Ausnützen oder hamstern?

Es kommt ein Mann in die Apotheke und stürzt sich direkt auf die Pharmaassistentin, die er ohne Vorwarnung anfängt aggressiv anzugehen:

…dass wir (die Apotheke) seine arme, kranke und blinde Mutter ausnützen würden! Wir würden ihr Medikamente auf Rezept abgeben, obwohl sie zuhause noch tonnenweise von den Medikamenten habe!

Ich muss da eingreifen.

Zuerst mal … die Frau ist blind? Ich habe sie selbst schon auf der Strasse ohne Stock und Hund oder Brille auf dem Weg zur Apotheke gesehen. Dann … sie selbst kommt vorbei und fragt uns nach den Medikamenten. So etwa alle 1 ½ Monate … was uns natürlich denken lässt, sie nähme die auch wie vorgeschrieben. Woher soll ich da wissen, dass sie sich offenbar zuhause auf das nächste Erdbeben oder den Weltuntergang vorbereitet und sie hamstert statt einnimmt?

Auf einmal ist es unser Fehler und wir sollten das wissen und ihre Medikation im Auge behalten.

Okay, aber woher soll ich wissen, was sie noch zuhause hat? Alles was ich hier sehe ist, wann sie es das letzte Mal bezogen hat – und wie ihre Dosis ist.

Aber wie wäre es, wenn Sie als Sohn sich darum kümmern würden? Oder … ersatzweise jemanden einstellen? Immerhin haben sie inzwischen erkannt, dass da ein Problem besteht. Das sehe ich auch. Nur sehe ich nicht viel, das ich da machen könnte, ausser noch einmal mit ihr reden, dass es wichtig ist, die Medikamente auch richtig einzunehmen.

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15 Antworten auf „Ausnützen oder hamstern?

  1. Ist doch oft so, da wird die Schuld mal eben schnell abgewälzt… Ihr seid nicht dafür zuständig, bei dem von Dir beschriebenen Rhythmus würde ich auch nicht auf Probleme schliessen.
    Wenn es anders wäre, reagiert ihr ja, soweit ich das hier bisher gelesen habe!
    Manche Leute *Kopf schüttel*

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    1. Ich meine -immerhin hat er es bemerkt. Was ihm nur schwierig in den Kopf ging war, dass wir das nicht bemerken konnten und nicht wirklich viel tun können. :-(
      Dass er ausfällig wird hilft da übrigens rein gar nix.

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  2. Es ist ja auch so schön einfach, die Fehler immer bei anderen zu suchen :-(
    Was soll man denn machen? Wenn die Abgabemenge halbwegs dem „normalen“ Verbrauch entspricht? Wenn sie außerdem mündig ist? Ich finde, er macht sich das zu einfach :-(

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    1. Richtig. Aber vielleicht ist seine Argumentation ja auch, dass seine Mutter (alt, krank, blind?) nicht mehr mündig ist.
      Ich bin zwar sicher, sie sieht das anders.

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    1. Das Hamstern? Na klar… „Guckt euch die Packungen an! Was ich alles schlucken muss!!!“ :D

      Wir Schweizer und Schweizerinnen sagen beides, „ausnützen“ wie auch „ausnutzen“.

      Mein Vater brauchte „ausnutzen“ eher, wenn man z.B. die Hilfsbereitschft einer Person gebraucht, ohne sich zu bedanken, und ein „ausnützen“ eher, wenn man ein Verkehrsabonnement hat, das noch ein paar Tage gültig ist, und dann deswegen einen schönen Ausflug damit macht…

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  3. Die Tatsache, dass er ausfällig wurde, ist natürlich nicht zu entschuldigen.

    Aber vielleicht kann man da als Stammapotheke trotzdem helfen, wenn man sich noch mal in Ruhe mit dem Sohn (vielleicht auch mit der Frau) unterhalten würde. Vielleicht ist die Situation ja so, dass er einfach 100-200 km von seiner Mutter weg wohnt und – örtlich bedingt – nicht die Möglichkeit besitzt, ständig die Medikation seiner Mutter zu überprüfen. Vielleicht kann er sich finanziell auch keine Hilfe leisten. Vielleicht ist er mit seiner kranken Mutter auch einfach sowieso total überfordert, so dass er deswegen bei Euch ausfällig wurde. Das sind natürlich sehr viele „vielleicht“, ich war jetzt nicht dabei.

    Und den Grund, warum die Frau die Medikamente nicht nimmt, sollte man als Stammapotheke mal zumindest versuchen herauszufinden.
    Vielleicht ist die Frau einfach nur überfordert mit ihrer Medikation, nimmt sie daher nicht und hortet daher. Oder irgendeine „Freundin“ rät da von ihren Medikamenten ab und empfiehlt irgendeinen alternativen Blödsinn. Das gibt es ja alles.

    Eine Verbesserung der Compliance (=Anwenderfreundlichkeit) sehe ich als unseren Job (den Job des Apothekers) an. Ich war natürlich bei dieser Situation nicht dabei, aber man könnte da als Heilberufler, der wir sind, nochmal nachhaken, wo genau das Problem ist. Vielleicht findet man da eine Lösung, die Compliance zu verbessern
    Sprich: Die Dame nimmt in Zukunft ihre Medikamente, weil die Frau in Weiß das so für vernünftig hält.

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    1. Ich hab ja nun beruflich dauernd mit alten Menschen zu tun – ich kann dir sagen: der Apotheker zählt da nicht, trotz des weißen Kittels. An der Stelle ist der Einsatz vom „Herrn DOCKTOOOR“ (regelmäßig so gehört) fällig, der steht nämlich knapp unter, manchmal auch über dem Herrgott… Eine Frau Doktor geht auch noch (selbst wenn sie de facto ohne Titel ist, im Kopf ist das immer Frau Doktor), aber ein Apotheker, schlimmer: eine Apothekerin? Die ist doch bloß „das nette Fräulein“.

      Es ist auch meines Erachtens nicht Aufgabe der Apotheke, zu kontrollieren, ob der Kunde die Medikamente benötigt, die der Arzt seinem Patienten aufgeschrieben hat. Das hat der Arzt selbst herauszufinden.

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      1. Das was Du sagst, stimmt für eine Apotheke, die in einer Innenstadt angesiedelt ist, insbesondere wenn das Geschäft preisaktiv geführt wird (Sonderangebote, Schütten, usw). Wenn Du in einer ländlichen Gegend wohnst, sieht die Sache aber ganz anders aus. Da bists Du als Apotheker quasi Gott, die Leute vertrauen da einem schon, gerade wenn man das noch gut begründet, ein kompetentes Auftreten hat und mit Kundschaft umgehen kann. Es ist natürlich auch von Vorteil, ein Mann zu sein: Gerade die ältere Kundschaft hielt mich schon während meines Praktikums für den neuen Inhaber der Apotheke, obwohl da mehrere Apothekerinnen in der Apotheke waren, die deutlich älter waren als ich (u.a. meine ehemalige Chefin).

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        1. Nun… hier im Ort ist genau eine Apotheke, ländlich ist es auch – außer wenn die Touristen einschlagen… aber es gibt eben auch eine Arztpraxis und im Nachbarort ein Landkrankenhaus (ohne Geburtshilfe – die gibts entweder in der Klinik in der nächsten Stadt oder im Krankenhaus in der Kreisstadt, 45 Minuten von hier).

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          1. Ich hatte da echt nen anderen Eindruck in einer ländlichen Gegend als Du. Man wird beim eigenen Einkauf nach Feierabend im Supermarkt von Kunden angesprochen, was man denn von den Befindlichkeiten halten würde, was man von der vom Arzt verschriebenen Medikation halten würde, usw. Wenn man mit seiner Frau beim Stadtfest ist, wird man auch angesprochen und es wird dem „freundlichen Herrn Apotheker und seiner Frau“ mal ein Bierchen oder ein Schnaps ausgegeben.
            In solchen Gegenden sind 4 Personen quasi unantastbar: Der Bürgermeister, der Arzt, der Apotheker und der Pfarrer. Da hast Du die nötige Autorität, einem Patienten durch Dein Wort zu überzeugen, dass die Einnahme seiner vom Arzt verschriebenen Medikation sinnvoll ist. Die Leute vertrauen Deinem Wort einfach.
            Ich traue mir aber wetten, dass das in Städten wie Basel, Zürich, Berlin, München, Düsseldorf und Köln anders ist. Da ist der Apotheker für den Patienten eher ein Verkäufer und nichts anderes. Mich wundert echt, dass Du das auf dem Land anders erlebst. Vielleicht kommt es da auf die Gegend an.

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  4. Das Verhalten ist so nicht zu tolerieren und auch nicht zu entschuldigen. Was hätte der werte Herr denn gesagt, wenn die Apothekerin seiner lieben kranken Mama die dringend benötigten Medikamente nicht gegeben hätte, obwohl die doch auf dem Rezept stehen?

    Dafür, daß die Patientin/Kundin die Medikamente nicht nimmt, kann er die Apotheke nun wirklich nicht verantwortlich machen. Der ARzt sollte vielleicht der alten Dame noch mal deutlich machen, wie wichtig es ist, daß sie die Tabletten auch wirklich nimmt, und tatsächlich wäre gegebenenfalls auch eine medizinische Betreuung angemessen, und sei es dreimal täglich fünf Minuten für die Medizin.

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  5. Ihr als Apotheke könnt aufmerksam werden, wenn jemand sehr oft Medikamente holt. Aber wenn der Rhythmus plausibel ist… Ihr seid doch nicht die Nachfolger der Stasi, und das ist auch gut so.

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