Zur Komplementärmedizin Abstimmung

Für einmal ein paar eher kritische Gedanken.

Die Abstimmungsfrage lautet:

Wollen Sie den Verfassungsartikel „Zukunft mit Komplementärmedizin“ annehmen?

Art. 118a (neu) Komplementärmedizin

Bund und Kantone sorgen im Rahmen ihrer Zuständigkeiten für die Berücksichtigung der Komplementärmedizin

Der Artikel ist sehr offen formuliert und enthält keine Angaben darüber, wie diese Berücksichtigung konkret aussehen soll.

Es tönt ja im Prinzip nicht schlecht, gibt aber ein paar Dinge zu bemerken:

Es gibt in der Schweiz etwa 200 verschiedene Arten und Methoden, die unter das Label „Komplementärmedizin, „alternative Medizin“ oder „traditionelle Medizin“ fallen. Das reicht von der bekannten, bewährten und in Studien getesteten Phytotherapie über relativ seriöse Dinge wie die Homöopathie, die anthroposophische Medizin und Akupunktur, über zumindest lang bewährtes wie der traditionellen chinesischen Medizin zu sehr esotherischem wie Aura Soma, Kinesiologie, Pulsierende Magnetfeld Therapie, Steinheilkunde … eigentlich sogar Uriellas gesegnetes Badewannenwasser…

Bei den letztgenannten und vielen weiteren Methoden hat man weder Studien noch Nachweise über die Wirkung  noch die Sicherheit. Oft hat man nur Erfahrungsberichte: „Ja, es hat meiner Oma geholfen, also …“

Im Moment ist es so, dass gemäss dem Schweizerischen Krankenversicherungsgesetz (KVG) Leistungen unter der Bedingung bezahlt werden, „wenn nachgewiesen ist, dass sie wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich sind.“

Ich kann nicht einsehen, warum ein Standard festgelegt wird, wie die Wirksamkeit nachgewiesen werden muss, nur um dann eine ganze Gruppe von genau diesem Nachweis zu befreien.

Es gibt darüber hinaus eine Menge Zusatzversicherungen, die man für wenige Franken im Monat bekommen kann, welche dann doch eine Menge der obengenannten Methoden übernehmen. Das ist keine „Zweiklassenmedizin“!.

Und zur „Wirtschaftlichkeit“: Ehrlich gesagt habe ich auch keine Lust, meine Krankenkassenprämie für die Grundversicherung noch mehr steigen zu sehen – und das wäre unter Garantie der Fall, wenn auf einmal einfach alles übernommen wird,

Sicher sollte man die verschiedenen Methoden einmal genauer unter die Lupe nehmen.

Eine Voraussetzung für die Zulassung einer Methode sollte sein, dass der Sicherheitsnachweis der Methode und der entsprechenden Produkte vorliegt und dass ausschliesslich Personen, die eine anerkannte Aus- Weiter- und Fortbildung absolviert haben, autorisiert werden. Sonst besteht die Gefahr, dass die Komplementärmedizin unprofessionell angewendet wird.

Das ist übrigens auch der Standpunkt des Schweizer Apothekervereins, der sich aber in der Abstimmung vornehm zurückhält.

Im Moment finde ich den Artikel nicht annehmenswert. Da fehlt noch viel zu viel.



7 Antworten auf „Zur Komplementärmedizin Abstimmung

  1. …und was meinst Du zur angedachten Praxisgebühr? Ich finde das offen gesagt keine schlechte Idee – da rennen die Leute nicht mehr wegen jedem Wehwehchen zum Arzt… Ich rege mich nämlich jedes Mal auf, wenn ich im Wartezimmer jemandem begegne, der wegen einer stinknormalen Erkältung einen teuren Arztbesuch verursacht…

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  2. Endlich, endlich bloggt noch jemand zum Thema!

    Ich ziehe die Seriositätsgrenze allerdings noch etwas enger. Die Phytotherapie gehört meiner Meinung nach nicht in dieses Voodoo-Paket. TCM ist ein bunter Strauss, bei rund 6000 Präparaten ist klar, dass auch ein paar wirken müssen. Wichtig dabei ist jedoch eins: Es wird von Wirkstoffen ausgegangen – damit liegt grundsätzlich ein Erklärungsmodell vor, aus dem testbare Hypothesen abgeleitet werden müssen.

    Heilslehren, die abverlangen, dass wir zu deren Verstehen die Physik umschreiben müssen, sind mir suspekt. Und ob dem Menschenbild der Anthroposophie – Krankheit ist ein Abbild von schlechtem Karma, und das wiederum kommt von Missetaten in früheren Leben – kann ich mich auch nicht so recht erfreuen.

    Heute wurde in Zürich einmal mehr ein Böögg ohne Gerichtsprozess auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Genügt uns dies denn nicht zur Kultivierung voraufklärerischer Rituale?

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  3. Jetzt beginnt-wie erwartet- die Hinhaltetaktik der Komplementär-Enthousiasten:

    Der „Blick“ schreibt:
    „Jörg Fritschi, Präsident der Union komplementärmedizinischer Organisationen, sagte in «Le Temps», dass man sich jetzt Zeit nehmen wolle und die Dossiers erst im Frühling 2010 einreichen könne.“

    Interessant, wo man doch gleichzeitig Couchepin vorwirft, ER verzögere mutwillig die Aufnahme der Pseudomedizin.

    Fragen:
    1. Wieso hat Jörg Fritschi keine verlässlichen Daten?
    (Die „Komplementärmedizin“ soll ja erwiesenermaßen „zweckmäßig, wirtschaftlich und wirksam“ sein. Jedenfalls hat man das dem Stimmbürger VOR der Abstimmung glauben gemacht. Die Daten müssten also schon lange vorliegen, wo sind sie?)

    2. Wieso bremst er das Votum der Stimmbürger aus?
    (Die Schweizer haben abgestimmt. Der Auftrag an die Regierung ist also klar. Jetzt müssen von Seiten der Initiatoren die Fakten auf den Tisch. Nicht erst in einem Jahr.)

    3. Kann es sein, dass das Schweizer Stimmvolk an der Nase herumgeführt worden ist?
    (Couchepin hat immer auf die Unseriosität der „Alternativmedizin“ hingewiesen. Die Belege für Wirtschaftlichkeit, Zweckmäßigkeit und Wissenschaftlichkeit sind bis heute nicht erbracht worden. Qua Amt muss er nun jedoch dem Votum der Mehrheit entsprechend handeln. Die „Komplemetärmediziner“ verweigern ihm jetzt ihrerseits die notwendigen Daten und schieben ihm den schwarzen Peter unter, ER verzögere den Prozess.)

    Da ist massiv etwas faul.

    Gute Seite, übrigens!
    Hans Fink

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  4. Danke vielmals Herr Fink :-)
    Ich glaube auch, dass es noch eine ganze Zeit dauern wird, bis die Komplementärmedizin wirklich von der Grundversicherung übernommen wird – auch nach dem Ja der Stimmbürger.
    Entweder müssen sie den Gestzestext anpassen (den mit dem zweckmässig und wirksam) oder die ganzen Daten liefern …. und letzteres wird kaum bald passieren, denn die Studien und Daten die dafür erforderlich wären gibt es einfach noch nicht. Die Erhebungen dafür sind reichlich teuer und aufwändig – v.a. wenn man es für jedes einzelne Mittelchen machen müsste (man denke an die paar Hundert in der Homöopathie, der Anthroposophie und der TCM) – also wird es wohl (wieder) eine vereinfachte Zulassung geben, aber auch das muss erst gesetzlich festgelegt werden, nach was für Richtlinien das zu passieren hat.
    Also ich bin gespannt was da noch kommt. Auf jedenfall ist das etwas was (von beiden Seiten) noch eine Menge Geld kosten wird.

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  5. Die vereinfachte Zulassung könnte, wie in Deutschland, über die Erfindung der sogenannten „besonderen Therapierichtungen“ gehen. Dann dürften die Alternativdiziplinen sich gleich selbst die Wirksamkeit bescheinigen. Der Binnenkonsens über die eigene Wirksamkeit reicht dann aus.

    Ich hoffe nur, dass die Schweizer protestieren, wenn ihnen der Bock als Gärtner vorgestellt wird…

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