Grapefruitsaft und Medikamente

21

Medikamente sollten immer mit einem Glas Wasser eingenommen werden. Nicht mit Limonade, nicht mit Grapefruitsaft, nicht mit Milch, nicht mit Kaffee und ganz sicher nicht mit Alkohol.

Es gibt viel mehr Wechselwirkungen zwischen Nahrungsmitteln oder Getränken und dem Rauchen, als man denkt.
Ich möchte ein paar von denen hier zeigen.

Zum Beispiel der Grapefruitsaft.
Grapefruits enthalten verschiedene Bioflavonoide, eine Gruppe von Verbindungen, die in zahlreichen Früchten und Gemüsen vorkommt. In der Grapefruit findet sich vor allem Naringin, das der Frucht ihren charakteristischen Geschmack verleiht und in Orangen nicht vorkommt.

Naringin ist in der Lage in der Leber das Enzym Cytochrom P450 zu hemmen, das es zum Abbau diverser Medikamente braucht. Weniger Abbau bedeutet erhöhte Plasmaspiegel.
Z.B. von gewissen Statinen

  • Lovastatin
  • Simvastatin (Zocor, Simcora, Simvastin)
  • Atorvastatin (Sortis, Cadumet)
Und:
  • Sertralin (Zoloft)
  • Carbamazepin (Tegretol)
  • Buspiron
  • Diazepam, Triazolam, Midazolam (Benzodiazepine)

Ausserdem blockier das Naringin offenbar im Darm das organische Anion-Transportprotein OATP1A2. Die Aufnahme einiger Arzneistoffe wird dadurch reduziert und somit deren Effekt verringert.
Eine Dosisverringerung wurde bis jetzt bei folgenden Wirkstoffen festgestellt:

  • Amiodaron (Cordarone)
  • Atenolol (Tenormin, Tenoretic, NifTen)
  • Celiprolor (Selectol)
  • Ciclosporin (Sandimmun)
  • Ciprofloxacin (Ciproxin, Cipeco)
  • Etoposid
  • Felodipin (Plendil)
  • Fexofenadin (Telfast)
  • Itroconazol (Sporanox)
  • Levofloxacin (Tavanic)
  • Nifedipin (Adalat)
  • Nimodipin (Nimotop)
  • Saquinavir (Invirase)
  • Talinolol
  • Tacrolismus (Prograf)

Wie man sieht, betrifft das Medikamente für die unterschiedlichsten Anwendungen, Antibiotika, Blutdruckmittel, Mittel gegen Viren und Cholesterinsenker sowie Antiallergika.
Dass es auch wirklich relevant ist, hat man beim Fexofenadin gemerkt: nach Einnahme mit Grapefruitsaft wurde nur die Hälfte der Wirkstoffmenge absorbiert, verglichen mit der Kontrollgruppe, die Fexofenadin mit Wasser eingenommen hatte. Da ist es gut möglich, dass das Antiallergikum auf einmal nicht mehr wirkt.
Und da man eine Menge Medikamente am Morgen einnehmen muss und beim Frühstück Grapefruitsaft oder frische Grapefruit häufiger auf dem Speiseplan stehen, muss man wirklich darauf achten!

Die Namen in den Klammern sind die in der CH zugelassenen Medikamente – es handelt sich um eine Auswahl, es gibt noch mehr mit den Wirkstoffen. Die Liste erhebt auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Advertisements

21 comments on “Grapefruitsaft und Medikamente

  1. Irene sagt:

    Wenn ich dran denke, dass mein Bruder immer fand, er verträgt das Malariamittel (damals noch Chloroquin) am besten mit einem Bier runtergespült, während mir immer davon schlecht wurde – ich nahms mit Wasser… ist aber 30 Jahre her 😉
    Ist Kaffee denn wirklich so schlimm, jetzt weniger bei Antibiotika (wenn ich „härtere“ Medis nehmen muss, passe ich durchaus auf, sie „richtig“ zu nehmen), ich denke eher an Dafalgan bzw. ist es schlecht, wenn man erst zB. den Hustensaft runterwürgt (ich finde, es gibt NUR grässliche Geschmacksrichtungen) und dann Kaffee oder Schwarztee hinterhertrinkt?

    Gefällt mir

    • Pharmama sagt:

      Also: nächster Artikel in der Serie: Coffein.
      Dafalgan und andere Schmerzmittel sind nicht so das Problem, tatsächlich sollte die schmerzstillende Wirkung durch Coffein verstärkt werden. Beim Hustensaft ist das schwieriger abzuschätzen … Wirkverstärkung oder Wirkungsverlust?? Vielleicht ausprobieren?

      Gefällt mir

  2. Kerze sagt:

    Hm, und wie sieht das bei Joghurt aus? Ich weiß nicht wie üblich der Rat ist, aber als meine kleine Schwester (vor Jahren) keine Tablette runtergeschluckt bekommen hat, hat unser Hausarzt vorgeschlagen, die Tablette zusammen mit einem Löffel Joghurt runterzuschlucken. Das wäre wohl leichter, weil der Joghurt an sich ja dicker ist als Wasser und dadurch die Tablette nicht so „stören“ würde. Es hat auch dann deutlich besser funktioniert, aber kann das auch die Wirkung von Medikamenten verringern?
    Liebe Grüße!

    Gefällt mir

    • Pharmama sagt:

      kommt auch auf das Medikament an. Das wäre dann Kapitel 3: Milchprodukte und Medikamente.

      Gefällt mir

      • Kerze sagt:

        guti, dann warte ich mal geduldig und gespannt. Bin auch schon gespannt auf Teil 2, da ich bekennender Kaffeejunkie bin :D! (Eher nicht, wenn ich Medikamente einnehme.. aber ich bin trotzdem sehr interessiert 😉 )

        Gefällt mir

  3. vroni sagt:

    Aber Grapefruit hat nicht nur einen Einfluss, wenn es gleichzeitig mit dem Medikament eingenommen wird. Die Enzymhemmung ist über einen längeren Zeitraum aktiv.

    Kaffee und Schwarztee zum Runterspülen: Da sehr viele Stoffe jeweils enthalten sind – nicht nur das Coffein, sondern zum Beispiel auch Gerbstoffe, die gerne andere Stoffe binden, würde ich die Finger davon lassen.

    Gefällt mir

    • Wolfram sagt:

      Eisenpräparat (Tardyferon – Standardtablette für Schwangere) und Tee oder Kaffee – beispielsweise – sollte man nicht kombinieren. Tee hemmt die Eisenaufnahme.

      Überhaupt frage ich mich, wie Heißgetränke sich mit Medikamenten vertragen.

      Gefällt mir

  4. kittynn sagt:

    Wie groß muss denn dann der Zeitabstand so in etwa sein?

    Ich stelle mir das anstrengend vor, zB bei einem Medikament das zu einer Mahlzeit eingenommen werden soll. Da muss ja dann ganz schön viel bedacht und geplant werden.

    Und kann man sich darauf verlassen, dass im Beipackzettel immer alles erwähnt wird, was sich mit dem Medikament nicht so gut verträgt?

    Gefällt mir

  5. kelef sagt:

    der zeitabstand vor und nach der einnahme sollte mindestens zwei stunden betragen.

    grundsätzlich sind im beipackzettel alle erwiesen neben- und wechselwirkungen und alle unverträglichkeiten und zu beachtende vorsichtsmassnahmen angeführt, auch die häufigkeit des auftretens.

    bei medikamenten, die schon eine lange zeit auf dem markt sind und die häufig verschrieben werden sind diese listen natürlich automatisch länger als bei „neuen“ medikamenten, davon darf man sich also nicht täuschen lassen.

    für besonders interessierte: die updates in den beipackzetteln werden regelmässig gemacht. alle unerwünschten wirkungen etc. werden vom verbraucher an arzt oder apotheker, den zulassungsinhaber, oder auch gleich an die zuständige staatliche stelle (gesundheitsministerium et al) gemeldet, und dann in internationalen datenbanken gesammelt und ausgewertet.

    zulassungsinhaber und behörden interagieren bei diesen meldungen, d.h., sie informieren sich gegenseitig innerhalb bestimmter zeitabstände.

    die auswertungen dieser datenbanken werden national oder international von den behörden vidiert und entsprechend kann auch die aufnahme einer nebenwirkung dann behördlich vorgeschrieben werden, die umsetzung via fach- und gebrauchsinformaiton wird dann mit zeitlichem limit vorgeschrieben.

    so kann es dann auch passieren, dass bei neuen medikamenten alle paar monate ein geänderter beipackzettel in der schachtel ist.

    also erstens: bitte den beipackzettel lesen, und zwar immer den in der „neuen“ schachtel beigepackten – das ist besonders wichtig bei medikamenten, die über jahre hinweg genommen werden.

    und zweitens, wenn wem was komisch vorkommt: es hat keinen sinn, am stamm/müttertisch, in kindergarten, park oder internet zu schimpfen, oder ein medikament eigenmächtig abzusetzen. kontaktieren sie arzt oder apotheker, oder den nebenwirkungsbeauftragten des zulassungsinhabers, oder die zuständige stelle in der gesundheitsbehörde. nur so ist es nämlich möglich, die beipackzettel aktuell zu gestalten damit alle informationen enthalten sind.

    das hat nichts damit zu tun dass die böse industrie oder die vermaledeite behörde die verantwortung auf die patienten abschieben oder sich selbst aus der verantwortung nehmen möchte. aber wenn niemand sagt, dass er von der pille X durchfall kriegt, wie soll das dann einer wissen? und natürlich werden medikamente in klinischen studien untersucht. aber wenn z.b. von 100.000 menschen einer durchfall bekommt, dann kann es schon sein dass in einer klinischen studie mit 5.000 patienten einfach keiner durchfall bekommt. wird das medikament dann aber bei entsprechender indikation 5.000.000fach verschrieben, dann hat man eben eine neue nebenwirkung.

    Gefällt mir

  6. kelef sagt:

    immer gerne, und danke.

    zu irgendwas müssen ausbildung und erfahrung ja auch weiterhin gut sein, und wenn ich manche geschichten ergänzen oder fragen beantworten kann, umso besser.

    Gefällt mir

  7. Julia sagt:

    Danke für deine Themenreihe 🙂
    Ich hab in 2 Wochen den 1. Prüfungsabschnitt für meine PTA Ausbildung und die Themen helfen super nocheinmal zu wiederholen, zumal meine Dozenten es nicht geschafft haben das „Grapefruit-Problem“ richtig zu erklären 🙂
    Mach weiter so 🙂

    Gefällt mir

  8. Mich sagt:

    Betrifft das nicht auch die Antibabypille?

    Gefällt mir

  9. yakuzaishi sagt:

    boah…woher hast du die Liste der oatp1a2-Substrate? (ganz abgesehen davon, dass ich heute zum ersten Mal von diesem Transporter lese…-.-*) Ausserdem dachte ich bis jetzt immer, dass naringin und co. nur Cyp-Enzyme im Darm hemmt, aber eigentlich nur wenig aufgenommen wird.

    Das wirft mein Erkennungssmuster für Interaktionen wiedermal völlig über den Haufen… *argh*

    Gefällt mir

  10. Karoline sagt:

    Interessanter Artikel – und auch die Kommentare sind super brauchbar! Gratuliere zu deinem schönen, interessanten Blog!!
    Lg Karoline

    Gefällt mir

  11. Franzi sagt:

    Bei meinen Buprenorphin-Pflastern steht auch im Beipackzettel, dass ich keinen Grapefruitsaft trinken darf!

    Gefällt mir

  12. […] Aber sie hat recht – es gibt einige Medikamente, die sich nicht mit Grapefruitsaft vertragen. […]

    Gefällt mir

  13. Don sagt:

    Schöne Liste. 🙂

    Weitere Dihydropyridine und auch Verapamil/Gallopamil könnte man noch ergänzen.

    Gefällt mir