagstrott nicht zu stören. Der Mann brauchte Gemüse, wollte/konnte sich nicht mit der Situation beschäftigen und versuchte deshalb an das Gemüse zu kommen. Es ist keine Entschuldigung, aber eine Erklärung für dieses Verhalten.

    Gefällt mir

    • Pharmama sagt:

      Mag sein – ich fand es nur so … pietätlos in dem Moment.
      Aber ich habe auch immer über die Gaffer gestaunt, als ich noch bei der Feuerwehr war. Oder auch die andern:
      Einmal war es mein Job, bei einem Brand die Autos davon abzuhalten, durch die Strasse zu fahren.
      Einem Auto musste ich dafür praktisch vor die Haube springen, nachdem er um zwei Absperrungen herum gekurvt war.
      „Wo wollen sie denn hin?!“
      „Ich wohne dahinten!“
      „Vor oder nach dem hübschen grossen roten Auto, das da quer über der Strasse steht?“
      „Dahinter“
      „Na, dann drehen sie jetzt um und suchen einen anderen Weg. Hier kommen sie nämlich nicht durch.“
      „Aber …“
      „Nein! Und jetzt weg hier!“

      Gefällt mir

    • turtle of doom sagt:

      Diese Schilderung kenne ich auch vom Bestatterweblog her. Dort wird immer wieder von Angehörigen erzählt, die in einer Ausnahmesituation – wie dem plötzlichen Tod eines Menschen – auf zwei ganz unterschiedliche Arten funktionieren:

      Die einen erfassen die Situation, versuchen zu verstehen, sie suchen sofort nach einer Möglichkeit, damit umzugehen. Die Erschütterung setzt sich bei ihnen erst später ein, erst dann fragen sie sich, was eigentlich passiert ist.

      Die anderen schotten sich zuerst einmal ab und klammern sich zunächst an ihren ganz alltäglichen Dingen fest – Wäsche machen, zur Arbeit gehen, für zwei den Tisch decken, kein Anzeichen von Trauer oder Erschütterung. Aufrechterhaltung der Normalität eben.

      Gefällt mir

  7. sakasiru sagt:

    Mann, das ist tragisch. 😦
    Hättest du der Ärztin eigentlich auch irgendwelche Medikamente herausgegeben (dürfen), wenn sie danach gefragt hätte?

    Gefällt mir

    • rain! sagt:

      … und wären die gewünschten Medikamente überhaupt vorrätig in einer Apotheke? Z.B.: Amiodaron i.v.? Ich befürchte nämlich, dass die so sonst nicht von der Hausapotheke abgegeben werden (sondern eher von der Krankenhausapotheke) und daher möglicherweise nicht vorrätig sind.

      Gefällt mir

      • Pharmama sagt:

        Wenn sie mir einen Ausweis gezeigt hätte – ja. Allerdings denke ich auch, dass wir nichts von dem was man bei so was brauchen könnte an Lager haben – keine i.v. Präparate oder so.
        Nitroglycerin haben wir aber, etwas isotonische Salzlösung und Spritzenmaterial -aber bis wir das draussen hätten ist die Sanität auch da.

        Gefällt mir

        • Gedankenknick sagt:

          Rettungsdienste und Notärzte sind notfallmedikamentetechnisch meistens ziemlich umfassend ausgestattet. Die haben das Wichtige selbst dabei, auch zum Beispiel Andrenalin i.v. Da das meistens Sachen sind, die im „allgemeinen“ Apothekenalltag nur verfallen, sind nicht-krankenhausbeliefernde Apotheken in dieser Hinsicht meistens schlechter ausgestattet als der Rettungsdienst selbst.

          Ich finde es aber bemerkenswert, dass ein Notfall-Defi in der Apotheke vorrätig ist. Ich kenne einen Arzt im Ärztehaus, der so ein Gerät da hat (und es noch nie brauchte), und ich kenne einen Landarzt, der sich jedes mal über die Preise der (Original-)Ersatzakkus ärgert, um den bisher nie gebrauchten in einsatzbereiten Zustand zu halten. Ich hab mich auch mal ausbilden lassen zum Umgang mit so einem Defi, und das ist tatsächlich nicht schwer – wenn man denn an Brust und Rücken des Patienten heran kommt, um die Elektroden aufzukleben. Alles andere erklärt einem das (Notfall-Laien-) Gerät vor Ort…

          Das mit den Gaffern ist einfach nur nervig. Da muss man sich einen Einzelnen rausgreifen und anschreien, dass DER dafür zu sorgen hat, dass die anderen nicht im Weg stehen und keine Videos und Fotos machen (mit der Androhung, dass wenn sich nachher auf Youtube wiederfindet, es anschließend für alle Beteiligen strafrechtliche Folgen haben wird).

          Gefällt mir

          • Blubb sagt:

            Ich habe einmal als Patient im Wartezimmer eines ZAHNarztes mithören müssen, wie die Ansagen eines Defibrillators lauten, weil jemand auf dem Behandlungsstuhl damit wiederbelebt wurde. Die Zahnärztin hat mir hinterher gesagt, wie froh sie ist, dass sie das Gerät parat hatten.
            Achja, der Patient sollte Zahnstein entfernt bekommen und er hat es überstanden.

            Gefällt mir

  8. Maria sagt:

    Die Gaffer … erinnert mich an folgenden Vorfall: das Haus, in dem meine Wohnung war, gelegen an großer Straße, brannte lichterloh. Die Straße war voll gesperrt, es rauchte, mehrere große Feuerwehrautos waren da und versuchten, denn Dachstuhlbrand zu löschen. Ich durfte, ausnahmsweise, in meine Wohnung (ganz unten, zwei Etagen unter Dachstuhl) und unsere teuren Instrumente (Cembalo, Klavier) abzudecken, damit das Löschwasser, was reinregnete, die Instrumente nicht beschädigt. Hinterher wuselte ich zwischen Polizei und Haus hin- und her, bei 2° , im Kleidchen, nasse Haare, Mantel ausgezogen um nach der Aktion in den trockenen Mantel zu schlüpfen. Ich stinke total verbrannt. An der Polizeiabsperrung ganz viele Schaulustige, die meisten in angemessenen Abstand. Eine Frau geht auf die Polizisten und mich zu und fragt, ganz entspannt, ob es etwa brennen würde …

    Sie meinte es sicher nicht böse, aber ich wäre fast explodiert. Als würde ich zum Spaß stinkend, mit nassen Haaren und leicht bekleidet durch ein rauchendes Haus rennen um mit der Polizei zu reden …

    Gefällt mir

  9. Robin Urban sagt:

    Erinnert mich an diese Schweine, die zwei Tage nach dem Tsunami in Thailand schon wieder am Strand hermlungerten, zwischen Trümmern und Leichen…!

    Du warst mal Feuerwehrfrau? Wie cool ist das denn?

    Gefällt mir

  10. Mir ist als Feuerwehrsanitäterin eine Frau an einer Lungenembolie in den Armen weggestorben – sie sagte noch „Ach, mir geht es gut“, verfiel dann in Schnappatmung und starb. Auch ich kann gut damit umgehen, Wir haben für sie getan, was ging und ihr Mann war dankbar, dass sie in meinen Armen lag und nicht „nur“ auf dem Boden.

    Eine Reanimation ist leider häufig erfolglos, weil man aber vorher nie wissen kann, ob man nicht doch den einen Patienten unter den Händen hat, der überleben wird, ist eine Reanimation niemals überflüssig.

    Ich finde es toll, wenn über AED im Einsatz berichtet wird. Mir wird häufig nicht geglaubt, wenn ich versichere, dass absolut JEDER das Ding bedienen kann. Da ist keinerlei Vorwissen notwendig, man muss sich nur trauen das Ding auszupacken und anzuwenden – jeder einzelne Schritt wird deppensicher erklärt.

    Vielen Dank für deinen Bericht und dein Engagement – wenn es mich mal irgendwo zerhaut, dann hoffe, dass bereitwillige Ersthelfer vor Ort sind.

    Gefällt mir

  11. Ahuefa sagt:

    hui, heftige Geschichte…

    Gefällt mir