Inspirierende Patienten

Frau Mobil* schon 93 Jahre alt kommt in die Apotheke. Ohne Hilfe … menschliche oder technische, was ich schon wirklich beeindruckend finde.

Sie fragt mich nach isolierenden Einlegesohlen für die Schuhe. Ich zeige ihr, was wir haben.

Wie häufig, bei älteren Leutchen – wenn sie einmal die Aufmerksamkeit von jemandem haben … dann nutzen sie das aber aus :-) und das meine ich gar nicht abwertend.

Jedenfalls entscheidet sie sich für ein Paar. Das Problem ist nur, dass man die zuschneiden muss – und sie hat Arthritis. Ich mache ihr das und am Schluss passe ich sie noch selbst in ihre Schuhe ein, während sie in unseren Wartestühlen sitzt. All das mit einem Lächeln – für jemanden so netten, wie sie, mache ich das wirklich gerne. Ich weiss, dass sie Schmerzen hat – aber sie bemüht sich so, das nicht an der Umwelt abzulassen, dass man es nicht merkt.

Einkauf vollendet und es ist Zeit zu gehen, da merke ich, wie sie Mühe hat aufzustehen.

„Kann ich ihnen helfen?“ Frage ich.

Frau Mobil winkt ab: „Junge Frau, wer rastet, der rostet. Es geht schon, halt nur etwas langsamer!“

Der Moment und der Zusammenhang  hat sich mir ins Gedächtnis eingebrannt. Es ist wirklich so. Wer aufhört sich zu bewegen und sich zu bemühen, der verliert die Fähigkeiten dazu.

Ich hoffe, ich denke an sie und handle danach, wenn ich einmal so alt werden sollte. Sie ist eine wahre Inspiration.

 

*wie immer alle Namen geändert



25 Antworten auf „Inspirierende Patienten

  1. Ich kann das nur bestätigen. Ich habe mehrere ziemlich alte Damen in meiner Verwandtschaft. Die, die zum Beispiel einen Garten haben und sich um alles selbst kümmern wollen sind erheblich fitter als, die, die den ganzen Tag auf dem Sofa sitzt. Auch wenns natürlich manchmal schwer fällt. Meine Oma war regelrecht quirlig bis ein Oberschenkelhalsbruch sie eine Weile lang lahmgelegt hat. Sie ist leider nie wieder auf das Fitnesslevel von vorher zurückgekommen, und leidet darunter sehr.
    Das gleiche gilt übrigens auch für den Geist, nicht nur für den Körper. Wer gesellschaftlich aktiv und am Weltgeschehen interessiert bleibt wird nicht so schnell schrullig ;-)

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  2. Gestern Abend erst hatte ich ein äußerst deprimierendes Gespräch mit meiner Mutter über meine Großmutter – wie der Zufall es will auch 93 Jahre alt. Vor ca. 2 Jahren von jetzt auf gleich mit einem Mal ein vollkommenes Desinteresse für ihre Töchter, Enkel, ihr Garten, was ihr alles mal sooo unendlich viel bedeutet haben. Sie lehnt *sämtliche* Hilfsmittel (Rollator, Stützkorsett, ..), die ihr ein eigenständigeres Leben erst ermöglichen würden kategorisch ab und verkümmert regelrecht, geistig wie körperlich. Gestern noch direkt am Abgrund, heute schon einen großen Schritt weiter. :'( Ich glaube die hier beschriebene Kundin sollte sie mal erleben…

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  3. Ich kann sakasiru nur zustimmen. Wie oft ich auf Leute treffe, die gerade mal halb so alt sind wie Frau Mobil und doch schon geistig total eingerostet. Da finde ich so alte Leute wirklich inspirierend.

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      1. Ein bisschen schon, denn sie sind durch für uns unvorstellbar schwierige Zeiten gegangen. Nicht alle sind so, aber sehr viele sind dankbar und auch stolz, was sie sich erarbeitet haben.
        Wenn man in Trümmern nach Essen wühlt und vorher viele liebe Menschen verloren hat, dann verliert wohl einiges seinen Schrecken. Meine Omi hat die meiste Zeit ein gutes Leben gehabt und sich auch viel Schönes gegönnt, aber immer ganz normales einfaches Essen sehr wertgeschätzt.

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  4. Gemäß der eher amerkianischen Lebensweisheit „Use it or loose it!“ funktionieren Körper UND Seele. Und gerade beim „vergeistigten“ hat schon Marc Aurel gemeint: „Auf die Dauer der Zeit nimmt die Seele die Farbe der Gedanken an.“ – So, wie der Mensch denke, übt er auch zu denken. [Den amerikanischen Spruch habe ich aber zum ersten Mal in einem urologischem Zusammenhang gehört… :-D]

    Das gilt aber auch für innere Organge – schließlich wächst auch die Leber mit ihren Aufgaben… ;-)

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  5. Das ist sehr schön. Da ist auch grosse Mühe nicht vergeblich. :-)

    In meiner Freiwilligenarbeit, die mir aber trotzdem noch Spass macht, gibt es leider das Gegenteil zu sehen und zu hören.

    „Das Heim macht heutzutags rein gaaar nichts für die Leute!“

    – „Aber, am Dienstag gibt es einen Ausflug, jeden Morgen gibt es Aktivitäten wie Kochen, Schwimmen, Turnen, Französischunterricht…“

    „Aber das ist auch nur für die, die wollen.“

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    1. “Aber das ist auch nur für die, die wollen.” – Na sicherlich! Erzwungene Freizeitaktivitäten habe ich schon in meiner Jugend gehasst – damals hat ein Teil davon der Staat organisiert…. Ich denke, wenn ich dereinst mal betreut werde, möchte ich auch nicht „alles“ mitmachen, was mir gar keine Freude bereitet. (Ich versuche aber auch, Fahrstühle gegen Treppenhäuser zu substituieren, wenn ich denn kann…)

      Blöd ist halt dieser Teufelskreis, aus dem man so schwer ausbrechen kann, wenn die passende Motivation fehlt:
      1 – mehr Schmerzen bei Bewegung
      2 – weniger Bewegung, um Schmerzen zu vermeiden
      3 – [optional] Gewichtszunahme durch Bewegungsmangel
      4 – GoTo 1

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      1. Sie meinte nicht, dass sie zu mehr Aktivität gezwungen sollte. Sie hat damit ausgedrückt, dass sie zwar Aktivitäten geniessen will, aber an *diesen* Aktivitäten nicht teilnehmen will. Es wird das Falsche angeboten ihrer Meinung nach.

        Zwei oder drei Vereine bieten etliche Kurse, Treffs und Ausflüge an. Aber nein, das will sie auch nicht. Sie will etwas anderes. Aber die Zwischenzeit mit einer anderen Aktivität füllen ist für sie ein Umweg.

        Auf der anderen Seite… es gibt bei ihr schon diesen Teufelskreis, und der ist mit etwa 2300 U/min am Rotieren. Klassisches Beispiel für „use it or loose it“, gerade weil der Erhalt der eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten im Alter ihr Rettungsanker wäre.

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      1. Naja. Zwang will sie noch weniger. ;)

        Aber was sie will, wird vom Heim nicht angeboten. Sie will alleine und selbstständig leben, sie will keine „Behinderte“ um sich herum in ihrem Heim, sie will…

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  6. Eine beeindruckende und inspirierende Dame! Die Phrase, „wer rastet, der rostet“, höre ich übrigens von der Mutter meiner besten Hälfte. Bald wird sie 80, und „wenn ich mal groß und wichtig werde“ ( :) ), würde ich wirklich gerne SO sein, wie sie.

    Danke für die Geschichte!

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  7. Ich denke auch, dass „Wer rastet, der rostet“ nicht nur für alte Menschen gilt, denn wer sein Leben lang eher bequem gelebt hat, wird kaum wenn er älter wird mobiler und fleißiger werden, auch wenn es die Gesundheit erhält.

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  8. Meine Schwiegermutter war zu stolz um mit ihren 93 Jahren einen Stock zu benutzen. Sie konnte ohne Brille lesen war geistig rege, kannte alle Ergebnisse aus Sportveranstaltungen die sie interessierten. In das 4. Stockwerk fuhr sie nur hinauf, hinunter ging es zu Fuss. Sie kochte fast täglich noch für ihre 2 Nachbarn („die Alten “ wie sie sie nannte 73 und 75 Jahre :-)
    Erst als ihr Sohn vor ihr starb gab sie sich auf und starb innerhalb 3 Monaten. Ein grosses Vorbild für mich

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